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Ein Prost mit Knabberstangen: Tobias Kalbitzer am Sonntag bei der Wahlparty in der "North End Bar".

Stadtrats-Wahl

Rekord: Kalbitzer ist historischer Stimmenkönig

Schongau - Es war eine besondere Wahl in Schongau. Nicht nur, weil der unabhängige Kandidat Tobias Kalbitzer in die Stichwahl einzog. Auch im Stadtrat sorgt Kalbitzers Erfolg für Veränderungen.

Der erste Höhepunkt war schnell vorbei. Dank der fleißigen Wahlhelfer und der perfekten Regie der Stadtverwaltung, die stets automatisch die aktuellsten Ergebnisse im Rathaussaal an die Wand warfen, stand schon um 19 Uhr das Ergebnis der Bürgermeisterwahl fest. Doch Stunden später wurde es noch einmal richtig spannend: Da wurden nämlich die Stadtratssitze ausgezählt, und das war für manche ein Drama - sowohl für Parteien als auch Kandidaten.

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Schon nach den ersten ausgezählten Stimmbezirken war klar, dass die Alternative Liste Schongau (ALS) im Windschatten von Tobias Kalbitzer stark dazugewinnen wird. Es war vermutlich die beste Entscheidung in der ALS-Geschichte, den unabhängigen Kalbitzer aufzustellen. Vier Sitze, war der Stand zu Beginn, ebensoviel wie die UWV. CSU und SPD lagen beide bei acht Sitzen. Erst kurz vor Schluss holte die ALS noch einen weiteren Sitz - auf Kosten der SPD, die damit nur noch sieben Vertreter im Rat hat. Markus Schleich, der zwischendurch aussichtsreich im Rennen lag, verpasste den erstmaligen Einzug doch noch. Und die UWV, die am Schluss bei der Briefwahl noch aufgeholt hat, lag am Ende nur 180 Stimmen hinter der ALS und ist damit künftig die kleinste Fraktion.

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ALS: Das ist irgendwie surreal

Eine Tatsache, die ALS-Ortsvorsitzender Gregor Schuppe noch gar nicht glauben kann. „Als Witz habe ich im Wahlkampf immer wieder gesagt, es wäre toll, wenn wir nicht mehr die kleinste Fraktion wären.“ Wobei sie bisher ja noch nicht einmal Fraktionsstatus haben. Jetzt sind sie bei den Ausschüssen dabei - „das war ein cooler und sensationeller Abend. Irgendwie surreal und so überhaupt nicht zu erwarten.“

Bilder von den Wahlpartys in Schongau

Bilder von den Wahlpartys in Schongau

Bilder von den Wahlpartys in Schongau

Natürlich hätte man ohne Kalbitzer keine fünf Sitze bekommen, weiß Schuppe. Der unabhängige Bürgermeisterkandidat sammelte 5656 Stimmen ein, so viele wie noch nie ein Stadtrat in Schongaus Geschichte - theoretisch hat jeder Schongauer ein Kreuz bei Kalbitzer gemacht. „Aber auch ohne ihn wären es drei Sitze geworden“, sagt Schuppe stolz. Für eine Gruppierung, bei der Siegfried Müller 20 Jahre Einzelkämpfer war und die erst 2008 einen zweiten Sitz erkämpfte, ein wahrlich unfassbarer Erfolg. Zumal die Mischung aus den Neulingen Kalbitzer und Schuppe, den Stadtrat-erprobten Nina Konstantin und Bettina Buresch sowie Urgestein Siegfried Müller, der von weit hinten nach vorne gewählt wurde, ausgewogen ist. Die Mahnung der CSU, jetzt sei der Stadtrat rot-grün-regiert, wies Schuppe von sich: „Natürlich ist uns die SPD näher, aber nicht bei allen Themen.“ Und man habe ja bewusst die starren Strukturen im Stadtrat aufbrechen wollen, da werde man jetzt sicher nicht neue aufbauen.

SPD: Zwischen Freude und Frust

Zufrieden, aber nicht euphorisch hat die Schongauer SPD das Erreichen der Bürgermeister-Stichwahl von Falk Sluyterman hingenommen. Bitter war dagegen der späte Verlust eines Stadtratssitzes. Die Partei ist kräftig durchgewirbelt worden und hat mit dem kommissarischen Ortsvorsitzenden Stefan Konrad sowie Martin Schwarz, der überraschend von Platz 13 nach vorne gehäufelt wurde, zwei absolute Neulinge im Team. Dafür fiel mit Max Martin der kommissarische Fraktionschef raus und mit Peter Huber auch ein Urgestein, das seit 30 Jahren im Gremium sitzt. Letzterer hat aber noch die Chance nachzurücken, falls Friedrich Zeller, der die zweitmeisten Stimmen für die SPD holte, die Landrats-Stichwahl gewinnt. „Sollte er nicht gewinnen, hat er mir zugesagt, sein Stadtratsmandat auch anzunehmen“, sagt Konrad.

UWV: Historische Pleite

Die Wahlspeisekarte vom Sonntagabend im Café Müller – für CSU und UWV, die dort feierten, kam da vermutlich nur der saure Käs in Frage. foto: hans-helmut herold

Nur noch vier Sitze - das gab es in der langen Stadtratsgeschichte der Unabhängigen Wählervereinigung Schongau (UWV) noch nie. Ab jetzt kleinste Partei im Stadtrat, dazu das Debakel von Ralf Schnabel bei der Bürgermeisterwahl, der mit 14,6 Prozent nur wenig besser abschnitt als Michael Motz vor sechs Jahren (10,7 Prozent) - kein Wunder, dass es betretene Gesichter gab. „Wir haben uns das natürlich anders vorgestellt“, sagt Fraktionschef Stephan Hild. „Es ist ein klarer Protestruf, den man kritisch hinterfragen muss.“ Offenbar wolle der Bürger einfach etwas anderes, und Kalbitzer habe auf der ALS-Liste für viele zusätzliche Stimmen gesorgt. „Dass wir um 180 Stimmen am Patt mit der ALS vorbeigeschrammt sind, ist bitter“, sagt Hild. Eine Wahlempfehlung für die Stichwahl werde man nicht abgeben, das habe man noch nie gemacht.

CSU: Und wieder einer weniger

Fangen wir einmal positiv an: Die CSU bleibt stärkste Fraktion im Schongauer Stadtrat. „Das ist leider gar kein Trost“, sagt Fraktions- und Ortschef Michael Eberle gequält. Hatte die CSU gedacht, nach den drei bitteren Niederlagen bei Bürgermeisterwahlen seit 1996 könnte es nicht mehr schlimmer kommen, wurde sie am Sonntag eines Besseren belehrt. Die 22,3 Prozent von Robert Stöhr sind das schlechteste Ergebnis eines CSU-Kandidaten aller Zeiten. Vielleicht wäre Kornelia Funke, die sogar mehr Stimmen für den Stadtrat eingefahren hat als Stöhr, doch die bessere Kandidatin gewesen. Doch das ist Kaffeesatzleserei. „Wir werden uns weiter im Stadtrat für Schongau einsetzen“, sagte Eberle. Doch das mit nur noch acht Mitgliedern - wie bei den zehn kleinen Negerlein schrumpft die CSU-Schar bei jeder Wahl um einen Platz. Dieses Mal hat es Robert Seitz erwischt.

Ob die CSU eine Wahlempfehlung ausspricht, wird laut Eberle noch besprochen. Es dürfte sowieso schwer werden: Welcher CSUler wählt schon gerne einen SPD-Kandidaten? Oder gar Kalbitzer? Vize-Bürgermeister Paul Huber, vom letzten Platz noch einmal ins Gremium gewählt, war nach der Wahl extrem frustriert. „Ich finde es erschreckend, dass ein so großer Teil der Bevölkerung so wählt. Wollen die nur Gaudi haben?“, fragt er sich verzweifelt.

Boris Forstner

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