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Da kommen sie: Die Schlittenhunde-Gespanne ziehen das Publikum in ihren Bann.

Tausende Zuschauer an den Trails

Wallgauer Schlittenhunde-Rennen wird zur Hitzeschlacht

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Für die Zuschauer waren die frühlingshaften Temperaturen ein Traum, für die Tiere waren sie grenzwertig. Doch für beide Seiten hat man beim 26. Schlittenhunde-Rennen in Wallgau einen guten Kompromiss gefunden.

Wallgau Daheim in Borken an der Grenze zu den Niederlanden nennen sie ihn „Franz Beckenbauer des Hundeschlittensports“, weil er ihnen 2010 die Weltmeisterschaft in den Ort geholt hat. Doch der Spitzname gefällt Rudi Ropertz eigentlich nicht. Er findet: Die Hunde sind die Attraktion, nicht ihr Lenker, der Musher. Seine Schlittenhunde lieben ihn, und sie lieben den Winter.

Zwar dürfen sie im Sommer abwechselnd die Abende bei Ropertz und seiner Frau Marlis im Haus verbringen. Er sagt „Familientage“ dazu. Aber ihnen fehlen Training und Rennen. Dafür hat man die Scandinavian Hounds, die keine Huskys sind, gezüchtet. Ihr schlimmster Feind ist die Wärme. Die gefährliche Grenze liegt bei zehn Grad. Wird es wärmer, trainiert der vielfache Weltmeister nicht mehr. Seine besonderen Hunde verhalten sich nicht wie die Menschen, die träge und genügsam werden. „Hunde legen keine Pause ein, sie begrenzen sich nicht“, sagt Ropertz. Die Tiere überhitzen, weil sie keine Schweißdrüsen zum Kühlen haben. In den schlimmsten Fällen laufen sie, bis sie umfallen. „Die haben so einen starken Willen.“ Deshalb muss man sie vor sich selbst schützen.

Wallgauer Schlittenhunde-Rennen wird zur Hitzeschlacht

Zwei Stunden Mittagspause

Am Wochenende lauerte die Gefahr bei der 26. Auflage des Schlittenhunde-Rennens im Tal zwischen Wallgau und Barmsee. Über zehn Grad maßen die Veranstalter an den heißesten Fleckchen. „Zu warm“, stöhnt Ropertz. Sieben Grad minus wären ihm lieber gewesen. Das Reglement erlaubt Starts bis zu 15 Grad. Aber dieses Risiko wollte keiner tragen. Die Tierärztin schlug einen Kompromiss vor, den der ausrichtende Skiclub annahm. In der Mittagszeit pausierten die Wallgauer zweieinhalb Stunden.

„Für uns null Problem“, sagt Robert Holzer, Ehrenvorsitzender beim SCW. Er hat jedes Rennen mitgemacht, auch das erste 1988. Damals passte die ganze Ausrüstung auf einen Anhänger – samt zwei Kästen Bier, die Holzer und seine Spezl eigentlich selbst trinken wollten, aber dann doch verkauften.

Gut fürs Geschäft

Mittlerweile ist es so weit gekommen, dass die Brauerei Mittenwald einen eigenen Stand aufbaut. In den Mittagsstunden orderte sie Nachschub, weil die vielen tausend Gäste Wasser, Radler und Apfelschorle weggetrunken hatten. „Einfach eine Schau, wie sich das entwickelt hat“, schwärmt Holzer. Vor Jahren waren die Wallgauer einmal in die Witter umgezogen, kehrten später wieder zum Start an der Finz zurück. Dort haben sie Strom und einen Stadel. Es geht nicht besser, findet Holzer.

So sehr die Musher über Wärme und Sonne klagten: Der Skiclub sieht sie als Geschenk. „Wenn ich ehrlich bin, sind wir gar nicht böse wegen der Pause“, betont Holzer. Alle Schaulustigen, die zuvor am Start Hund und Musher nach vorne gebrüllt hatten, bevölkerten die Biertische im Hofgarten. Jede Wurst, jeder Kuchen, jede Flasche Bier brachte den Skiclub ein Stück näher an sein Ziel: „Wir brauchen Einnahmen.“ Die Wochen, an denen die Wallgauer die Schneemassen weggeschafft haben, waren hart. Und sie kosten Geld. „Sehr viel Geld“, betont der Ehrenvorsitzende.

Zu 100 Prozent auf Gewinnerseite

Manche Rennen lohnten sich nicht, weil sie keinen Cent abgeworfen haben. Voriges Jahr beispielsweise. Minusgrade. Fanden die Hundeführer spitze. Die Gäste froren, klagten und tranken nur Glühwein. Ihnen war zu kalt. Beim Skiclub überlegte man danach mal wieder, ob sich der Aufwand noch lohnt. „Das war scho zach.“ Am Ende siegte die Einsicht, dass auf schlechte Jahre meistens gute folgen. Außerdem braucht der SCW das Geld. Mit dem Gewinn finanziert er seinen Nachwuchs. Der Verein mache das ja nicht „aus Jux und Tollerei“, stellt Holzer klar. Das Wetter in diesem Jahr entschädigt für jede Stunde Plagerei. „Wir sind zu 100 Prozent auf der Gewinnerseite.“

Musher-Legende Ropertz hat über vier Jahrzehnte gelernt, mit Extremen umzugehen. Seine Hunde waren nach der Hitzeschlacht am Samstag so müde, dass sie kaum mehr in die Käfige sprangen. Sie sahen aus wie „wir Menschen nach 14 Stunden harter Arbeit“. Mit etwas Ruhe und viel Fleisch kriegt er sie wieder fit für den zweiten Tag. „Hauptsache keiner hat sich verletzt.“

Manchmal vertritt sich ein Tier. Auf dem harten Schnee bei Vorderriß („Fast wie Beton“) hätte das leicht passieren können. Doch danach schmerzte nur die rechte Hand des vielgereisten Ex-Weltmeisters. Nach vielen Jahre Pause kehrte er zurück ins Obere Isartal, das in der Szene als Hochburg der Reinrassigen bekannt ist.

Traditionsstandort Wallgau

„Ich bin als Fremder angekommen, kenne nichts mehr“, sagt Ropertz etwas nachdenklich. Viele seiner alten Freunde haben aufgehört. Der Sport ist ein anderer geworden. Überall wird mit Auflagen gekämpft oder um das Material geschachert. Früher ist der Schlittenhunde-Zirkus größer, aber auch uriger gewesen. Ropertz sagt: In gewisser Weise sind die Musher selbst schuld, dass die Gemeinden sie nun aussperren. „Nicht alle benehmen sich so, wie sie sollten.“

Umso dankbarer ist er, dass sich Traditionsstandorte wie Wallgau halten. Die Gemeinde macht sich irrsinnig viel Mühe. „Das ist nicht normal.“ Ein bisschen Sonne bleibt das geringste Übel.

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