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Noch brennen die Finger nicht: Christine Gerg strickt „Dirndltattoos“. Für ein Paar braucht sich bis zu 40 Stunden. 

Knalliges für die Knöchel

Nicht gestochen, sondern gestrickt: Wallgauerin kreiert Dirndl-Tattoos

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Ist es ein Tabubruch? Provokation? Nicht für Christine Gerg. Die Wallgauerin strickt „Röcklinge“ für Frauen. Jetzt kreiert die Isartalerin noch mutigere Modelle. Weil sich Tracht für sie entwickeln darf, solange sie Stil hat.

Wallgau – Christine Gerg hat eine steile These: „Jede junge Frau“, sagt sie, „will ihrem Traummann einmal Heaslan stricken.“ Als Mittenwalderin war sie damals euphorisch, voller Vorfreude. In ihrem Heimatort trägt man(n) die schönsten Wadlstrümpf’, findet sie. Gerg verliebte sich. Allerdings in einen Wallgauer. Ausgerechnet in einen Wallgauer. Haben die doch die „einfachsten“ Heaslan. Graue Zöpfe, grüner Rand – zu schlicht für ihren Geschmack.

Heute ist sie froh darüber, wohin sie ihr Herz verschlagen hat. „Mein Mann war ausschlaggebend“, sagt die 56-Jährige und grinst. Dafür, dass sie nun ausgefallenere Modelle erschafft. Vor fünf Jahren entstanden die ersten farbenfrohen Wadlwärmer für Frauen. Gerg taufte sie „Röcklinge“. Ein geschützter Name. Er soll darauf hindeuten, dass man sie zu Rock und Dirndlgwand anzieht. „Sonst wär’s ein Stilbruch“, betont die Hobbyschneiderin. Jetzt gibt es den nächsten wolligen Trachten-Beinschmuck aus dem Hause Gerg. Eine Art Knöchelstrumpf. Der Name klingt paradox: Dirndltattoo. Der Slogan – pfiffig: nicht gestochen, sondern gestrickt.

Dirndltattoos: Erfinderin steht hinter ihren Kreationen

Gerg sitzt auf der Couch in ihrer urigen Wohnzimmerstube mit Kachelofen, unter dem ein Berg Wollknäuel lagert. Auf dem Tisch liegt eine längliche Schiefertafel, geziert mit dem Schriftzug Dirndltattoo, den eine Freundin, eine Kalligrafistin entworfen hat. „Der Name“, sagt Gerg begeistert, „ist so abgefahren, dass er wieder gut ist.“ Er passt zu ihrer Einstellung. „Wir dürfen in der Tracht nicht stehen bleiben, müssen ihr Feuer weitertragen.“

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Die Wallgauerin steht hinter ihren Werken, beweist Mut. Auch auf die Gefahr hin, dass sie mit ihren raffinierten Eigenkreationen bei Traditionalisten unter Umständen aneckt. Dabei ist die Dekorateurin im Trachtenhaus Leismüller mit der Geschichte von Dirndl und Lederhose bestens vertraut, arbeitet historische Elemente in ihre etwa zehn Zentimeter breiten und zum Teil knalligen Tattoos ein. „Früher hatten die halt nur grün und grau als Farben.“ Sie holt ihr Premierenstück hervor, streift es sich über den Fuß: Es ist grün-, blau-, weiß- und schwarz-gemustert. Gerg sieht’s als „kleine Note, die unterm Dirndl rausblitzt“. Unterm langen Dirndl wohlgemerkt, am besten über Haferlschuhen. „Ich find’s heiß“, sagt die temperamentvolle Isartalerin im Brustton der Überzeugung.

Positive Resonanz bei der Handwerksmesse in München

Die erste Bewährungsprobe hat sie bereits überstanden. Fünf Tage lang präsentierte Gerg ihre revolutionären Knöchelstrümpf’ auf der Handwerksmesse in München. Solange hielt sie diese unter Verschluss. Wie ihre Dirndltattoos ankommen, war schwer einzuschätzen. Schließlich ist der 56-Jährigen bewusst, dass sie eher Ungewöhnliches strickt. Die Resonanz bestätigte sie in ihrem Tun. Gergs blaue Augen blitzen, wenn sie von den Messe-Erfahrungen spricht. Von den Omas, den fetzigen Frauen und den jungen Männern, die schwärmten. Für die Wallgauerin eine schöne Wertschätzung. „Ich hätte als reiche Frau rausgehen können“, erzählt sie, „wenn ich alle Wünsche erfüllt hätte.“

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Die Nachfrage sei „brutal“. Bestellungen nimmt Gerg aber nicht an. Jedes ihrer Dirndltattoos gibt es nur einmal auf der Welt. Jede Masche stammt von ihr. 30 bis 40 Stunden arbeitet sie an einem Paar. Mal zuhause, mal nimmt sie das Strickzeug zur Skitour ins Dammkar mit. Gerg lässt sich von der Natur inspirieren.

Einzelstücke und Erbstücke

Wie ihre Muster am Ende aussehen? Das weiß sie in der Regel am Anfang noch nicht. Gerg improvisiert oft. Deshalb kann sie auch keine Anleitungen schreiben. Die Ideen „passieren im Kopf“, während des Strickens. Nur das Farbkonzept steht meistens. Viel verdankt die gelernte Floristin ihrer Praxislehrerin. „Ich könnt sie heute küssen“, sagt Gerg und lacht. „Was verstehst du denn mit 15 von Komplementärfarben?“. Jetzt hat sie ein geschultes Auge dafür, was zusammenpasst. Dafür, gibt sie offen zu, „bin ich ein Büro-Depp“.

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Seit der Kindheit werkelt sie mit Stricknadel und Co. In der dritten Klasse schenkte die Patentante ihr ein Paket Wolle. Gerg legte los, fertigte sich in den Osterferien – zum Teil bis nachts – einen Trachtenjanker. Die Leidenschaft ging nie verloren, genausowenig wie die Kreativität. Gerg kupfert nicht ab. „Ich will nicht auf Züge aufspringen“, stellt sie klar. „Sondern vorne wegfahren.“

Die Wallgauerin nimmt ein Dirndltattoo in die Hand, streicht drüber. Für sie ist es nicht nur einfach Wolle. „Wenn man drauf aufpasst“, sagt sie, „sind’s Erbstücke.“ Das macht Gerg stolz. „Was Schöneres kann ich der Welt nicht hinterlassen.“

Weitere Infos

gibt’s auf Facebook unter wallgauthentisch.

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