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Antigone als Talkshow-Gast

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Von: Susanne Greiner

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Geppert Menéndes Theater an der Ruhr in Landsberg
„Antigone“ als TV-Talkshow in der Inszenierung des Theaters an der Ruhr: Dagmar Geppert als Antigone bei Fabio Menéndez alias Moderator alias Kreon zu Gast. © ks

Landsberg – „Die Antike ist nicht begraben“, sagt Helmut Schäfer, einer der drei Gründer des Mühlheimer „Theater an der Ruhr“. Denn die Probleme, die deren Dramen behandeln, sind ungelöst: Probleme, die den Menschen definieren – und deshalb nicht zu lösen sind. Weshalb das Theater wieder einmal „Antigone“ auf den Spielplan setzt, allerdings in der modernisierten Fassung von Thomas Köck, „antigone. ein requiem“. Auf diese pflanzt Simone Thoma in ihrer Inszenierung noch eine geballte Ladung Medienwelt. Das Ergebnis, zu sehen am Samstagabend im Stadttheater, ist beeindruckend. Und zutiefst verstörend.

Köck transportiert die antike Fragestellung nach Gewissen versus Staatsrecht ins heute: Nicht mehr der tote Polyneikes, der nicht beerdigt werden darf, sondern die vielen toten Geflüchteten, die an die Mittelmeerufer Europas geschwemmt werden, stellen die elementare Frage, deren Pole Antigone und Kreon sind. Wessen Tote sind es? Wer übernimmt die Verantwortung, die Schuld und damit – aufgrund eben der Menschlichkeit – die verpflichtende Bürde, hier wie auch immer einzugreifen?

Regisseurin Thoma baut um das Grundgerüst des Dramas eine Talk-Show, in der das Dramenpersonal die Gäste sind, Kreon der Moderator ist: Potusí-TV, benannt nach Potusí in Bolivien, im Kolonialismus Zeuge der Ausbeutung der dortigen Silberminenarbeiter – und als Ort der ersten Silbermünze die „Wiege des Kapitalismus“, wie der erste Talkgast, Ismene, gegenüber Kreon darlegt. Ein kurzer Verweis auf Ismenes zukünftige Projekte, Thema abgehakt, nächster Gast. In der Welt der Medien ist keine Zeit für Gewissensfragen. Die stellen dafür die Figuren aus Antigone, teilweise als Projektionen, als Korrespondenten, mit denen Kreon spricht. Die Position des Unparteiischen übernimmt der Chor, der wie ein rückwärtiges Publikum die Bühne nach hinten umringt – und so das Publikum spiegelt.

Antigones Mantra: „Es sind unsere Toten“. Wir alle tragen aufgrund unserer Existenz in der globalen Welt für sie Verantwortung – und damit auch Schuld. Kreons Kon­tra: „Wir sind nicht der Friedhof der Welt.“ Wir können uns nur um das Eigene kümmern, dessen größtmöglicher Rahmen ist der Staat. Hinter der Grenze hört unsere Verantwortung auf, denn „alles hat eine Grenze“. Somit ist der Staat das Gesetz, ist das Gesetz der „Grund unserer Gemeinschaft“, die Grundlage, „damit wir uns ertragen“. Denn eigentlich ist der Mensch dem Menschen ein Wolf. Dem setzt Antigone das entgegen, was den Menschen zum Menschen macht: seine Werte.

Der Rahmen

Das Theater an der Ruhr schlägt mit seiner Inszenierung einen großen Bogen. Potusí-TV heißt das Format, mit dem das Theater während des Lockdowns nach außen streamte, entstanden nach einer Exkursion einiger Ensemblemitglieder nach Potusí. Mitgebracht haben sie die Frage nach menschlichen Werten und deren Reichweite. Sophokles Grundfrage wird hier doppelt reflektiert: in Köcks Aktualisierung und in Thomas Transport in die Thematik moderner Medien und deren Umgang und Auswirkungen auf menschliche Tragödien: mit einem Klick ist alles weggewischt.

Doch wie bereits von Helmut Schäfer formuliert: Es gibt keine Lösung für das Grundsatzproblem, das letztendlich nach dem Gut oder dem Böse des Menschen fragt. Auch das Sophokles-Köck-Thoma-Drama kommt an diesen Punkt, an dem die Protagonisten um den unlösbaren Kern kreisen. Der Punkt, an dem Theatermitgründer Roberto Ciulli auftritt. Angesagt als Höhlenforscher, entpuppt er sich als Prophet der Endzeit: „Ihr reißt den letzten Rest Leben aus den letzten Nischen.“

Es ist kein hoffnungsvolles Bild, dass das Theater an der Ruhr malt. Aber ein beeindruckendes. Schon allein Kostüme und Bühnenbild (Elisabeth Strauß/Adriana Kocjan) in moderner Medienkälte, gepaart mit surrealistischen Elementen und den Videoeinspielungen von Peter Wedel erzeugen Bilder, die bleiben. Das Ensemble ist hervorragend, herausragend in ihm Fabio Menéndez als aalglatter Moderator und gesetzestreuer, rational agierender Kreon. Oder auch Gabriella Weber als Ismene, Kind der Medien und sorglos Lebensfreudige. Alle Darsteller agieren ruhig, stellen den nicht leichten Text Köcks in den Vordergrund, spielen ihn aus. Und dennoch geht ein Teil des Textes durch die Reizüberflütung der geballten Medienpräsenz im Stück selbst unter. Gerne würde man anhalten, die Pausetaste drücken, zurückspulen, bitte diesen Satz noch einmal, um ihn tatsächlich zu verstehen – zu spät, das Medium ist uns schon wieder drei Schritte voraus. So frisst sich die Medienkritik in Thomas Inszenierung selbst. Und wahrscheinlich ist das auch beabsichtigt. Zumindest erlebt der Zuschauer so direkt, welche Verhaltensmuster Informationen im heutigen Medienumfeld beim Menschen hervorrufen. Oder genauer gesagt, was sie zu überdecken drohen: die Notwendigkeit, die unlösbaren Fragen immer wieder zu hinterfragen. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, wird Ingeborg Bachmann im Stück zitiert. Denn diese Auseinandersetzung mit der Wahrheit ist es, was laut Thoma eine Gesellschaft lebendig hält.

Ganz am Ende zündet Ismene dann doch noch einen Hoffnungsfunken: „Wollen wir angesichts dieser Toten nicht doch...?“, fragt sie. Ob weitermachen oder nicht, steht nicht zur Debatte. Das Fragenstellen ist die Essenz. Und darauf hat Ismene eine deutliche Antwort: „Doch, wollen wir.“

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