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Gefangen zwischen Schnee und Eis: In diesem Felsgraben muss Yann Leiner stundenlang ausharren. Dann endlich kommen die Lebensretter.

Bergwacht erhält Post

„Wiedereintritt in mein neues Leben“: Mann verbringt Horrornacht in Felsgraben - Dank an seine Retter berührt

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Die Bergwacht Krün hat Yann Leiner ein zweites Leben geschenkt. Die Einsatzkräfte retteten ihn nach Stunden aus einem Wasserloch im Estergebirge. Jetzt hat sich der Saarbrücker bei ihnen gemeldet.

Update, 26. März 2019: 

Krün – Den Brief aus Saarbrücken hat Sebastian Baumann bereits vor sieben Wochen erhalten. Den Inhalt des zweiseitigen Schreibens gab der Bergwachtchef jetzt bei der Jahresversammlung der Bereitschaft Krün bekannt. Denn alle Mitglieder sollten davon erfahren. Verfasser der berührenden Zeilen ist Yann Leiner, ein 42-jähriger Pädagoge aus dem Saarland.

Yann Leiner hatte unendliches Glück. 

Heuer am 27. Januar wurde diesem Mann ein neues Leben geschenkt – von Baumann und Co. Sie zogen den völlig durchnässten Leiner in einer eiskalten und schneereichen Nacht im Estergebirge aus einem Wasserloch. „Für die unermüdliche Hilfe, Herzlichkeit und die Motivationskünste beim Wiedereintritt in mein neues Leben, das alte hatte ich bereits abgeschlossen, danke ich Euch sehr¨, lässt der überglückliche Leiner die Bergwacht Krün wissen. „Trotz des dramatischen Erlebnisses mit unverhoffter Rettung kann ich sagen, dass ich mich Landschaft und Menschen jetzt noch tiefer verbunden fühle.“

Bergwanderer hofft auf ein Wiedersehen - aber ohne Notlage

„Wirklich nett geschrieben“, findet Baumann. Auch das Ausmaß dieses Schreibens überrascht ihn. „Das ist eher selten.“ Deshalb machte auch der Bereitschaftsleiter – seit neun Jahren im Amt – eine Ausnahme und trug den kompletten Brief und nicht nur Auszüge vor.

Leiner, der beim Abstieg seiner Schneeschuh-Wanderung auf etwa 1200 Metern Höhe einem Abzweiger nach Wallgau folgte und damit buchstäblich vom rechten Weg abkam und plötzlich in einer Felsspalte feststeckte, hat offenbar seine Lektion gelernt. Er wolle künftig „im Gefühl des Zweifels“ die „sichere Variante“ wählen. Doch auf das Bergerlebnis möchte der Saarbrücker keinesfalls verzichten. „Wenngleich noch mal mit anderem Maß.“

Motivation pur

Für den Sommer plant Leiner einen Urlaub in Süd- und Osttirol. „Ich habe vor, in Wallgau oder Krün Zwischenstation einzulegen und freue mich, wenn ich dabei den einen oder anderen ,Berg-Engel‘ wiedersehe.“ Vorab hat er seinen Lebensrettern schon mal zwei Flaschen Schnaps zukommen lassen.

Der Leiner-Brief ist für die 57 Aktiven der Bereitschaft Doping und Motivation pur. Zumal sich die Dankbarkeit der in Not geratenen oftmals in Grenzen hält, wie Baumann aus leidvoller Erfahrung zu berichten weiß.

„Wo bleibt’s denn so lang!“, schallt es ihm und seinen Kameraden nicht selten entgegen. Da heißt es, nicht die Selbstbeherrschung zu verlieren. „Viele meinen, wir werden bezahlt.“ Doch Baumann und seine Freunde machen diese anspruchsvolle und mitunter gefährliche Arbeit in ihrer Freizeit – unentgeltlich.

In Yann Leiner hat die Bergwacht-Bereitschaft Krün einen Menschen gefunden, der das erkannt hat und zu schätzen weiß. Da kann man sich beim Verlesen seines Briefes schon mal Zeit lassen.

Erstmeldung: 

Saarbrücken/Krün – Die Hoffnung kehrte in Form eines hellen Strahls zurück. „Ich habe ein Licht gesehen“, sagt Yann Leiner. „Plötzlich war das Leben wieder greifbar.“ Knapp sechs Stunden harrt der Saarbrücker am Sonntagabend im Estergebirge bei Eiseskälte in einem Felsgraben aus – völlig durchnässt, mit seinen Kräften am Ende.  „Eine absolute Grenzerfahrung“, blickt er zu Hause in Saarbrücken mit drei Tagen Abstand zurück auf die schlimmsten Stunden seines Lebens. Die Horrornacht in der Jungfinz überlebt er mit viel Glück dank der modernen Technik und des beherzten Eingreifens der Bergwacht Krün.

„Was diese Männer geleistet haben, das hat mich schwer beeindruckt“, betont Leiner. „Das sind gutherzige Menschen, denen ich einfach nur dankbar bin.“ Am Mittwoch saß der Pädagoge, der in Sachen Lehrer-Fortbildung tätig ist, am Schreibtisch und verfasste einen entsprechenden Brief an seine persönlichen Helden von der Krüner Bereitschaft. „Sie haben mir einen weiteren Geburtstag geschenkt.“

Noch einmal rekapituliert er die Ereignisse jenes 27. Januar, die dem Saarbrücker um ein Haar das Leben gekostet hätten. Leiner befindet sich zu einem verlängerten Wochenende im Oberen Isartal. Im Wallgauer Alpenhof hat der begeisterte Alpinist Quartier bezogen. Am Sonntag um 9.15 Uhr bricht der 42-jährige Bergfex von dort Richtung Krüner Alm im Estergebirge auf. „Eigentlich wollte ich ja auf die Hohe Kiste gehen.“ Angesichts der Unmengen von Schnee entscheidet sich Leiner für die weitaus kürzere Tour.

Gegen 14.30 Uhr hat der Mann mit seinen Schneeschuhen sein Ziel erreicht. Eine halbe Stunde später beginnt der Abstieg. An einer Kehre, „Böbls Kurve“, auf gut 1200 Metern Höhe erblickt Leiner einen Abzweiger nach Wallgau. Er entschließt sich, diesem Schild zu folgen – eine fatale Entscheidung. „Der Weg war schwer zu erkennen, stark abschüssig.“ Irgendwann merkt der Saarbrücker, dass er vom schneebedeckten Pfad immer mehr abkommt. Nun will er zurück zum Hauptweg. „Ich habe es nicht geschafft.“

„Ich habe nicht mehr damit gerechnet, mich meinem Schicksal ergeben.“

Leiner weiß, dass seine Lage kritisch ist. Er gerät im oberen Teil der sogenannten Hölzleklamm in einen felsdurchsetzten, steilen Graben, der sich bald als Falle herausstellen sollte. Der unwirtliche Einschnitt wird immer enger. Der Wanderer kämpft sich durch ein knietiefes Schneefeld. Plötzlich bricht er kurz nach 17 Uhr seitlich weg und stürzt rund drei Meter ab. „Ich habe den Halt verloren.“ Der Saarländer landet direkt im Bachbett der Jungfinz. Das eiskalte Wasser frisst sich durch seine Kleidung. „Ich war völlig durchnässt.“ Auch sein Handy hat etwas abgekriegt – außer Funktion. Langsam setzt die Dämmerung ein. Was tun? „Ich habe angefangen mit den Stöcken zu graben.“ Auch um warm zu bleiben. Seine Notlage verbessert er kaum. Immerhin muss er dank des herausgebrochenen Schnees nicht mehr im Wasser stehen.

Leiner kauert sich zusammen. Er friert am ganzen Leib. Auf einmal springt sein Handy an. Über die Alpenvereins-App wählt er die Notrufnummer 112. Unzählige Male probiert er es – immer und immer wieder. „Dann hatte ich jemand an der Strippe.“ Es ist 18.34 Uhr. Die Alpinpolizei Hall in Tirol meldet sich. So gut es geht, teilt Leiner seinen Standort mit. „Ich habe gesagt, was mir eingefallen ist“ – zwischen Wallgauer Alm und Finzbach, Jungfinzgraben. Dann fährt der Körper des Verunglückten endgültig runter. „Ich geriet in einen völligen Dämmerzustand.“ Die Retter sind alarmiert, aber ob sie ihn finden? „Ich habe nicht mehr damit gerechnet, mich meinem Schicksal ergeben.“

Bergwachtmänner retten ihm das Leben

Inzwischen ist es 23 Uhr, stockdunkle Nacht. Draußen, über Leiner, hat es wieder zu schneien begonnen. Der Saarländer – beinahe schon apathisch – bemerkt einen Lichtschein. „Erst glaubte ich, es sei eine Illusion.“ Doch dann hört er Stimmen. „Auf einmal war ich revitalisiert, ich habe gerufen und gepfiffen.“ Die Bergwachtmänner, die wie wild eine Schneise graben und ihn nach oben ziehen, erscheinen ihm wie Schutzengel. Sie befreien ihn von seinen nassen Klamotten, stecken ihn in den wärmenden Biwaksack. Nun muss der völlig unterkühlte Leiner noch einmal seine ganzen Kräfte zusammennehmen und mit seinen Rettern Richtung Pistenbully gehen. „Es war wie in Trance.“

Aber Yann Leiner ist nicht mehr allein. „Wie die Bergwachtmänner mich motiviert haben weiterzumachen, ist unglaublich.“ Die Fahrt hinunter ins Tal nimmt er nur mehr schemenhaft wahr. Gegen 2 Uhr wird Leiner im Klinikum Garmisch-Partenkirchen eingeliefert. Die Ärzte stellen bei ihm noch eine Körpertemperatur von knapp über 35 Grad Celsius fest.

Mit leicht erhöhten Entzündungswerten tritt der Saarbrücker wenige Stunden nach der Horrornacht bereits am Montag mit der Bahn die Heimreise an. Er hat die zweite Chance bekommen – dank 16 Bergwachtmännern und zweier Polizisten.

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