In Wallgau haben am Samstag Hunderte bei einer Verkehrsdemonstration gegen den zunehmenden Ausflugsverkehr demonstriert.
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In Wallgau haben am Samstag Hunderte gegen den zunehmenden Ausflugsverkehr demonstriert.

Staus am Samstag

Oberbayerisches Dorf bremst Ausflugsverkehr mit Demo: Promi demonstriert mit - wegen Mundschutz inkognito

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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350 Demonstranten zeigen Flagge und bringen in Wallgau den Durchgangsverkehr zum Stillstand. Ein aufrüttelnder Protest, bei dem sogar ein Promi mitmacht.

  • In Wallgau haben am Samstag Hunderte gegen das Verkehrschaos durch Ausflügler demonstriert.
  • In der Corona-Pandemie hat sich der Verkehrsdruck auf die Region verschärft.
  • Mit dabei bei der Demo war auch eine Prominente - die wegen des Mundschutzes von vielen nicht erkannt wurde.
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Wallgau – Katharina Zunterer ist gleich auf mehreren Fernsehsendern zu sehen. In zahlreichen Sendungen steht sie Reportern Rede und Antwort. Erklärt ausgiebig, warum das kleine idyllische Tourismusdorf Wallgau sich gegen die Verkehrsmassen auflehnt. Hätte ihr das jemand vor wenigen Wochen gesagt, hätte sie ihm womöglich den Vogel gezeigt, meint sie. Bayerischer Rundfunk, Sat1, Welt, Bild – Zunterer wird unverhofft zum Gesicht einer Bewegung, die mit der Demonstration „ausbremst is!“ am Samstag in Wallgau erst so richtig Fahrt aufgenommen hat.

Demo in Wallgau: ein Zeichen setzen

Derweil will die 34-jährige Wallgauerin eigentlich genau das Gegenteil: Ruhe. Weil es aber eine solche im Oberen Isartal aufgrund der Blechkolonnen, die sich jedes Wochenende mit zigtausenden Autos durchs Dorf schieben, nicht mehr gibt, muss gehandelt werden. Zunterer will ein Zeichen setzen. „Auf die Straße gehen“, wie sie sagt. Sie ruft zum Protest auf, hofft auf viele andere, die das Chaos genauso satt haben.

Natürlich haben sich Mitstreiter angekündigt – unter anderem die rührige Radinitiative Garmisch-Partenkirchen. Aber dass am Samstag gleich so viele kommen, verblüfft die Initiatorin enorm. Sie zeigt sich regelrecht geplättet ob der Eigendynamik, die ihr Aufruf entwickelt hat.

350 Demonstranten kommen zur Aktion in Wallgau

Eigentlich möchte Zunterer nur auf die verheerenden Autoschlangen in ihrem Wohnort hinweisen, zu einem Umdenken in der Verkehrspolitik in Oberbayern stimulieren. Doch das, was sie erreicht hat, ist viel mehr: Ihr Hilferuf lässt mittlerweile bundesweit aufhorchen.

Mit 350 anderen Leidensgenossen blockiert sie am Samstag – ausgerechnet zu Beginn der Sommerferien – von 11 Uhr bis 12 Uhr die Bundesstraße 11 durch Wallgau. Gegen 10.45 Uhr steht Zunterer im Dirndl am Ortsrand des malerischen Dorfes. „Bichl“ nennen die Einheimischen die Stelle an der B 11.

Wallgau: Jede Menge Journalisten und Polizisten wegen Demo

Noch haben sich mehr Journalisten und Polizisten als Demonstranten eingefunden. „Ich hoffe, da kommen noch ein paar“, sagt Zunterer. Kamerateams streiten sich darum, wer sie zuerst vor die Linse für ein Interview bekommt. Mit diesem Medienrummel hat die Isartalerin nicht gerechnet. „Aber es freut mich, dass unser Anliegen Gehör findet.“

Auch Gemeinderäte treffen ein: CSU-Ortsvorsitzender Bernhard Neuner, Vizebürgermeister Bernhard Wilde und Hans Baur. Sie sind sozusagen fraktionsübergreifend gekommen, solidarisieren sich mit der guten Sache. „Hier geht es nicht mehr um Politik“, betont Neuner.

Verkehr in Wallgau wird zum Auto-Fluch

Die Wolken verziehen sich. Langsam dringen warme Sonnenstrahlen durchs Dickicht des Wallgauer Bergwalds. Um fünf nach 11 Uhr setzt sich mit kurzer Verzögerung der Protestzug in Bewegung. Transparente werden hochgehalten. Die Teilnehmer gehen auffallend langsam. Denn eines beabsichtigen sie schon auch: Die Durchgangsstrecke soll möglichst lange gekappt sein, Autofahrer aus Richtung Walchensee und Mittenwald sollen warten.

Der Stau auf beiden Seiten hält sich allerdings in Grenzen. Viele Durchreisende haben die Meldungen im Radio verfolgt, umfahren das Werdenfelser Land großräumig. Doch das bewahrt das Loisachtal und Garmisch-Partenkirchen keineswegs vor dem obligatorischen Auto-Fluch.

Wallgau: Dorf-Solidarität statt Verkehrschaos

Trotzdem gibt es genug Unwissende, die in Wallgau plötzlich vor einer Absperrung ausharren müssen. „Einige schimpften schon, dass sie überhaupt nicht verstehen können, warum sie jetzt im Stau stehen. Schließlich zahlen sie doch Steuern“, erzählt ein Polizist. Doch sind das die Ausnahmefälle an diesem Tag.

Aufregen tun sich die wenigsten. „Wir bekommen wahnsinnig viele positive Resonanz vom Straßenrand“; sagt Zunterer freudestrahlend. Einheimische sitzen auf Bänken vor ihrem Haus und genießen die ungewöhnliche Ruhe für Samstagmittag. „Normalerweise ist jetzt Motorenlärm zu hören. Es ist teils gefährlich, am Straßenrand zu gehen“, verdeutlicht die Initiatorin.

Demo in Wallgau: Olympiasiegerin kommt mit Mundschutz

Mit im Demozug marschiert auch Biathlon-Olympiasiegerin Magdalena Neuner. Sie muss lachen. Ein ZDF-Kamerateam hat sie als Demonstrantin zum Interview gebeten, sie aber wegen ihres Mundschutzes nicht erkannt. „Ach, Sie sind es, dass ist ja passend, da haben wir gleich die richtige erwischt“, sagt die Moderatorin mit einem Schmunzeln.

In Wallgau demonstrierte am Samstag auch eine Prominente mit - Olympiasiegerin Magdalena Neuner.

Auch die zweifache Mutter Neuner hat guten Grund, Stellung zu beziehen. „Mein Kind kommt bald in die Schule.“ Die Sicherheit auf dem Schulweg sei da natürlich das A und O. „Zudem wird unsere Natur hier sehr belastet. Wir müssen sie erhalten.“ Die Autolawinen würden alles andere als dazu beitragen.

Bürgermeister Bastian Eiter hat eigentlich einen privaten Familienausflug an diesem denkwürdigen Samstag geplant, sagt ihn aber ab, um Flagge zeigen zu können. Zunterer würdigt am Ende vor allem dessen Engagement. „Danke, dass Sie uns so geholfen haben.“

Die nächsten Demos

finden am 8. August in Grainau, am 22. August in Kochel, am 5. September in Murnau sowie am 12. September als großes Finale in Garmisch-Partenkirchen statt.

Auch andere Orte in Oberbayern leiden aktuell unter den Massen an Ausflüglern. Am Walchensee geht in diesen Tagen gar nichts mehr. Auch in den vergangenen Wochen waren vielerorts in Bayern Seen und Berge völlig überfüllt. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen sieht sich ein kleines Dorf angesichts der Besucherströme plötzlich einem Massentourismus gegenüber.

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