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Abstufungen der Wahrheit

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Von: Susanne Greiner

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Die Wahrheiten Metropoltheater in Landsberg
Michele Cuciuffo (links) und Leo Reisinger beim Männergespräch im Stück „Die Wahrheiten“. © Greiner

Landsberg – Gibt es eine objektive ‚Grenze‘ für Missbrauch? Kann man einem Menschen, der sich gedemütigt fühlt, dieses Gefühl absprechen? Der Satz „Ist doch nicht so schlimm“ wirkt für den Betroffenen oft wie eine schmerzhafte Ohrfeige. Das Stück „Die Wahrheiten“ von Sarah Nemitz und Lutz Hübner beschäftigt sich mit dieser Frage. Aber auch mit der Frage von Macht in Beziehungen. Gestern war das Metropol­theater mit dem Vier-Personen-Kammerspiel zu Gast im Landsberger Stadttheater. 

Zwei Paare: Sonia und Bruno, dank Banker-Job spießig und gut situiert, Jana und Erik, eher knapp bei Kasse. Sie sind seit Langem befreundet, passen auch mal gegenseitig auf die Kinder auf. Deshalb kommt die sms von Erik an Bruno, man wolle sie nicht mehr sehen samt einem „Wir wollen das nicht diskutieren“ für Sonia und Bruno äußerst überraschend. Anrufen will Bruno nicht, „das macht uns klein“. Man wolle sie wohl nach jahrelanger finanzieller Unterstützung „abschießen“, vermutet der Banker, und steigert sich in seine ‚gerechte Wut‘. Jana sei dauerüberfordert, das habe sich schon beim vergeigten Coaching-Wochenende gezeigt, das Bruno ihr zugeschustert hat. Dabei hätte sie es so einfach haben können, als hübsche Frau, „ein bisschen aufdonnern“. Sie habe da auf ein „paar blöde Witze“ wie eine beleidigte Benimmlehrerin reagiert.

Dass da mehr dahintersteckt, weiß Sonia. Denn Jana hat ihr davon erzählt. Und sie hat Jana von ihrem Seitensprung erzählt, dessen Resultat Sohn Nico ist, von Bruno gnädig angenommen. Was Bruno nicht weiß, Jana aber sehr wohl, ist, dass Sonia eine längere Affäre hatte und dass sie dieser Mann, als sie es beenden wollte, vergewaltigt und dabei geschwängert hat. Nico soll das nie erfahren. „Es gibt unverantwortliche Wahrheiten.“ Von einer anderen Wahrheit wissen nur die Männer: Erik betrügt Jana seit Langem. Bruno findet das in Ordnung: Erik hätte Jana schon lange abschießen sollen.

In Dialogen unterschiedlicher Konstellation – mal die Paare, mal nur die Frauen oder nur die Männer – enthüllt sich dem Zuschauer eine Geschichte von Missbrauch und dessen Missachtung. Und von der Macht der verschwiegenen Wahrheiten, die Beziehungen in Ungleichgewicht bringen. Vielleicht liegt aber genau hier das Problem in Nemitz und Hübners Stück: Was ist nun wichtiger: die Frage nach dem, was Missbrauch ist – gibt es den nur sexuell? Gehört Po-Grapschen dazu? Kann man diese Frage überhaupt stellen? Oder geht es um die Frage nach dem Machtgefüge in Beziehungen?

Zwei so große Themen können ein Stück zerfasern. Und genau das Gefühl hat der Zuschauer bei dem gut eineinhalb Stunden langem Kammerspiel, das nur aus Dialogen besteht. Die werden zwar immer kürzer, unterbrochen durch das sich drehende, angenehm reduzierte Bühnenbild. Aber sie führen zu keinem wirklichen Ende. Die aufgebaute Spannung verläuft im Sand. Dass Erik am Ende gegen Bruno und für Jana Position bezieht (die ihn dennoch verlassen wird, aber das weiß er da noch nicht), ist nicht nachvollziehbar. Erst kurz zuvor schreibt er Jana sogar das „typische weibliche Opferding“ als Grundhaltung zu. Auch Leo Reisinger scheint mit der Rolle des Erik Probleme zu haben: Die Rolle wirkt aufgesetzt, hölzern.

Katharina Müller-Elmau als Sonia und Mara Widmann als Jana sind hingegen überzeugend. Auch wenn ihre Rollen, ebenso wie die der Männer und wie die Situationen im Allgemeinen, teilweise zu plakativ aufgezogen sind. Herausragend ist Michele Cuciuffo als „mittelaltes, westeuropäisches Primatenmännchen“, wie sich Bruno durchaus selbstironisch bezeichnet. Er poltert durch die Gegend, spielt überzeugend den vermeintlich reflektierten Macho und schwimmt am Ende wieder sorglos ans Oberflächliche.

Regisseur Jochen Schölch setzt auf den Dialog, scheinbar in ungekürzter Form, Streichungen sind bei den zahlreichen Handlungsaspekten, die der Zuschauer zum Verständnis des Stückes wissen muss, auch schwierig. So bietet das Stück tiefgreifende Momente. Aber auf Dauer verhakt es sich in seiner Form.

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