Umstrittene Haltung: zwei angebundene Murnau-Werdenfelser Rinder.
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Umstrittene Haltung: zwei angebundene Murnau-Werdenfelser Rinder.

Tierschutz-Organisationen laufen Sturm

Streit um Anbindehaltung: Kulturerbe oder Tierquälerei?

Tierschützer machen Front gegen den Weltkulturerbe-Antrag des Landkreises. Stein des Anstoßes ist die darin aufgeführte Anbindehaltung von Rindern. Es handle sich dabei um Tierquälerei, die durch das Welterbe legitimiert werde, lautet der Vorwurf.

Landkreis – Die Bewerbung des Landkreises Garmisch-Partenkirchen um das Unesco-Weltkulturerbe-Siegel wird kontrovers diskutiert. Der Grund: Die Anbindehaltung von Milchkühen wurde im ersten Entwurf ausdrücklich als schützenswertes Kulturgut eingestuft. Nachdem Tierschutz-Organisationen wie Animal Rights Watch Druck machten und das Thema deutschlandweit in den Medien auftauchte, änderte das Landratsamt den Textlaut. In der Bewerbung ist folglich nicht mehr von Anbindehaltung die Rede, sondern vom „Erhalt der Kombinationshaltung von Nutztieren“. Dabei handelt es sich um eine Anbindehaltung mit Weidegang. In der Regel müssen die Tiere an mindestens 120 Tagen im Jahr Bewegung haben.

Vorwurf der Tierquälerei

Sylvia Arlette Greif sieht darin keinen Fortschritt. Die Kochlerin ist Teil einer losen Gruppierung namens Aktiervisten Oberland und fungiert als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Tierschutz und Tierrechte Bayern für die Partei Die Linke. Sie kritisiert: „Inhaltlich hat sich nichts geändert.“ Ihr zufolge spielt es keine Rolle, ob die Tiere ganzjährig oder saisonal angebunden werden. „Diese Haltung widerspricht den Grundbedürfnissen von Kühen und allen wissenschaftlichen Erkenntnissen einer artgerechten Rinderhaltung“, sagt sie. Dadurch, dass die Tiere mit dem Kopf fixiert seien, würden Sozialverhalten und Bewegungsbedürfnis leiden. Auch fehlt laut Greif die Abwechslung, weil die Rinder gerade einmal soviel Platz hätten, um sich hinzulegen und wieder aufzustehen. Mit Tierwohl habe das nichts zu tun. Greifs Vorwurf: „Unter dem Namen Kultur und Tradition soll durch die Bewerbung Tierquälerei legitimiert werden.“

Langfristig soll die Anbindehaltung vollständig abgeschafft werden, erklärt Greif. Als Vorbild nennt sie Länder wie Dänemark, wo ab 2027 ein Komplettverbot gilt. Im Bewerbungsschreiben des Landratsamtes heißt es hierzu, dass eine „Abschaffung der Kombinationshaltung“ das Ende für viele Landwirtschaftsbetriebe bedeuten würde. So sieht das auch Klaus Solleder, Kreisobmann des Bauernverbandes. Die kleinbäuerlichen Strukturen mit einer genossenschaftlichen Alm- und Weidenutzung sind seiner Meinung nach „essenziell“, um die landschaftliche Vielfalt mitsamt Buckelwiesen und Bergwiesmahdhängen aufrecht zu erhalten.

Greif widerspricht an dieser Stelle: Dass der Erhalt der Kulturlandschaft „an die Kombinationshaltung gekoppelt sein soll“, muss ihr zufolge aus dem Antrag entfernt werden. Die Tierschützerin stört sich zudem daran, dass diese Art der Haltung als traditionell und damit erhaltenswert deklariert wird. „Nur weil man das schon immer so gemacht hat, heißt es nicht, dass man daran festhalten muss“, erklärt sie.

Solleder, der einen Milchviehbetrieb mit Kombinationshaltung in Unterammergau besitzt, räumt ein: „Dass sich diese Haltung im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiterentwickeln muss, ist keine Frage.“ Er weist darauf hin, dass es dazu im Antrag eine Formulierung gebe. Dabei ist die Rede von einer kontinuierlichen Anpassung an die „sich wandelnden natürlichen und gesellschaftlichen Erfordernisse“.

Auch Tessy Lödermann zeigt sich als Verfechterin der Bewerbung, obwohl sie diese spezifische Haltungsform eigenen Angaben zufolge nicht in das Dokument mit aufgenommen hätte. Die Vorsitzende des Tierschutzvereins im Landkreis erklärt in einer schriftlichen Stellungnahme: „Grundsätzlich ist es nicht so, dass die Kombinationshaltung von Nutztieren Weltkulturerbe werden soll.“ Vielmehr stehe die alpenländische Kulturlandschaft im Fokus. Dasselbe sagt der Sprecher des Landratsamtes, Wolfgang Rotzsche. Er führt weiterhin aus, dass im Antragsentwurf auf jene Haltung Bezug genommen werde, „weil diese für die Erhaltung der Kulturlandschaft von Bedeutung ist“. Laut Lödermann kann bei dieser „Mischung aus Freiweide und Stallhaltung“ von Tierquälerei keine Rede sein.

Verbot der Anbindehaltung gefordert

Greif bleibt bei ihrem Standpunkt. Sie will zusammen mit anderen Tierschutzorganisationen für das absolute Verbot der Anbindehaltung kämpfen. „Wir werden das Thema weiter forcieren. Bis auf EU-Ebene“, kündigt sie an. Mit dieser Einstellung ist sie nicht alleine. Im Bayerischen Landtag war das jüngst ein Thema: Ende Februar gab es eine Anhörung, wobei mehrere Experten die Anbindehaltung von Rindern kritisierten. Mit der im Tierschutzgesetz vorgegebenen Unterbringung habe das „eigentlich nichts zu tun“, erklärte Tierschutz-Professor Michael Erhard. In das gleiche Horn blies der Ehrenvorsitzende des Bundes Deutscher Milchviehhalter, Romuald Schaber. Er betitelte die Anbindehaltung – auch in Kombination mit Weidehaltung – als „Auslaufmodell“.

Die Organisation Animal Rights Watch ruft indessen dazu auf, Protestschreiben an das Landratsamt zu verfassen. Das Ziel: Druck aufzubauen, damit die Anbindehaltung endgültig aus dem Bewerbungsschreiben gestrichen wird. Die Zeit ist knapp, denn der Antrag befindet sich in den finalen Zügen – und soll dem Kreistag am 18. Mai vorgelegt werden.

Constanze Wilz

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