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Bigband Dachau feat. Jimi Tenor: das Glück der Entropie

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Von: Susanne Greiner

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Jimi Tenor Bigband Dachau in Landsberg 2022
Bigband Dachau feat. Jimi Tenor: ein Konzertabend voller Energie. Bigband-Leiter Tom Jahn (stehend, Mitte) ist ständig in Bewegung, Jimi Tenor (links) arbeitet mit Ventilator am Synthi, die Bandmitglieder glitzern, im Hintergrund wird‘s psychedelisch. © ks

Landsberg – Entropie ist ein Maß für das Chaos: die Unordnung, die entsteht, wenn Moleküle ihre gewohnte Bahn verlassen und spontan reagieren. Entropie kann niemals sinken. Mit jedem Quentchen erzeugter Energie werden die Moleküle rasender. Irgendwann ist das Energielevel am Anschlag. Und an diesem Punkt verharrt das System – in einem stabilen Gleichgewicht. Wer am Freitagabend im Stadttheater bei Bigband Dachau feat. Jimi Tenor war, weiß, wie sich das anfühlt. Denn wenn nach gut zweieinhalb Stunden dieses ‚verdammten Beats‘ der Theatersaal tobt und keines der Publikums-Teilchen mehr an seinem Platz ist, ist dieses Gleichgewicht zu spüren. Manche nennen es Glück.  

Vor über zwei Jahren waren die Bigband Dachau und Jimi Tenor zuletzt in Landsberg. Und spielten das Konzert ihres Lebens. Musikorganisator im Stadttheater Edmund Epple erinnert einen „transzendierten Klangkörper“: „Es war magisch“ – woraus die CD „Bigband Dachau feat. Jimi Tenor, Live at Stadttheater Landsberg“, entstand, ein „Tondokument der musikalischen Energie“, nennt es die Süddeutsche. So was kommt nie wieder. Oder wie Epple meint: „Da kommt live eben immer so ein Energieding dazu.“ Es ist deutlich: Energie ist das A und O für Bigband und Tenor. Die am Freitagabend war anders. Aber kein Deut weniger euphorisierend.

Dabei mag ein Nicht-Kenner der vormaligen Knabenblaskapelle Dachau beim ersten Anblick verwirrt sein. Wer Bigband hört, denkt Glenn Miller, sieht Anzüge – oder doch zumindest die Gewandung in Schwarz. Kravatten, die Sitzordnung gereiht. Nicht so die Dachauer: Sie selbst beschreiben sich als „furioses MassivJazzTechno-Ensemble mit einer Prise Wahnsinn, Swag und Glitzer“. Vor allem Letzteres nicht zu knapp: pinkfarbener Kaftan mit Goldlitzen für Sänger J. J. Jones, funkelnde Kappen und Jacketts, selbst das Schlagzeug flimmert lichtgrün. Der einzige, der schwarz trägt, ist Dirigent Jahn. Und Tenor, ganz in weiß. Jahn aka „Tornado Tom“ versprüht allerdings so viel Energie und Bewegungsdrang, der Glitzer würde untergehen. Und Multiinstrumentalist sowie Avantgarde-Pop-Musiker Tenor aus Finnland wirkt mit Ventilator neben Synthi, Saxophon und Querflöte selbst ohne Glitter wie eine Vision.

Auch was das Programm angeht, liegen Bigband und Tenor weit ab der Standards: Eigenkompositionen, Soul, Jazz, Techno, stimmlich begleitet von Jones satter, funky Stimme oder Jahns Sprechgesang, unterlegt vom Beat, dem verdammten, treibenden. Dazu die Kompositionen von Tenor, bei der „Call of the Wild“ heraussticht: Laut­assoziationen von Tieren, aufgefangen von einem satten Bass, der am Ende wieder in der Wildnis versinkt. Nach dem Stück raunen vier Sekunden Stille – dann tosender Applaus.

Das große Ganze

Manches scheint improvisiert – ist aber perfekt durchkomponiert, was sich am ‚gemeinsamen Flötensolo‘ von Tenor und Band-Flötistin zeigt: wirkt wie Impro, aber wer könnte so synchron zu zweit improvisieren? Was die Bigband ausmacht, ist – neben der allgegenwärtigen Energie – das Zusammenspiel, das große Ganze. Oder wie Jones singt: „We‘re in this together“. Einige der Musiker hätten ihre ersten Töne bei ihm gespielt, erinnert Jahn. Für ihn sei die Band „ein Lotto-Sechser der tollen Menschen“.

Ein physikalisches Konzept hebeln Bigband und Tenor komplett aus: Zeit. Sie verschwindet. Nach dem letzten, Samba-angehauchten Song jubelt das Publikum. Und wer noch nicht tanzt oder zumindest wippt, den reißt der erste Zugabe-Takt von Tenors „Take me Baby“ aus dem Sessel. Noch eine Zugabe. „Der verdammte Beat“. Landsberger Donauwelle. Stabiles Gleichgewicht als Ekstase. Glänzendes Glück. „Nehmt die Energie in euren Herzen mit“, sagt Jahn, erschöpft, grinsend. Und nein, das wirkt tatsächlich in keiner Weise kitschig.

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