Kaum eingeführt, schon wieder abgeschafft: MVG-Chef Ingo Wortmann, MVV-Geschäftsführer Dr. Bernd Rosenbusch, Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer, Ebersbergs Landrat Robert Niedergesäß, Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter und S-Bahn-Chef Heiko Büttner (v.l.n.r.) überreichten im Juli 2020 der Auszubildenden Annabelle Saenko (2.v.r.) das Ticket.
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Kaum eingeführt, schon wieder abgeschafft: MVG-Chef Ingo Wortmann, MVV-Geschäftsführer Dr. Bernd Rosenbusch, Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer, Ebersbergs Landrat Robert Niedergesäß, Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter und S-Bahn-Chef Heiko Büttner (v.l.n.r.) überreichten im Juli 2020 der Auszubildenden Annabelle Saenko (2.v.r.) das Ticket.

Reaktion auf Stadtratsbeschluss

Landkreis München hält vorerst am 365-Euro-Ticket fest – aber wie lange noch?

  • VonAndreas Sachse
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Viele Landkreispolitiker sind nicht gerade gerade begeistert vom Zeichen, das der Münchner Stadtrat mit der Abschaffung des 365-Euro-Tickets setzt.

Landkreis – Die Absage des Münchner Stadtrats an das 365-Euro-Ticket trifft ÖPNV-Visionäre ins Mark. Die Kosten des MVV-weiten Spartarifs für die Landeshauptstadt schien der Mehrheitsfraktion aus Rot-Grün zu hoch. Das Ende einer schönen Episode auch für den Landkreis?

Das 365-Euro-Ticket ist längst keine Utopie mehr. Befürwortern gilt das österreichische Wien als leuchtendes Vorbild. In Hessen dürfen Azubis mit dem Schülerticket für einen Euro am Tag Bus und Bahn fahren. Die Landkreise München und Würzburg zogen nach. Wie die „Mainpost“ unlängst berichtete, soll das 365-Euro-Schülerticket im Kreis Würzburg ab August nur noch 165 Euro kosten. Im Landkreis München profitieren Schüler und Azubis von dem Spartarif.

Beschluss etwas verfrüht?

Der Beschluss des Münchner Stadtrats, auf das 365-Euro-Ticket zu verzichten, kommt zur Unzeit. In wenigen Monaten befassen sich der MVV und seine Gesellschafter turnusmäßig mit der Tarifreform von 2019. Zur Sprache kommen dürften bei der Gelegenheit strittige Themen wie Preissprünge an den Übergängen der Tarifzonen. Zumindest bis zur Evaluation der Tarifreform hätte man das 365 Euro-Ticket in München nicht beerdigen müssen, sind sich Kritiker des Münchner Beschlusses, wie SPD-Kreisvorsitzender Florian Schardt, einig.

Verständnis für die Entscheidung

Dass ausgerechnet Rot-Grün dem 365-Euro-Ticket den Dolchstoß versetzt, kann Schardt kaum Recht sein. Auf der anderen Seite äußerte er Verständnis für die Entscheidung der Genossen. Die Pandemie habe der Stadt schwer zugesetzt. „Dem MVV liefen gleichzeitig die Kunden weg.“

Erinnerung an Wahlversprechen

Der von der Opposition aus CSU, Linken und ÖDP/FW formulierte Antrag, das 365 Euro-Ticket bis Dezember 2023 zu realisieren, war Schardt zufolge mit Fallstricken versetzt. Auf gut 100 Millionen Euro jährlich ist das Sparticket für München beziffert. „In einer finanziell so schwierigen Lage einen dreistelligen Millionenbetrag einzufordern, das war bestimmt kein Zufall,“ mutmaßt der in Ottobrunn lebende Kreisrat und erinnert an das Wahlversprechen von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) aus 2018, das Billigticket bis spätestens 2030 in Städten wie München, Augsburg, Nürnberg, Regensburg und Würzburg einzuführen: „Ich würde mal die Prognose wagen, dass bestimmt keiner Nein sagt, wenn der Freistaat das Ticket finanziert!“

Ein Bus muss nicht nur billig sein

Glücklich über die Entscheidung aus München ist auch Christoph Nadler (Grüne) nicht. Der Kreis-Fraktionschef ist aber darüber hinaus, sich an Instrumenten wie dem 365-Euro-Ticket festzubeißen. „Was nützt mir ein billiger Bus, wenn der nicht kommt?“ Wichtiger sei es doch, Angebotsstrukturen im MVV zu verbessern, die Infrastruktur auszubauen. „Statt die knappen Mittel pauschal mit der Gießkanne über die Häupter eines jeden MVV-Kunden zu verteilen, sollten Angebote wie das Sozialticket oder Azubi-Tarife passgenau abgestimmt sein.“

Ticket nicht allein selig machend

Von der Vorstellung eines 365-Euro-Tickets als allein selig machenden Heilsbringer hat man sich auch im Landratsamt getrennt. Nachdem man mit dem Versuch am Widerstand der MVV-Mit-Gesellschafter gescheitert war, zumindest die bevölkerungsreichen Nord-Kommunen in die preiswerte M-Zone zu integrieren, schien das 365-Euro-Ticket eine gute Alternative abzugeben.

Inzwischen setzt man auf die Flat; auf einen einzigen Tarif für den MVV-Verbundraum. Vor dem Hintergrund der ebenfalls angestrebten Erweiterung des Verbundraumes dürfte ein nicht genau definierter Flattarif dem Tarifgefüge des MVV gut tun, heißt es. Das Landratsamt nennt bewusst keinen Betrag, um sich die „Möglichkeit erforderlicher Preisanpassungen“ offen zu halten, die Möglichkeit, auf „sonst vollkommen unattraktive Preisstrukturen“ gerade im ländlichen Raum zu reagieren.

Um Tarifsprünge

an den Tarifzonen zu vermeiden, gleicht der Landkreis die Differenz der Kosten für ein Ticket aus den Zonen M1 + M2 zu den preisgünstigeren M-Zonen-Tickets aus. Die Maßnahme gilt nur Jahres-Abonnements (IsarCard, IsarCard 9 Uhr, IsarCard 65, IsarCardJob und Ausbildungstarif I bzw II) und ist auf 2020 und 2021 begrenzt. Zur Zeit ist nicht vorgesehen, das freiwillige Angebot zu verlängern.

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