Drei Pflegekräfte stehen in Ganzkörper-Schutzausrüstung um das Bett eines Corona-Patienten.
+
Die Situation auf den Corona-Stationen ist angespannt. Die meisten Betten sind aktuell belegt.

Drei Tage auf der Corona-Station

Grünen-Politiker Andreas Krahl: „Die Kliniken stehen kurz vor der Überlastung“

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
    schließen

Andreas Krahl ist nicht nur Landtagsabgeordneter, sondern auch Krankenpfleger. Er hat dem Klinikum Garmisch-Partenkirchen seine Unterstützung angeboten. Die Situation auf den Corona-Stationen ist sehr angespannt, berichtet er. Er hat hat einen eindringlichen Appell.

  • Grünen-Politiker Andreas Krahl hilft auf Corona-Station aus
  • Krankenhäuser stehen kurz vor der Überforderung, berichtet er
  • Krahls Appell: Auch an Weihnachten auf Kontakte verzichten

Andreas Krahl sitzt seit 2018 für die Grünen im Landtag. Vorher war er Krankenpfleger. Schon bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr hatte er im Krankenhaus in Weilheim ausgeholfen. Nun hat er bis Mitte Januar seine Hilfe im Klinikum in seinem Heimat-Landkreis Garmisch-Partenkirchen angeboten. Drei Tage lang war der 31-Jährige auf der Corona- und der Intensivstation im Einsatz – er berichtet davon im Interview.

Ist der Alltag im Krankenhaus aktuell mit dem vergleichbar, den Sie aus Ihrer Zeit als Pfleger kennen?

Im Krankenhaus haben wir immer auch mit infektiösen Patienten zu tun gehabt. Die Schutzmaßnahmen sind identisch. Ich habe früher auf einer Brandverletzten-Intensivstation gearbeitet, da waren die Hygienestandards sehr hoch. Aber natürlich ist die Corona-Situation eine ganz andere Welt, da wir diese Maßnahmen bei fast allen Patienten umsetzen müssen.

Wie anstrengend ist die Arbeit in einem Ganzkörperschutzanzug?

Das ist wirklich eine körperliche Herausforderung. Jedes Zimmer ist eine in sich abgeschlossene Einheit, man kann also nicht ständig rein und raus gehen. Wir tragen einen Ganzkörperschutzanzug, eine FFP2-Maske, Handschuhe, ein Haarnetz und dazu entweder ein Visier oder einen Unterdruckhelm. Je länger man im Zimmer ist, desto anstrengender wird es. Man schwitzt sich in so einer Ausrüstung während einer Acht-Stunden-Schicht wirklich die Seele aus dem Leib.

Wie angespannt ist die Lage gerade?

Die Situation ist angespannt, wir stehen kurz vor einer Überlastung der Krankenhäuser. In Garmisch-Partenkirchen waren am Wochenende noch ein bis zwei Betten frei, einige Pflegekräfte sind erkrankt. In anderen Kliniken ist die Lage vielleicht schon deutlich dramatischer.

Wie haben Sie die Stimmung bei den Pflegekräften und Ärzten erlebt?

Im medizinischen und pflegerischen Bereich kennen wir Überlastungen – die gibt es nicht erst seit Corona. Deshalb ist auch eine gewisse Routine da. Aber man muss auch klar sagen: Diese Berufsgruppen sind einfach einem Risiko ausgesetzt, das allen bewusst ist. Selbst beim besten Schutz lässt sich eine Infektion nie ganz ausschließen. Im Frühjahr gabe es noch Bonuszahlen für die Pflegekräfte, kostenloses Essen, viel Applaus. Jetzt haben wir deutlich höhere Infektions- und Todeszahlen. Und die Politik hat andere Bereiche wieder deutlicher im Blick als die Pflege. Das macht viele mürbe.

Wie unterscheidet sich die Situation von der während der ersten Corona-Welle?

Die Stimmung ist anders angespannt. Im Frühjahr hatten wir geringere Fallzahlen. Wir wussten nicht, was auf die Krankenhäuser zukommt. Inzwischen ist vieles zur Routine geworden. Trotzdem blicke ich mit großer Sorge auf die nächsten Wochen – gerade, weil auch ohne Corona schon Überlastungssituationen vorhanden waren.

Kommt der harte Lockdown zu spät?

Es ist immer leicht, im Nachhinein Entscheidungen zu kritisieren. Aber ich finde, er war überfällig. Wir hätten ihn schon vor zwei Wochen gebraucht. Und ich mahne auch schon seit Wochen an, dass wir Weihnachten nicht lockern sollten. Uns muss klar sein: Mit jedem Kontakt gefährdet man jemanden. Nicht nur aus Solidarität zum Personal in den Kliniken, sondern zu allen Menschen sollten wir uns alle fragen, wie viele Kontakte grade wirklich nötig sind.

Andreas Krahl zieht sich die Schutzausrüstung für seinen Einsatz auf der Corona-Station an.

Viele kommunale Krankenhäuser bekommen keinen finanziellen Ausgleich, wenn sie Betten freihalten. Werden bald immer mehr Krankenhäuser keine Patienten mehr aufnehmen können?

Ich habe Verständnis für Kliniken, die gerade Hüftgelenk-OPs, die leicht zu verschieben wären, trotzdem durchführen. Einfach weil sie das Geld brauchen. Aber wir sollten uns die nächsten Wochen wirklich fragen, welche OPs dringend nötig sind, damit wir unsere Intensivkapazitäten nicht zubauen. Deshalb müsste politisch beim Rettungsschirm 2.0 dringend nachjustiert werden. Die kommunalen Krankenhäuser kommen sonst in schwierige Situationen.

Welche Aufgaben haben Sie auf der Corona-Station übernommen?

Ich kann natürlich nicht sofort dort anknüpfen, wo ich aufgehört habe. Meine Rolle ist eher die eines gut ausgebildeten Praktikanten. Ich habe beim Lagern geholfen oder bei der Medikamentenvorbereitung. Alte Routinen kommen schnell zurück. Ich konnte zum Beispiel schnell das Piepen der Beatmungsmaschinen wieder einordnen und darauf richtig reagieren. Einfache Intensivpatienten zu versorgen, traue ich mir selbstständig zu.

Wie groß ist die Angst bei den Patienten? Wie können Sie Beistand leisten?

Natürlich ist das schwerer, weil durch die Ausrüstung das Lächeln fehlt. Und lächeln ist bei unserer Arbeit sehr wichtig. Wir sind auch dafür ausgebildet, die psychosoziale Gesundheit im Blick zu behalten. Eine professionelle Pflegekraft schafft es, das während der medizinischen Tätigkeiten zu integrieren. Wir sprechen mit den Patienten, beruhigen, halten die Hand. Aber das müssen wir nebenbei machen. Um sich eine Viertelstunde zu ihnen zu setzen, fehlt die Zeit. Eine wichtige Aufgabe ist gerade auch, den Kontakt zu den Angehörigen zu halten. Nicht alle Corona-Patienten können telefonieren. Wir Pflegekräfte sind ihre Stimme und ihr Ohr.

Verfolgen Sie die Debatten über Corona und die Maßnahmen anders, seit Sie wieder im Krankenhaus arbeiten?

Ich habe mich immer bemüht, den Blick meiner Kollegen einzunehmen. Ich bin mit vielen in Kontakt und habe mir oft selbst ein Bild gemacht. Nach meinem Einsatz am Wochenende muss ich aber klar sagen: Wer das Virus und dessen Folgen jetzt noch verharmlost, der hat schlicht und ergreifend nicht verstanden, um was es geht. Viele würden nach einem Tag auf einer Intensivstation wohl anders denken.

Auch interessant

Kommentare