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Das „Liberation Concert“ in St. Ottilien

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Von: Ulrike Osman

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Klarinettistin Sharon Kam, Iris Berben und Pianistin Elen Bashkirova
Die Klarinettistin Sharon Kam, Iris Berben und Pianistin Elen Bashkirova (von links) überzeugten beim „Liberation Concert“. © Astrid Schmidhuber

St. Ottilien – Eine Bühne aus unförmigen, nicht zueinander passenden Holzbrettern. Darüber ein Baldachin, zusammengenäht aus Flicken und ausrangiertem Fallschirmstoff. Davor sitzend, liegend, lehnend, lagernd Hunderte zum Skelett abgemagerter, blasser, ausdrucksloser Gestalten. Das war das Bild, das sich dem jüdisch-amerikanischen GI Robert C. Hilliard am 27. Mai 1945 in St. Ottilien bot und das Iris Berben am Samstag Abend bei der dritten Neuauflage des Liberation Concert in der Klosterkirche wieder lebendig werden ließ.

Gekleidet in einen schlichten schwarzen Hosenanzug las die Schauspielerin mit wunderbar rauher Stimme aus Hilliards Buch – jene Passage, in der er voller Staunen beschreibt, was an diesem „frischen Vor-Sommertag“ auf der provisorischen Bühne geschah: Überlebende der Konzentrationslager gaben ein Konzert – ihr Befreiungskonzert, das Liberation Concert. Ein Blick von Iris Berben zum Dirigenten des Prager Orchesters – und die Musik setzt ein, während die Schauspielerin noch liest und geleitet das Publikum sanft in einen Abend, der sich im Laufe von zwei Stunden zu einem ergreifenden Konzerterlebnis steigern wird.

Es spielt das Kammerorchester des Nationaltheaters Prag unter der Leitung von Rastislav Štúr, dem Dirigenten der Oper des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava, der den erkrankten Juri Gilbo vertrat. Und es spielen zwei Solistinnen, die fast das Dach abdecken mit ihrer Virtuosität. Die erste ist Sharon Kam, seit über 20 Jahren eine weltweit führende, vielfach ausgezeichnete Klarinettistin, die zweite die nicht minder international gefeierte Elena Bashkirova. Kam spielt Carl Maria von Weber, Bashkirova spielt Mozart und beide zusammen werden am Schluss das Publikum mit einer Zugabe von Schumann nach Hause schicken, „zum guten Einschlafen“, wie Kam augenzwinkernd sagt.

In der ersten Reihe lauschen Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die israelische Generalkonsulin Carmela Shamir, Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland, und Irmgard Fellner in Vertretung von Bundesaußenminister Heiko Maas. Fellner würdigt in einem kurzen Grußwort das ursprüngliche Liberation Concert als Botschaft des Überlebens und der Selbstermächtigung. Wenn in der heutigen Zeit das Konzert an diesem „wunderbaren Kraftort“ St. Ottilien wieder auflebe, wecke es Gedenken, Erschrecken und Demut.

Das Kloster St. Ottilien selbst ist noch dabei, seine jüdische Geschichte aufzuarbeiten – jene drei Jahre nach Kriegsende, während der das Kloster ein Camp für Displaced Persons war. „Der erste jüdische Talmud nach dem Krieg ist in St. Ottilien in der EOS-Druckerei gedruckt worden“, berichtete Erzabt Wolfgang Öxler. Die Erinnerung wachzuhalten, sieht er als besondere Verpflichtung an. Dazu gehört auch das Liberation Concert, das zu Recht schon vorher als Höhepunkt des diesjährigen Festivals AMMERSEErenade gefeiert wurde.

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