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Blick in die Vergangenheit: Das Foto ist aus den 1960er-Jahren, damals galt die Seilbahn als technische Meisterleistung. 

Ein Besuch zum Abschied

Eibsee-Seilbahn: Die letzte Fahrt der „alten Dame“

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Sie ist eine Legende. In 53 Jahren sind über 21 Millionen Menschen mit der Eibsee-Seilbahn auf die Zugspitze gefahren. Aber jetzt ist Schluss: Am Sonntag geht es zum allerletzten Mal Richtung Gipfel. Ein Besuch zum Abschied, bevor die „alte Dame“ Servus sagt.

Zugspitze– Die Eibsee-Seilbahn, diese wunderbare „alte Dame“ der Ostalpen, hat seit ihrer Jungfernfahrt im Jahr 1963 76 Mal die Erde umrundet. Rein rechnerisch. Tatsächlich ist sie natürlich jedes Mal von der Talstation in Grainau auf die Zugspitze gegondelt. Über 21 Millionen Menschen sind im letzten halben Jahrhundert mit ihr gefahren – und einmal sogar Werdenfelser Bergschafe. Es handelte sich um einen hochalpinen Notfall. Es ging um Leben und Tod, wie so oft am Berg.

Unbeschreibliche Aussicht: Von der Seilbahn aus hat man einen herrlichen Blick auf den Eibsee und die Berge dahinter. Um den See kann man übrigens auch wandern.         

Betriebsleiter Sepp Ross, 50, aus Garmisch wird diesen Moment nie vergessen. Er sitzt im Panorama-Restaurant auf der Zugspitze und erzählt von jenem Augusttag, an dem es schneite wie sonst nur im tiefsten Winter. Die Schafe marschierten von ihrer Hochweide immer weiter Richtung Tal in gefährliches, felsiges, steiles Gelände. Sie drohten abzustürzen. Ein Mutterschaf war mit ihren Jungen unterwegs. Die Schafhalter bekamen es mit der Angst zu tun. Aber alles halb so wild: Sepp Ross und die starken Männer von der Eibsee-Seilbahn haben schon oft und tief in der Nacht verirrte, halb erfrorene Wanderer wieder ins Tal gefahren. Das gehört zu ihrem Job. Natürlich haben sie auch die Bergschafe in die Seilbahn-Kabine verfrachtet und sicher nach Grainau gebracht.

„Hier oben zu arbeiten ist eine Ehre“, sagt Sepp Roos, der seit 20 Jahren auf Deutschlands höchstem Berg dabei ist. „Aber jetzt geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Es ist wie mit einem Haus, das man nach vielen Jahren verlässt.“ So fühlt es sich gerade an: nach Abschied. Viele sind ein bisschen wehmütig, dass die alte Eibsee-Seilbahn am Sonntag zum allerletzten Mal zur Zugspitze fahren wird. Am Montag wird bereits die Wartehalle abgerissen.

„Es ist eine Ehre, hier zu arbeiten.“ Betriebsleiter Sepp Ross in einer der beiden alten Gondeln. 

Eine Ära geht zu Ende. Viele Einheimische und viele Gäste sind mit dieser Bahn groß geworden. Sie sind als Kind, dann als Papa und vielleicht sogar als Opa mit ihr gefahren. „Wir hatten einen schönen Oldtimer“, sagt Sepp Ross, „jetzt bekommen wir einen neuen Ferrari.“

In schwindelerregender Höhe bauen mutige Spezialisten auf der Zugspitze gerade eine neue Bergstation.

Die alte Seilbahn ist zwar picobello in Schuss, aus technischer Sicht hätte sie noch ein paar zehntausend Fahrten machen können – aber sie ist einfach zu klein geworden. Gerade mal 44 Gipfel-Gäste haben in ihr Platz, an schönen Tagen musste man im Tal bis zu zwei Stunden in der prallen Sonne anstehen, um endlich für 53 Euro zur Zugspitze fahren zu dürfen. Da musste sich das Personal in den letzten Jahren einige Schimpfworte anhören. Und auch die österreichischen Kollegen, die die Gäste von Ehrwald aus mit der Tiroler Zugspitzbahn zum Gipfel fahren, hatten zuletzt ein bisschen Mitleid mit den bayerischen Kollegen: „Ihr könnt nicht mal eine neue Seilbahn bauen.“ Das haben sie zu den Mitarbeitern der Eibsee-Seilbahn gesagt. Für sie war die alte, oberbayerische Dame mit ihren beiden Gondeln – eine rot, die andere gelb – kein ehrwürdiges Wahrzeichen, sondern ein Dinosaurier.

Aber jetzt ist sowieso Schluss mit Nostalgie: Die neue, hochmoderne, 50 Millionen Euro teure Eibsee-Seilbahn ist bereits im Bau, sie wird Platz für 120 Gäste pro Fahrt haben. Jungfernfahrt ist im Dezember. Sie ist die Zukunft.

Waghalsige Akrobatik auf den Seilbahn-Seilen. Das war auch in den 1960er-Jahren.

Sepp Ross wird auch bei ihr der Betriebsleiter sein. „Das Alte geht zu Ende, das Neue kommt“, sagt er. „Aber wir wissen nicht genau, was uns erwartet.“ Die alte Seilbahn kennt er hingegen in- und auswendig. Sie hat zwar manchmal ein bisserl gezickt, aber einen ernsten Zwischenfall, erzählt er, hat er nie erlebt. Gott sei Dank. Dafür hat er die Gäste auf seine ganz eigene Art getröstet, wenn sie mal wieder ein paar Minuten in ein paar hundert Meter Höhe ausharren mussten, weil gerade ein Gewitter am Berg tobte. Weil eine Weiterfahrt zu gefährlich war. Weil die Gondel eh schon genug wackelte und ruckelte. Dann sagte er regelmäßig: „Auf der Wiesn zahlen sie dafür, wenn es sie so durchschüttelt.“ Seilbahner-Humor. Wahrscheinlich haben nicht immer alle darüber lachen können.

Aber als Mitarbeiter eines so legendären Fortbewegungsmittels bekommt man sowieso ganz eigene Einblicke in das Wesen des Menschen. Sepp Ross hat Touristen in Flipflops gesehen, die auf den Gipfel gefahren sind – und oben überrascht waren, dass es auf dem 2962 Meter hohen Berg Minusgrade haben kann.

So sieht es gerade auf der Zugspitze aus: der Baustellen-Kran überragt den Gipfel noch mal um 13 Meter.

Er hat arabische Gäste gesehen, die sich freuten, wenn es richtiges Sauwetter hatte. Und das immer wieder. Graupel, Wind, Schneeregen, solche Sachen. „Die rennen raus und lassen das Essen stehen, wenn sie eine Schneeflocke sehen“, erzählt der Betriebsleiter.

Die alte Talstation auf der linken Seite. Sie wird demnächst abgerissen. Im Hintergrund erkennt man bereits die neue.

Oder die asiatischen Gäste. Die kommen auch auf die Zugspitze, wenn der Berg in einer Nebelsuppe hängt und man keine zwei Meter weit sieht. Chinesen und Japaner sind schmerzfrei, sagt Sepp Ross. „Die kommen bei jedem Wetter, weil sie am nächsten Tag ja schon in Neuschwanstein sein müssen.“ Da gehört die Fahrt mit der Eibsee-Seilbahn einfach zum Europatrip. Fernsicht hin, Fernsicht her. Oben sein ist alles.

Man erlebt viel auf der Zugspitze. Die Welt kommt als Gast zu einem. Ein schönerer Arbeitsplatz ist kaum denkbar. Der Dalai Lama ist schon Eibsee-Seilbahn gefahren, Edmund Stoiber, Reinhold Messner, Franz Josef Strauß, Jogi Löw und viele andere Hochkaräter. Daran wird Sepp Ross womöglich denken, wenn er am Sonntagabend ein letztes Mal mit der „alten Dame“ ins Tal fahren wird. Aber vielleicht wird er auch an was ganz anderes denken – daran, welches Seilbahn-Stück er gleich abschrauben wird. „Ein Bauteil“, sagt er, „werde ich mit nach Hause nehmen, das ist sicher.“ Als Erinnerung an dieses bayerische Jahrhundertbauwerk.

Bilder zum Festakt zu 50 Jahren Eibsee-Seilbahn

Bilder: Der Festakt zu 50 Jahre Eibsee-Seilbahn

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