Ein Konzert des Saitenstraßen-Festivals in der Alpenwelt Karwendel im Festsaal des Haus des Gastes in Wallgau.
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Alles auf Abstand: In allen Ecken des Haus des Gastes sind Musikgruppen positioniert. Auf der Bühne und auf den Rängen ha-ben die wenigen zugelassenen Zuschauer Platz genommen.

Saitenstraßen-Intermezzo:

Von Wallgau in die Welt hinaus: Volksmusik via Livestream

  • Andreas Mayr
    VonAndreas Mayr
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Lange Zeit stand in den Sternen, ob im Oberen Isartal die Neuauflage der Musikreihe „Saitenstraßen“ vonstatten gehen kann. Die Veranstalter sagten eindeutig Ja und wagten ein Experiment, das mit viel Technik und Elan umgesetzt wurde.

Wallgau – Der Herr der Bilder trägt keine Lederhose und auch kein fesches Trachtenhemd. Das würde sich im Fall von Martin Schulze, dem Mann für den Bildschnitt, gar nicht lohnen. Wo und vor allem wie sollte er denn das verschwitzte Teil wieder sauber bekommen? Seit Tagen wohnt der Uffinger in einem umgebauten Regie-Bus auf Parkplätzen irgendwo zwischen Mittenwald und Wallgau.

Sein Tagesziel ist die Dusche am Abend, und die ist hart erarbeitet. Manchmal schläft er erst um 3 Uhr nachts ein, manchmal später.

In der Nacht auf Sonntag sind seine Männer von TC-Showtechnik um 4 Uhr noch durchs Obere Isartal gerauscht. Er nennt sie die „Hau-Drauf-Crew“ und zeigt auf seinen Bizeps, während er erklärt, was sie machen. „Die haben’s da hier“, sagt er, also im Oberarm. Ohne die Männer fürs Grobe flutscht kein einziges Bild, kein Ton vom Wallgauer Haus des Gastes in die Stubn und Wohnzimmer dieser Welt.

Mann am Mikro: Carsten Gerhard

Von all den Szenen, die sich daheim abspielen, haben die Techniker natürlich keine Ahnung. Aber Anton Sprenger nimmt einen gerne mit. Seine Tochter, die Elisabeth, hat am Samstagabend ihr Dirndl angelegt, einen Banzen Bier herangeschafft und ein paar Freundinnen eingeladen. Zusammen saßen sie vor dem Fernsehschirm, klickten sich in den Livestream aus der Mittenwalder TSV-Halle und sahen, wie das Auryn-Quartett klassische Klänge mit Stubn-Musi mischt. „Die haben ein Event draus gemacht“, sagt der Wallgauer.

Also die jungen Frauen. Anton Sprenger hat auch seine Bekannten in Amerika angefunkt, die er vor zwei Jahren bei den „Saitenstraßen“ kennengelernt hat. Einmalige Typen wie Michael Sharkey-Schneider, der eingebayerischte Amerikaner mit dem Gamsbart, der gerne von New York ins Obere Isartal ziehen würde.

Brutales Erlebnis

Sprenger und seiner Frau Regina fällt im Grunde nur ein Wort ein, das der Stimmung der ersten Ausgabe des Musikwochenendes 2019 gerecht wird: „Wahnsinn.“ Selbst wenn sie’s versuchen würden – die Menschen und Momente von damals könnten sie kaum vergessen. Wie sie im Bus durchs Isartal juckelten, ein paar Musikanten plötzlich ihre Instrumente bliesen und der ganze Bus einsetzt. „Das brutalste Erlebnis.“ Oder wie irgendeine unbekannte Gruppe nachts die Schlager aus den 1950ern auspackte. Viele in Wallgau, Krün und Mittenwald haben solche Geschichten zu erzählen. Zur Zeit noch lieber, weil sie einem der heilen Welt ein Stück näher bringen, die es einmal gegeben hat.

Aber jetzt ist Corona – oder sagen wir: möglicherweise die letzten Ausläufe der Pandemie. In diesem Jahr singt niemand im Bus. Sogar den Musikanten, die nach ihrem Auftritt noch gemütlich beieinander hocken wollten, mussten sie sagen: „Manda, geht’s hoam. Diesmal nicht.“

Wenn die Welt nicht zu uns kommen kann, dann gehen wir halt in die Welt raus.

Carsten Gerhard

Kann ein Fest, das von Nähe und Enge, von Menschen und Massen, von Bier und Blasmusik lebt, überhaupt funktionieren? So digital und distanziert? Diese Fragen stellt man am besten dem Architekten des Atmosphäre, Carsten Gerhard, Künstlerischer Leiter der „Saitenstraßen“. Der Doktor der Musikwissenschaft ist ein fröhlicher Mensch, der gerne lacht und Sätze sagt wie: „Wenn die Welt nicht zu uns kommen kann, dann gehen wir halt in die Welt raus.“

Die Ausgabe 2021 soll keine Kopie sein, weil man nicht kopieren kann, was auf den Straßen, Gassen und Plätzen passiert. Vielmehr geht es um ein bisschen Freiheit, ein bisschen Friede, ein bisschen Freude. „Endlich können wir wieder zusammen Musik machen“ – diese Botschaft sollen Bilder auch am Sonntagabend aus Wallgau hinaus transportieren.

Was sich vor den vielen Kameras abspielt, hat nichts mit „diesem klassischen Festivalcharakter“ gemein, den Bürgermeister Bastian Eiter so vermisst. Im Grunde habe man in jedem Ort ein Studio aufgebaut und drei Fernsehsendungen produziert, erklärt Carsten Gerhard. Allerdings keinen ZDF-Fernsehgarten, „da wollten wir nie hin“, betont Martin Schulze. „Wir sind nicht beim BR, wo eine Woche geprobt wird.“ In Wallgau steht auch einmal ein Musikant, wo er nicht stehen soll. Das ist echt, aber eben auch „ein großes Pokerspiel“, wie der Uffinger sagt. An jedem Abend sehen sie die Gruppen zum ersten Mal. Nach zehn Minuten Sendung habe man ein Gespür, ob das heute etwas wird oder nicht.

40 Musikanten im Festsaal

Der Abend startet mit Korbinian Sprenger. Im Fasching hat er mal den Hansi Hinterseer gemimt. Den Auftritt fanden sie im Oberen Isartal ziemlich witzig. Aber Moderator bei einem Konzert dieser Größe ist eine andere Dimension. „Das hat er noch nie gemacht“, sagt sein Vater Anton, der Geigenbaumeister mit Bühnenerfahrung. Korbinian Sprengers Job ist es, die sechs Musikgruppen in Szene zu setzen. Man soll mitbekommen, wer die Frauen und Männer sind, die gerade in eine Klarinette pusten, wenn man sie schon nur in Pixelform über den Plasmaschirm jagen sieht.

Alles im Griff haben Martin Schulze (l.), der Technische Leiter, und Christian Kraus (Regieassistenz) im Übertragungswagen.

Um die 40 Musikanten hat man im Saal untergebracht. „Die Vielfalt des Oberen Isartals wollen sie zeigen, erklärt Jürgen Wild, der für die Medienarbeit zuständig ist. Das war keine leichte Aufgabe, weil sie kräftig reduzieren mussten, von über 400 vor zwei Jahren auf etwa 110. Die Gäste aus Sevilla und Flamenco und aus Ungarn haben sie auch wieder ausgeladen.

Trotzdem flirrte der Sound der Alpen durch den Saal. Mal wieder Lebensfreude nach einer Zeit, in der es zwar immer um das Leben, aber nicht mehr um die Freude ging. Dieses Gefühl manifestiert sich in kleinen Details. Bei Anton Sprenger ist es die Tracht, die er heuer zum ersten Mal angezogen hat.

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