Zu zwei Jahren verurteilt

Zwillinge ausgesetzt: Bewährungsstrafe für Mutter

Oberau - In aller Stille hat eine 22-Jährige zwei Buben geboren, sie in ein T-Shirt gewickelt - und sich nicht weiter um die Neugeborenen gekümmert: Nun musste sie sich vor dem Amtsgericht verantworten.

Frühchen in der 35. Woche hatte die 22-Jährige geboren, die Nabelschnüre der Zwillinge abgeschnitten, wickelte die Kinder in T-Shirts, legte sie in ihr Bett und kümmerte sich nicht weiter um sie. Am Nachmittag schaute sie sogar noch bei Nachbarn ein Fußballspiel im Fernsehen an, ehe ihr am Abend doch Bedenken kamen und sie ihrer Freundin erzählte, dass jemand in einer Schuhschachtel Zwillinge vor ihre Tür gelegt habe. Auf energisches Drängen der Freundin rief sie tags darauf doch den Notarzt. In der Klinik konnten die stark unterkühlten Kinder, die in Lebensgefahr schwebten, schließlich gerettet werden.

Wegen Kindsaussetzung und gefährlicher Körperverletzung wurde die Frau gestern vom Schöffengericht zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. „Ein tragischer Fall“, sagt Vorsitzender Richter Stefan Lindig, „der aber dann doch in so etwas wie einem Happy End mündete.“ Denn beide Buben, die an ihrem ersten Lebens-Wochenende, 9. und 10. Juni 2012, in akuter Todesgefahr schwebten, nachdem sich die völlig überforderte Mutter kaum um sie kümmerte, sind mittlerweile wohlauf und leben in einer Pflegefamilie in der nordrhein-westfälischen Stadt Dorsten. Dort ist auch die Mutter in einem Reha-Haus untergebracht und hofft, „möglichst bald meine Zwillinge sehen zu können“.

Die Frau habe, schilderte Staatsanwalt Michael Steinlein, seinerzeit gar nicht damit gerechnet, ihre Kinder schon so früh, in der 35. Schwangerschaftswoche, zu bekommen. Eine psychiatrische Gutachterin führte mehrere Hintergründe für die Tat an: Unter anderem habe die junge Frau, deren Intelligenzquotient sich eher im Bereich der Lernbehinderung bewege, noch bis einen Tag vor der Geburt gearbeitet, Repressalien ihres Chefs befürchtet. Sie sei immer auf passives Abwarten gepolt gewesen, habe bei Schwierigkeiten aller Art stets hilflos reagiert und daher auch erfolgreich ihre Schwangerschaft verheimlicht. Deshalb habe sie erst am späten Samstagabend nach der Geburt ihrer Freundin von den Kindern berichtet, und dann erst auf deren Druck die Notrufnummer gewählt. „Zu diesem Zeitpunkt waren die Kinder aber schon wegen Unterkühlung, eins mit nur 29, das andere mit 31 Grad, in großer Gefahr“, sagt der Kinderarzt, der die Kleinen als erster behandelt hatte. „Ich glaube, sie hätten den Sonntag nicht überlebt“.

Nach fast zwei Monaten im Klinikum konnten die frühgeborenen Zwillinge gerettet werden. Nach jetzigen Erkenntnissen seien keine Dauerschäden festzustellen, fasste Staatsanwalt Steinlein zusammen. Insofern habe sich ein glückliches Ende ergeben. Die Mutter, die ihren Riesenfehler ohne jede Beschönigung eingeräumt habe, könne deshalb mit einer nur zweijährigen Bewährungsstrafe geahndet werden.

Auch das Gericht schloss sich an: „Zunächst ein tragischer Fall und danach ein relativ glückliches Ende“, sagte Vorsitzender Richter Lindig. Über die zweijährige Bewährungsstrafe hinaus müsse sie sich im Anschluss an ihre derzeitige Reha bemühen, einen Platz für betreutes Wohnen zu bekommen.

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