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Erlebnisse aufgearbeitet: Unfallsachverständiger Horst Christopher hat ein Buch geschrieben.

„Die Schreie habe ich immer noch im Ohr“

Nach Zugunglück in Bad Aibling: Alte Wunden reißen auf

Wallgau - Sie sind noch nicht vergessen: Nach dem tragischen Unglück in Bad Aibling werden bei Unfall-Sachverständiger Horst Christopher alte Erinnerungen wieder wach. 

Das Zugunglück am 9. Februar in Bad Aibling mit elf Toten und 85 Verletzten hat auch bei Horst Christopher aus Wallgau alte Wunden plötzlich wieder aufreißen lassen. Der 79-jährige Diplom-Ingenieur denkt dabei an den 2. Februar 1990. Damals rief ihn die Staatsanwaltschaft Darmstadt als Sachverständigen für Unfallursachen-Ermittlung nach Rüsselsheim. Dort hatte sich im Bahnhof eine Tragödie abgespielt.

Zwei S-Bahn-Züge waren zusammengestoßen, weil ein Zugführer ein Halte-Signal übersehen hatte. Die bittere Bilanz: 17 Tote und 87 zum Teil schwerverletzte Menschen. „Ich wohnte damals in Kelsterbach und war bereits 20 Minuten nach dem Unglück an der Unfallstelle. Die Schreie der eingeklemmten Verletzten habe ich noch immer im Ohr“, erinnert sich Christopher. „Die werde ich auch mein ganzes Leben lang nicht vergessen können.“

Ablenkung mit Alltagstätigkeiten

In Rüsselsheim war Christopher 26 Stunden als Spurensicherer im Dauereinsatz. „Ich habe am Unglückstag von Bad Aibling Radio gehört, und sofort wurde die Situation von damals wieder präsent. Wie in einem Kopfkino rauschten die Bilder optisch und akustisch an mir vorbei – sogar den Aufprall habe ich nachempfinden können.“

Sofort wurde der Fernseher angeschaltet und alle Berichte genau verfolgt. „Bei den Bergungsbildern habe ich als Sachverständiger gleich daran gedacht, dass hoffentlich keine Beweismittel vernichtet werden.“ Die schrecklichen Ereignisse und Bilder verfolgen Christopher rund um die Uhr. „Wenn ich nachts aufwache, gehe ich in die Küche, versuche mich bei einer Tasse Kaffee und mit Lesen abzulenken und wieder einzuschlafen.“

Manchmal drängen sich die traumatischen Erlebnisse von Rüsselsheim bereits am frühen Morgen in Christophers Gedächtnis. Dann bleibt der Wallgauer unwillkürlich wach. Dann sucht er Ablenkung mit Alltagstätigkeiten. Das Trauma Rüsselsheim versucht er, „in meinem Gehirn in eine Art Schublade wegzusperren. Doch die geht bei solchen Ereignissen wie in Bad Aibling immer wieder auf“.

Ehefrau des Partners als wichtige Stütze

Zum Glück steht ihm in so schwierigen Phasen Ehefrau Renate mit Verständnis zur Seite. „Wenn er anlassbezogen über diese Dinge sprechen will, höre ich ihm einfach nur geduldig zu. Mehr kann ich in diesen Momenten nicht für ihn machen.“

Der „Spezialist für stumme Zeugen“ avancierte 1960 zum Sachverständigen und Gutachter. Christopher gehörte dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat in Bonn an, zählte zu den Gründern und ist seit 2006 auch Ehrenmitglied der Europäischen Vereinigung für Unfallforschung und Unfallanalyse. Sein Berufsleben und die vielen teils schrecklichen Erlebnisse hat er in dem Buch „Blut und Blech – ein Blick in den Rückspiegel“ verarbeitet.

„Diese Broschüre habe ich allen Unfallopfern, aber auch denen gewidmet, die durch den Verlust eines lieben Menschen viel Leid ertragen mussten und damit weiter leben müssen.“

Wolfgang Kunz

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