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Eine grüne Oberbürgermeisterin für München? Beim Fototermin im Juli 2012 zeigte sich Sabine Nallinger zumindest demonstrativ optimistisch.

Wahl

Grünen-Kandidatin Nallinger: Die stille Kandidatin

München - Was machen eigentlich die Grünen? Während die Wahlkampfmaschine von SPD und CSU kräftig angelaufen ist, kommt Grünen-Kandidatin Sabine Nallinger nicht so recht aus den Startblöcken. Hat die Partei die Hoffnung auf einen Sieg bereits aufgegeben?

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Im Stadtrat lässt sie oft andere ans Pult treten, hält sich zurück, spricht selten. Laden die Grünen zu Pressekonferenzen, ist sie nicht die Wortführerin. Sabine Nallinger, die Frau, die erste grüne Oberbürgermeisterin in der Geschichte Münchens werden will, sitzt da, sagt ein paar Worte, als sei sie eine von vielen.

Nallinger ist nicht eine von vielen. Sie ist mehr. Spitzenkandidatin. Hoffnungsträgerin. Projektionsfläche. Allein, man spürt es nicht. Während andere im Wahlkampf alles daran setzen, ihren Spitzenkandidaten ins Rampenlicht zu rücken, betreibt sie Teamplay im Dunkeln.

Die Grünen stellten früh die Weichen für die OB-Wahl. Vielleicht zu früh. Im Juli 2012 kürten die Parteimitglieder Nallinger per Urabstimmung zur OB-Kandidatin. Sie siegte deutlich, bekam 60,7 Prozent. Ihr schärfster Konkurrent, der bei vielen Münchnern beliebte dritte Bürgermeister Hep Monatzeder, wurde mit 30,8 Prozent abgestraft. „Ich stehe für eine mutige grüne Politik“, versprach Nallinger damals. Die OB-Wahl sei „absolut offen“.

Dann, im März 2013, folgte der offizielle Akt. Die Basis bestätigte Nallinger mit satten 94 Prozent als Kandidatin. Es war ihr persönlicher Höhepunkt. Selbstbewusst und kämpferisch verschoss sie Giftpfeile in Richtung SPD, griff sogar Christian Ude an, weil der keine Frauenquote in städtischen Spitzengremien durchgesetzt habe. Ude wütete. Die Grünen, so schien es, wollten sich von der großen SPD emanzipieren.

Eine Weile tüftelte die 50-Jährige am Image, die einzige Kandidatin mit Visionen zu sein. Bis 2030 wolle sie 30 Prozent der Mietwohnungen in städtische und genossenschaftliche Hand bringen, erklärte sie. Plötzlich ging es in allen Diskussionen um den Mietmarkt auch um Nallinger.

Inzwischen ist es still geworden. Drei Monate vor der Wahl hört man nur wenig von den Grünen. Und noch weniger von Nallinger.

SPD und CSU schoben ihre Nominierungsparteitage bewusst näher an den Wahltermin. CSU-Kandidat Josef Schmid wurde im Mai 2013 feierlich gekürt, SPD-Mann Dieter Reiter im November. Beide setzten auf Glanz und Gloria, eröffneten pompös die heiße Phase. Und liefern regelmäßig nach: Programme, 100-Tage-Pläne, Hochglanz-Flyer, Imagefilme, Plakatpräsentationen - die Schlagzahl wird strategisch erhöht, je näher der 16. März rückt. Profi-Wahlkampf.

Und die Grünen? Ab und zu laden sie Journalisten ein, um über Radwege oder die Isar zu philosophieren. Nallinger spielt oft nur am Rand eine Rolle. Das ist auch den besonderen Befindlichkeiten einer Partei geschuldet, die immer noch so gerne anders sein will. Nallinger steht wenig im Vordergrund. Vielleicht zu wenig. Über diese Kritik muss mancher Grüne herzlich lachen. Intern, so heißt es, laute der Vorwurf im Gegenteil oft, alles sei viel zu sehr auf die Kandidatin zugeschnitten. Den Grünen ist jeder Personenkult zuwider.

Nallinger selbst sagt, ihr Terminplan sei proppenvoll. Sie sammelt Spenden für ihren Wahlkampf, hält Reden, trifft sich mit Wirtschaftsvertretern. Davon bekommt der Wähler kaum etwas mit. Der Eindruck entsteht, sie hätte ihr Pulver bereits verschossen. Die Partei verharrt im Klein-Klein.

Einzig die junge Münchner Partei-Chefin Katharina Schulze sorgte für Aufregung, als sie kürzlich das Trümmerfrauendenkmal verhüllte. Es folgte die kontroverseste Debatte, die München in den letzten Wochen erlebt hat. Sehr viele Münchner waren sauer auf die Grünen. Welche Meinung Nallinger hatte, erfuhren die, die sie wählen sollen, nicht.

Sicher, SPD und CSU verfügen über die größere Kriegskasse, lassen sich von Agenturen beraten. „Wir sind nicht so ausgestattet wie die“, sagt Nallinger. „Wir müssen sehr viel selbst machen.“ Doch Geld ist nicht alles, das haben die Bürgerentscheide zur dritten Startbahn und Olympia erneut bewiesen. Die richtige Idee ist stärker als jede Profi-Plakatkampagne. Man muss sie nur haben, die Idee.

Wer ernsthaft auf den OB-Sessel will, muss breite Schichten ansprechen, nicht nur die oft zugegezogenen Akademiker, die in den angesagten Innenstadt-Vierteln in ihren Altbauten sitzen. Oft fällt bei den Grünen der Begriff „Fukushima“. Nach der Nuklear-Katastrophe in Japan Anfang 2011 schwebte die Öko-Partei im Umfragehoch, sehr viele neue Mitglied kamen - auch in München - zu der Partei. Man war sehr, sehr optimistisch.

Fukushima ist vorbei. Inzwischen kämpfen die Grünen wieder fast nur um ihre Kernklientel. Viele Grüne sprechen von einem „starken Ergebnis für Rot-Grün“ als Ziel. Ihnen geht es nur noch um eine passable Prozentzahl, nicht mehr um das Amt der Oberbürgermeisterin.

Die Kritik, sie schiele nur noch auf die Kernwähler, lässt die Kandidatin nicht gelten. „Die grünen Themen“, sagt sie, „sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Klimaschutz, Energiewende, öffentlicher Raum, Nahverkehr - damit will sie punkten.

Dabei verschwinden die Unterschiede zwischen den Parteien in München zunehmend. Nallinger bräuchte Alleinstellungsmerkmale. Stattdessen reagiert sie auf das Bezirzen der CSU schwammig: Rot-Grün als Wunschbündnis, Schwarz-Grün als Option, die man nicht ausschließen mag. Als die Grünen-Basis über die CSU-Wortwahl in der Armutszuwanderungsdebatte schäumte, schickten Münchens Grüne eine Mitteilung, in der sie sich von der CSU distanzierten. Unterzeichner: die Parteivorsitzenden. Die OB-Kandidatin äußerte sich erst, als die Redaktionen bei ihr anriefen.

Auf ihren ersten Plakaten des neuen Jahres warb sie dafür, München zur „grünsten Metropole Europas“ zu machen. Aber ist das ein Thema für den ganz normalen, bodenständigen Münchner, etwa im Norden der Stadt, wo viele Menschen existenzielle Probleme haben und die Partei normalerweise kaum mehr als fünf Prozent holt?

Bald soll es losgehen. So richtig. In wenigen Tagen sei eine Aktion geplant, deutet Nallinger an. Der Auftakt des Wahlkampfs, verspricht sie, er komme noch. „Die Grünen“, sagt Nallinger, „machen immer ein bisschen anders Wahlkampf.“

Thomas Schmidt & Felix Müller

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