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Es ist Deutschlands höchster Arbeitsplatz, aber nicht der größte: Auf 16 Quadratmetern arbeiten Marco Kirchner und seine Kollegen in der Wetterstation der Zugspitze. Es gibt ein ausklappbares Bett, eine Kochplatte – und jede Menge Extreme.

Wetterbeobachter auf der Zugspitze

Der letzte Arbeitstag der Wolkenzähler

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Marco Kirchner hat einen beneidenswert schönen Arbeitsplatz. Er ist Wetterbeobachter auf der Zugspitze. Ein Beruf für Menschen, die die Natur mit all ihren Extremen lieben. Und ein Beruf, der immer mehr durch Technik ersetzt wird. Zum 1. Juni zieht der Wetterdienst seine Beobachter ab – auf der Zugspitze beginnt nach 118 Jahren eine neue Ära.

Garmisch-Partenkirchen – Marco Kirchners Arbeitstag beginnt mit einem lauten Knall. Der  41-Jährige ist gerade erst in der Wetterstation der Zugspitze angekommen, da schlägt in unmittelbarer Nähe der erste Blitz ein. „Der erste ist immer schwer vorhersehbar“, sagt Kirchner. Aber er ist fast immer der erste von vielen. Der 41-Jährige blickt auf den Monitor, auf dem er die Gewitterzellen als rote Flecken über die Region ziehen sieht. Dann ruft er den Hausmeister an. Und die Arbeiter, die gerade auf der Baustelle beschäftigt sind – um sie vor dem Gewitter zu warnen. „Jetzt draußen zu arbeiten, wäre lebensgefährlich“, sagt Kirchner. Er blickt aus dem kleinen Fenster aus dem 16 Quadratmeter großen Raum ins dichte Schneegestöber. Kein Mensch mehr zu sehen. Es blitzt, es donnert, dazwischen ist es ganz still. Als wäre Marco Kirchner allein auf der Welt.

Er mag diese Momente. Denn er mag die Natur mit ihren Extremen. Deshalb hat er sich vor drei Jahren für die Wetterbeobachtung auf Deutschlands höchstem Gipfel beworben. Eine Schicht hier oben dauert 24 Stunden. Nur zwischen 21.30 und 5 Uhr früh dürfen die Wetterbeobachter eine Pause machen, das schmale Bett aus dem Schrank klappen und schlafen – wenn sie können. Es gab hier oben auf knapp 3000 Meter Höhe Nächte, in denen fühlte es sich für Marco Kirchner an, als wäre er der Hölle näher als dem Himmel. Manchmal tobt die Natur hier so gewaltig, dass selbst erfahrene Meteorologen wie Kirchner kaum ein Auge zubekommen. „Das Gebäude ist 1900 gebaut worden“, sagt er. „Wenn der Wind hier oben richtig pfeift, knarrt und knackst es überall. Dann fühlt es sich an wie auf einem Segelschiff.“

Das Wetter im Blick: Marco Kirchner warnt die Bauarbeiter auf der Zugspitze vor einem Gewitter.

Kirchner hat nicht nur stürmische Nächte auf der Zugspitze erlebt. Sondern auch unzählige Blitzeinschläge und Schneestürme. Und unbeschreiblich schöne Sonnenauf- und -untergänge. Erst neulich, als er um fünf Uhr morgens ganz allein oben auf der Plattform stand und beobachtete, wie sich der Himmel über den Wolken rot färbte, hat er sein Handy aus der Tasche gezogen und einige Fotos gemacht. Weil er weiß, dass er Momente wie diese künftig nicht mehr erleben wird. Denn zum 1. Juni zieht der Deutsche Wetterdienst nach 118 Jahren seine Beobachter von der Zugspitze ab. Ihre Arbeit wird weitgehend durch moderne Technik ersetzt. „Dass dieser Tag kommen wird, ist schon seit Jahren klar“, sagt Kirchner. Der Wetterdienst bekommt immer mehr Aufgaben, aber nicht mehr Personal. Dank der modernen Technik ist die Wetterbeobachtung auf Bayerns Gipfeln am ehesten verzichtbar. Bis 2021 sollen alle 182 hauptamtlichen Wetterstationen in Deutschland automatisiert laufen. 155 davon tun das schon. Nur auf dem Hohenpeißenberg werden weiterhin Wetterbeobachter rund um die Uhr eingesetzt. Denn dort befindet sich ein meteorologisches Observatorium. „Unsere Wetteraufzeichnungen vom Hohenpeißenberg sind seit 1781 ununterbrochen“, erklärt Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst. Das ist weltweit einzigartig – und soll fortgesetzt werden.

Die Wetterbeobachter auf Bayerns Gipfeln tragen die Daten zusammen, aus denen die Meteorologen die Wettervorhersagen machen. Kirchner und seine Kollegen tippen in den Computer ein, wie viel es geregnet hat, wie viel Schnee gefallen ist. Dazu kommen Werte zu Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sichtweite, Sonnenscheindauer, selbst die Zahl und Form der Wolken wird notiert. Doch dieser Beruf stirbt langsam aus. Auch wenn die Augenbeobachtungen nur teilweise durch Technik ersetzbar sind, erklärt Kirchner. „Aber durch die Satelliten und den Radar gibt es inzwischen so viele Daten, dass die Bedeutung unserer Werte abgenommen hat.“ Auch die Wetterstation der Zugspitze ist längst technisch auf dem neuesten Stand. Es gibt zum Beispiel bereits Sensoren, die den Niederschlag automatisch erfassen. Allerdings vereisen sie schnell. „Dadurch werden die Werte verfälscht.“ Um das zu verhindern, werden auch künftig noch zeitweise Wetterbeobachter auf dem Gipfel sein. Allerdings nicht mehr täglich und rund um die Uhr.

Das Gebäude der Wetterstation ist 1900 erbaut worden.

Marco Kirchner wird nicht mehr zu diesem Team gehören. Er hat am 31. Mai seine letzte Schicht auf der Zugspitze. Ab Sonntag arbeitet er als Wetterbeobachter im Tower des Flughafens München. „Ein bisschen traurig bin ich, dass die Zeit hier zu Ende ist“, sagt er. Er mochte die Extreme, die er hier oben erlebt hat. Auch wenn in seiner Zeit kein Rekord dabei war. Den kältesten Tag haben Wetterbeobachter am 14. Februar 1940 erlebt – bei minus 35,6 Grad. Die höchste Windgeschwindigkeit, sagenhafte 335 km/h, wurde am 12. Juni 1985 gemessen. „Jeder Dienst hier oben war etwas anderes“, sagt Kirchner. Manchmal hatte er Schulklassen zu Besuch, manchmal klopften neugierige Wanderer an der Holztür. Manchmal war er 24 Stunden völlig allein mit der Natur. „Das ist sicher nicht für jeden etwas“, sagt er. „Für mich war es auch bei Blitz und Donner ein Traumberuf.“

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