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Die horrende Fehlerquote, die die Auszählung der Stadtratswahl verzögert hat, ist eine Folge schlechter Vorbereitung durch das Wahlamt. Diesen Vorwurf erhebt ein Wahlleiter aus dem Hasenbergl.

Schwere Vorwürfe

"Die Wahl war schlecht vorbereitet"

München - Die horrende Fehlerquote, die die Auszählung der Stadtratswahl verzögert hat, ist eine Folge schlechter Vorbereitung durch das Wahlamt. Diesen Vorwurf erhebt ein Wahlleiter aus dem Hasenbergl.

Wie berichtet, hat Wahlamts-Chef Peter Günther die hohe Zahl fehlerhafter Ergebnismeldungen damit begründet, dass „ungewöhnlich viele unerfahrene Helfer“ im Einsatz gewesen seien. Das sei „frech“ und lenke nur von der eigenen Verantwortung ab, schimpft Erwin Hantke, ein erfahrener Wahlvorstand im Hasenbergl.

Grundsätzlich gibt es in den Wahllokalen zwei Gruppen von Helfern. Das vierköpfige Kern-Team, bestehend aus Vorstand, Schriftführer und Stellvertretern, sowie normalerweise fünf Beisitzern.

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Fehler Nummer eins, so Hantke: Die Helfer würden nicht sorgfältig genug auf die wichtige Aufgabe vorbereitet. „Den Beisitzern sagt man, ihr braucht nicht zu den Einweisungsabenden zu kommen“. Wer aus eigenem Interesse komme, erhalte anders als die Vorstände kein schriftliches Infomaterial. Viele seien von der Fülle der Informationen regelrecht erschlagen. „Die kriegen Panik, und am Tag danach hagelt’s Absagen“, weiß der Justizbeamte aus Erfahrung. Um Lücken zu füllen, rücke aus purer Not oft ein eigentlich als Beisitzer vorgesehener Helfer in eine Kernfunktion auf. „Es gab Teams, die hatten nur Beisitzer. Da kannte sich gar keiner richtig aus“, schimpft Hantke.

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Wahlamts-Chef Günther will das „im Einzelfall nicht völlig ausschließen“. Verpflichtende Schulungen würden jedoch womöglich noch mehr Helfer abschrecken.

Fehler zwei: „An der Wahl-Hotline wurde Freiwilligen, die sich als Helfer angeboten haben, gesagt: 8 bis 18 Uhr“, berichtet Hantke. „Ich hatte selbst solche Fälle, die aus allen Wolken gefallen sind, als ich sie angerufen habe, um über die Schichteinteilung zu reden.“ Den Hinweis auf der Rückseite des Bestellungsschreibens, dass auch am Montag ausgezählt wird, hätten diese Helfer übersehen. „Entsprechend groß ist dann der Frust“.

„Schwer nachzuvollziehen“ ist das für Peter Günther. Im Internet seien die Zeiten doch aufgeführt.

Bestätigen kann Günther jedoch ein Phänomen, das dazu führte, dass auch aus den städtischen Behörden vermehrt Anfänger zur Wahl abgestellt worden seien: „Die Stadtratswahl ist die anspruchsvollste aller Wahlen“, sagt Hantke. „Die Profis wissen das und melden sich rechtzeitig freiwillig zu Bürgerentscheiden, Europawahl oder zur Stichwahl. Wenn der Chef dann kommt und jemanden für die Stadtratswahl sucht, sagen Sie: Nein, nicht schon wieder. Dann trifft’s eben den unerfahrenen Kollegen, und das kann nur in die Hose gehen.“ Ein weiteres Problem dieser „Zwangsrekrutierung“, wie Hantke es nennt: „Den Leuten wird nicht gesagt, was sie erwartet. Ich hatte eine Frau am Telefon, die entsetzt war, als sie die Zeiten erfahren hat. Die ist in ihrer Dienststelle aus Gesundheitsgründen auf 40 Prozent runtergesetzt, die würde so einen Abend gar nicht durchstehen.“

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Auch andere Vorbereitungs-Pannen wirft Hantke dem Wahlamt vor. So seien etwa Straßenverzeichnisse falsch gedruckt gewesen. Die Folge: Wir konnten Leuten, die ohne Wahlbenachrichtigung kamen, nicht sagen, in welches Wahllokal sie gehen müssen.“

Er habe Verständnis für den Unmut der Helfer und sei für alle Verbesserungsvorschläge offen, so Günther. Doch es habe sich um eine Ausnahmesituation gehandelt. Bei vier Wahlen und einem Bürgerentscheid binnen neun Monaten sei es „mehr als schwierig“ gewesen, genügend Helfer zu finden. Das bestätigte Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle, als er gestern im Stadtrat zu den Auszählungs-Pannen Stellung nahm. Die Verzögerung sei „fast schon absehbar“ gewesen. Wie Günther lobte Blume-Beyerle das Engagement der Helfer.

Hantke hört das gern. Doch er fragt sich: „War eigentlich einer vom Wahlamt schon einmal draußen und hat sich das angesehen und mit den Wahlvorständen gesprochen?“ Die Antwort gibt er sich selbst: „Ich wage es zu bezweifeln“.

von Peter T. Schmidt

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