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Gerhard Hasreiter Altbürgermeister der Stadt Geretsried.

Geringe Wahlbeteiligung

Nur den eigenen Gartenzaun vor Augen?

Geretsried/Wolfratshausen - 41,52 Prozent! Wäre ein schöner Satz, wenn es um die Rabattierung im Winterschlussverkauf ginge. Als Beteiligung an einer Stichwahl ist diese Zahl enttäuschend. Was tun gegen die Politikverdrossenheit? Drei politische Urgesteine suchen nach Antworten.

Geretsrieds Altbürgermeister Gerhard Hasreiter hält diese vier Ziffern für „traurig und nicht nachvollziehbar“. „Erschreckend“ nennt Hasreiters Wolfratshauser CSU-Kollege Paul Brauner die Zahl von 49,02 Prozent der Wahlberechtigten, die am Sonntag in Wolfratshausen an die Urnen gingen, um über das künftige Stadtoberhaupt abzustimmen. Der 72-Jährige fügt an: „Das ist doch auch für den Gewählten schlimm, wenn er weniger als die Hälfte der Stimmberechtigten hinter sich hat. Was ist das denn?“ Politik(er)-Verdrossenheit, Unwissenheit, Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit – über die Gründe der seit Jahren sinkenden Beteiligung an politischen Wahlen ist schon viel diskutiert worden. Aber wird das Thema auch wirklich ernstgenommen?

Ex-Stadtrat Brauner hat vor vielen Jahren mal einen Antrag im Gremium gestellt. Inhalt: Man solle verstärkt in die Abschlussklassen der Schulen gehen und das Wahlrecht thematisieren, künftige Erstwähler zu Ratssitzungen einladen, um sie für die Kommunalpolitik zu sensibilisieren. Die Reaktion der Kollegen? Brauner winkt ab: „Es hat keinen interessiert.“ Und das tue es wohl auch aktuell nicht übermäßig. Die Parteien würden alle davon reden, die Wahlbeteiligung zu analysieren, „aber fragen Sie in einem halben Jahr nach den Ergebnissen. Sie werden keine kriegen.“

Interesse – das ist das Stichwort für Walter Büttner. Das Geretsrieder SPD-Urgestein spricht von einer neuen „unpolitischen Generation“, die sich nur auf einzelne Sachthemen fokussiere – „vielleicht, weil sie in nicht mehr so gesicherten Verhältnissen lebt wie meine Generation früher“ – und auch der Beruf einen größeren Raum einnehme. Mit Folgen: „Die jungen Leute werden aktiv, wenn ihr Kind keinen Kita-Platz bekommt. Aber sie blicken nicht mehr über den eigenen Gartenzaun hinaus.“ Das dauerhafte Interesse an den Dingen, die sich vor der Haustür abspielen, vermisst Büttner. Erst wenn ihnen plötzlich ein neues Haus vor dem Wohnzimmerfenster die Sicht ins Grüne nehme, „ist das Gejammere groß“.

Hasreiter kam genau aus diesen Gründen vor 30 Jahren zur Kommunalpolitik. „Ich habe mich fürchterlich über eine Straßenplanung bei mir im Wohnviertel aufgeregt“, erinnert sich der Altbürgermeister. Ihm sei schnell klar geworden, dass Reden zu schwingen nicht ausreiche: „Man muss mitmachen, sich aktiv engagieren. Das war von da an meine Motivation.“ Warum es heute so schwer ist, Menschen für politische Themen zu begeistern? Hasreiter versucht’s mit folgender Erklärung: „Die Medien liefern die Informationen, aber die Leute lesen sie nicht mehr.“ Hinterher seien sie nicht mit der Politik einverstanden und meckerten herum. „Eigentlich müssten sie dann sechs Jahre still sein.“

Büttner blickt über die Landesgrenzen hinaus, um die Politiklosigkeit der Menschen zu erklären. „In Frankreich oder gerade in der Türkei gibt’s eine ganz grundsätzliche politische Auseinandersetzung. Bei uns fehlt die. Vielleicht geht es uns einfach sehr gut, und viele meinen, sie können sich zurücklehnen.“

von Peter Borchers

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