Intel in Hillsboro
+
Einer von vier Campus von Intel in Hillsboro mit 5.000 Mitarbeitern.

Umstrittene Intel-Ansiedlung in Penzing

Beispiel Hillsboro: Was bei uns anders ist

  • Werner Lauff
    VonWerner Lauff
    schließen

Landkreis – Wer die USA bereist und sich dabei abseits von New York, San Francisco oder Chicago in Mittelzentren aufhält, stellt Unterschiede zu Regionen in Deutschland fest. Viele „weiche Faktoren“, also Eigenschaften, deren Bedeutung und Einfluss sich nicht in betriebswirtschaftlichen Kennzahlen ausdrücken lassen, sind hier anders als in den USA. Dazu zählen Themen wie Verkehr, Innenstädte, soziale Einrichtungen, medizinische Versorgung und Wohnen. Größere Industrie-Ansiedlungen sind damit weitaus problematischer als in Amerika.

Als Beispiel kann Hillsboro in Oregon dienen, wo Intel mehrere Werke betreibt. Fast alle Mitarbeiter fahren mit dem eigenen PKW zur Arbeit. Große Parkplätze rund um die Fabrik­hallen (siehe Satellitenbild) zeugen von dieser absoluten PKW-Dominanz. Öffentlichen Nahverkehr gibt es nach Osten in Form einer Straßenbahn, die zur Metropole Portland fährt. Für die 27 Kilometer braucht sie allerdings eine Stunde und 40 Minuten; mit dem Auto geht es fast dreimal so schnell. Außerdem gibt es keine Verbindung zwischen dieser Linie und den vier Werken von Intel, die Hillsboro beherbergt. In alle anderen Himmelsrichtungen fahren weder Bahnen noch Busse. Auch innerörtlich ist der Nahverkehr minimal.

Wer bei Intel arbeitet, fährt also zwingend mit dem Auto. Die Konzentration auf den PKW ist für die Amerikaner kein Problem, denn die Verkehrsdichte ist vergleichsweise gering. Die meisten Straßen rund um Hillsboro, zum Beispiel der vierspurige Highway OR-8, kennen selbst in der morgendlichen Rush Hour nur selten Staus. Als Intel 2014 mit dem Washington County und der Stadt Hillsboro weitere Investitionen vereinbarte (gegen eine 15-jährige partielle Steuerbefreiung), spielten Themen wie Straßenbau und Nahverkehr daher auch keine Rolle.

In Deutschland ist das ganz anders. Wir legen viel größeren Wert auf den öffentlichen Nahverkehr. Der Klimawandel soll nicht nur durch E-Mobilität, sondern auch durch eine Reduzierung des Individualverkehrs erreicht werden. Und unsere Autobahnen sind stark belastet; sie vertragen neben dem ansiedlungsbedingt zunehmenden LKW-Verkehr kaum noch Spitzen durch 12.000 zusätzliche Pendler. Daher müssen für Großansiedlungen Lösungen gefunden werden. Und eines geht nicht: Bei Intel alle Augen zudrücken, von anderen Unternehmen und den Bürgern aber Einschränkungen verlangen.

Aus der Stadt heraus

Probleme gibt es auch wegen der unterschiedlichen Zentren-­Orientierung. Die dominante PKW-Nutzung führt in den USA dazu, dass man die meisten Einzelhandelsgeschäfte und Supermärkte entweder in großen Einkaufszentren (Malls) am Stadtrand oder verstreut an Highways findet. Bei uns verfolgt man genau das gegenteilige Konzept: Unser Einzelhandel ist bevorzugt im Zentrum angesiedelt; außerhalb der Ortskerne gibt es sogar Beschränkungen des Sortiments. In den USA fährt man also zum Einkaufen aus der Stadt heraus und parkt dezentral oberirdisch, in Deutschland fährt man in die Stadt hinein und parkt zentral unterirdisch.

Natürlich sind die Kosten zum Empfang tausender neuer Firmenmitarbeiter damit in Deutschland erheblich höher. Diese Orientierung, mit dem PKW an die Peripherie zu fahren, erstreckt sich auch auf Restau­rants, Kinos, Theater und sogar weiterführende Schulen. In den Mittelstädten der USA liegen die meistbesuchten Restaurants gut erreichbar und mit vielen Parkplätzen ausgestattet außerhalb des Zentrums.

Ist das die Wirkung oder die Ursache weniger attraktiver Innenstädte? Darüber kann man vermutlich streiten. Fest steht: Deutsche Innenstädte haben eine weit höhere Aufenthaltsqua­lität als Mittelstädte in den USA. Das wiederum bedeutet: In Deutschland wohnt man gerne zentrumsnah, in den amerikanischen Mittelstädten ist die Lage weitaus weniger relevant.

Beim Wohnen gibt es in den USA zudem eine Besonderheit. Oft entstehen riesige Siedlungen mit sehr vielen absolut gleichen Häusern, so auch in Hillsboro, direkt neben dem Intel-­Werk. Manchmal werden sie gleich vom Bauträger möbliert. Während man in Deutschland Hunderte von Architekten, Statikern und Bauunternehmen benötigt, reicht bei solchen Siedlungen in Amerika jeweils einer. Die Bauzeit ist damit gering. Deutsche Ingenieure und Facharbeiter, die bei Intel tätig sind, würden eine solche Art des gleichgeschalteten Wohnens wohl kaum akzeptieren. Sie werden sich daher zunächst um Häuser und Wohnungen in den Städten und attraktiven größeren Orten bemühen, was die angespannte Lage bei Immobilien weiter verschärft.

Soziale Unterschiede

Große Unterschiede gibt es auch im sozialen Bereich. In den USA haben Eltern keinen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Kindertagesstätten sind überwiegend privat organisiert; eine Ganztagesbetreuung kostet je nach Ausstattung und Lage bis zu 10.000 Euro im Jahr. Damit ist ein Platz in der Kita teurer als ein Studienplatz an vielen öffentlichen Universitäten. Eine Kita zu errichten ist ein gutes Geschäftsmodell – deswegen ziehen große Ansiedlungen auch relativ rasch entsprechende private Investitionen nach sich. Es entsteht kein Mangel, denn die Nachfrage generiert automatisch ein Angebot.

In Deutschland aber gibt es den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Hier sind die Kommunen in der Verpflichtung. Bei den Schulen sind die Unter­schiede nicht ganz so groß; allerdings gehen immerhin 25 Prozent amerikanischer Jugendlicher in Privatschulen. Auch die medizinische Versorgung ist in den USA anders. Behandlungen sind teuer und müssen privat bezahlt oder privat versichert werden. Der Anreiz für amerikanische Mediziner, sich in einer wachsenden Region niederzulassen, ist daher viel größer.

Hillsboro hatte 1980 etwa so viele Einwohner wie Landsberg. Durch Intel hat sich die Bevölkerungszahl in 20 Jahren um 150 Prozent und in 40 Jahren um 287 Prozent erhöht. Hillsboro ist damit sechseinhalb mal schneller gewachsen als die Einwohnerzahl der USA. Verkehr, Innenstädte, soziale Einrichtungen, medizinische Versorgung und Wohnen stellten dabei aufgrund der andersartigen „weichen Faktoren“ dort kein großes Problem dar. In Deutschland aber müsste ein solches Wachstum von Bund, Land und Kommunen erst einmal bewältigt werden. Deswegen tut man bei großen Ansiedlungen gut daran, sich zu vergegenwärtigen, was bei uns anders ist.

Quelle: Kreisbote

Auch interessant

Kommentare