Nach dem Turmblasen gibt es traditionell ein Ständchen für die Mesnerswitwe Centa Ortlieb (v.l.) Orchesterleiter Michael Schmidt, Thomas Reindl, Stefan Keller, Michael Gerstberger, Michael Jochner, Max Mangold, Ludwig Betzmeir (nicht zu verwechseln mit seinem im Text vorkommenden Namensvetter) und Norbert Borzym. Foto: Herpen

Weihnachtslieder aus 45 Metern Höhe

Murnau - Wenn am Heiligen Abend die Kindermette vorüber ist, und die Menschen aus der Pfarrkirche St. Nikolaus ins Freie strömen, schlägt die Stunde der Murnauer Turmbläser.

Aus dem Glockenraum in 45 Meter Höhe lassen sie Weihnachtslieder erklingen, unterbrochen nur vom Stundenschlag des über ihnen hängenden Geläutes. Die Idee geht auf Willy Höcherl, den Gründer und langjährigen Leiter des Murnauer Jugend- und Blasorchesters, zurück. „Der damalige Murnauer Mesner Rasso Ortlieb war begeistert, als wir ihm vorgeschlagen haben, dies in Murnau zu tun“, erklärt Höcherl.

Am 24. Dezember 1976 bestiegen erstmals vier Bläser den Turm, wobei sie mit ihren schweren Instrumenten die steile Treppe zu bewältigen hatten. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Ludwig Biehler, Richard Geiger und Jakob Lidl, später kamen Thomas Legner, Norbert Borzym und andere hinzu. Heute sind es zwischen zehn und zwölf Personen, die am 24. Dezember auf den Kirchturm hinaufklettern. Dazu müssen die Bläser den Altarraum queren. Damit dies während der Mette nicht so auffällt, spielen die Musiker ein Lied, um dann diskret zu verschwinden. „Oben haben wir eine Viertelstunde Zeit, um uns vorzubereiten“, sagt Borzym (51). Kalt sei es da, und zugig, wegen der Schallöffnungen in alle vier Himmelrichtungen. „Aber der Ausblick ist phantastisch“, schwärmt Legner (49), „die vielen Lichter auf dem Friedhof, der beleuchtete Weihnachtsbaum, und die Stille rings umher. Erst wenn wir gespielt haben, ist es so richtig Weihnachten.“

Das Startsignal gibt der Mesner mit der Beleuchtung. Wie intensiv die Weisen wahrgenommen werden, liegt am Wind, sagt Ludwig Betzmeir (36), Turmbläser seit 25 Jahren: „Bei starken Böen aus Südwesten hat uns vor der Kirche kaum einer spielen hören, drüben in Weindorf aber schon.“ Ein Erlebnis wird ihnen immer im Gedächtnis bleiben. „Es ist dort oben ziemlich eng, zumal wir uns rings um die große Glocke herum aufstellen mussten. Wir waren fast alle oben, als diese zu schwingen und dann zu läuten begann. So schnell wir nur konnten, haben wir uns in Sicherheit gebracht und uns die Ohren zugehalten, denn uns platzte fast das Trommelfell“, erinnert sich Höcherl (79). Mesner Ortlieb hatte vergessen, das elektrische Läutwerk abzuschalten. Künftig hätten sich die Bläser jedes Jahr aufs Neue vergewissert, dass die Glocken während ihres Auftritts schwiegen. Legner und Borzym werden heuer nicht mehr dabei sein, damit junge Nachwuchsmusiker an die Tradition anknüpfen können.

Eines lassen sich die Bläser indessen nicht nehmen. Nach ihrem Auftritt bringen sie der Mesnerswitwe Centa Ortlieb (65) vor ihrem Haus an der Grüngasse ein zusätzliches Weihnachtsständchen. „Früher haben sich die Turmbläser nach ihrem Auftritt immer bei meinem Mann im Mesnerhaus getroffen. Nach seinem Tod 1995 haben sie diese Tradition fortgesetzt. Plötzlich standen sie am Heiligabend vor meiner Tür“, sagt Ortlieb. „Meine Nachbarn freuen sich auch, wenn gespielt wird.“

Bei den Turmbläsern das zweite Mal dabei ist Max Mangold (16): „Dort oben zu stehen und zu musizieren, ist sehr eindrucksvoll, am Besten gefällt mir, wenn die Kinder aus der Mette kommen, und sich über unser Spiel freuen.“ Dass dies auch künftig so bleibt, dafür werden er und seine Kameraden aus dem Jugend- und Blasorchester sorgen. her

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare