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Die Odyssee der St. Louis

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Von: Susanne Greiner

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Reise der Verlorenen Konstantin Moreth Theater Landsberg
„Die Reise der Verlorenen“ macht aus der Irrfahrt der St. Louis bestes Erzähltheater. Acht Schauspieler (hier v.l. Judith Riehl, Konstantin Moreth, Florian Miro) stemmen 22 Rollen. © ks

Landsberg – An manchen Abenden strahlt das Theater. Zeit verpufft, Raum verschwindet, der Fokus fasst ausschließlich das Gezeigte – anderes verblasst. Dazu braucht man: einen Autor, der Sprache beherrscht und weiß, was Theater kann – zum Beispiel Daniel Kehlmann, der Geschichte auch auf der Bühne mit Leben füllt. Und man braucht ein spielfreudiges, aufeinander eingespieltes, großartiges Ensemble – wie das des Altonaer Theaters und des Münchener Theaterunternehmens theaterlust. Zusammen erzählen sie die „Reise der Verlorenen“, die Irrfahrt der St. Louis, deren jüdische Passagiere kein Land aufnehmen wollte. Ein Stück, das in keiner Silbe aktuelle Ereignisse erwähnt. Aber brennend aktuell ist.

Im Mai 1939 sticht das luxuriöse Passagierschiff der Hamburg-Amerika-Linie Hapag „St. Louis“ in Hamburg in See. An Bord: 937 jüdische Emigranten, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten mit Ziel Kuba. Deutschland profitiert, denn für jedes kubanische Visum sind 500 Reichsmark fällig. „Eine teuflische Komödie“, titelt der „Stürmer“. Hapag lässt sich die Rückreise mit 230 Reichsmark bezahlen – auch wenn keiner der Passagiere diese je antreten wird. Auch Kuba will entlohnt werden – doch giert Präsident Laredo Prú nach mehr, als das jüdische Hilfskomitee und die Passagiere aufbringen können. Weshalb es schließlich heißt: Landung abgewiesen. Nicht nur Kuba verschließt die Tore, auch die USA – es sind Wahlen, Roosevelt brennt nicht auf verhasste Flüchtlinge – und Kanada machen dicht. Für die St. Louis beginnt eine Odyssee, die in Antwerpen enden wird.

Der Nazi-Kapitän

Die Schlüsselfigur ist Kapitän Gustav Schröder, seit 1933 NSDAP-Mitglied, aber erpicht, alle Passagiere gleich zu behandeln. Den Befehl der Reederei zur Rückreise nach Hamburg verweigert er. Erwägt sogar, vor England auf Grund zu laufen, um von der Küstenwache Englands gerettet zu werden. Für seine Weigerung erhält er 1957 das Bundesverdienstkreuz. Und Yad Vashem zählt ihn posthum zu den „Gerechten der Völker“.

Ben Daniel Jöhnk als Kapitän Gustav Schröder Landsberg
Ben Daniel Jöhnk als Kapitän Gustav Schröder (links) ist die Schlüsselfigur in der geschichte der St. Louis. Er wurde in Yad Vashem in den Kreis der „Gerechten der Völker“ aufgenommen. © ks

Die wahre Geschichte, die Kehlmann auf Grundlage des 1970 verfassten „Voyage of the Damned“ erzählt, ist eine Geschichte über Macht und Gier, Hoffnung und Ungerechtigkeit. Zeitlose Themen. Die Geflüchteten im Mittelmeer, an der belarussischen Grenze sind sofort präsent – auch wenn nie ein aktueller Querverweis kommt. Auch die politischen und finanziellen Aspekte sind bezeichnend für das Gegeneinander der Nationen, der Menschheit an sich. Immer mal wieder hüpft das Stück aus sich heraus: „Nichts von all dem ist erfunden“, wird der Zuschauer ermahnt. Otto Schiendeck als NSDAP-Ortsgruppenleiter weist das Publikum auf die Gnade der späten Geburt hin. Und von der Zeit, die alle Wunden heilt – aber manche nie, weshalb sie immer wieder erzählt werden müssen. Der reale Gustav Schröder beendete seine Memoiren mit: „Damit sich Grausamkeit und Unmenschlichkeit, wo es auch immer sei, nie wieder breitmachen können.“

Auf zwei Leinwänden, die sich zum Schiffsbug schließen oder als Raum öffnen, schimmern Videoprojektionen von Bugwellen, Menschen, der Reling. Sie trennen die Bühne in zwei Ebenen, das Geschehen im Zentrum immer von surreal schemenhaften Geschichten hinter der Leinwand untermalt. Im ‚Schiffsinneren‘ begleitet die Schauspieler-Kapelle, bestehend aus allen Mitwirkenden.

Regisseur Thomas Luft malt ein Großes Ganzes aus vielfältigsten Sinneseindrücken, die dennoch nichts verwischen. In kurzen Dialogen wird die Handlung auf den Punkt gebracht, die politischen Finessen , die Geld- und Machtgier der Beteiligten pointiert erfasst. Das knapp zweistündige Stück hat keine Leerstellen: Bewegungen der Leinwände werden ins Spiel einbezogen, Kostümwechsel existieren nahezu nicht: Die acht Schauspieler schlüpfen sekundenschnell in ihre zweit-, dritt- oder gar Viert-Rollen – insgesamt sind es 22. Ein Jackett macht zum kubanischen Präsidenten, die altmodische Handtasche verwandelt zum Mütterchen, ein Hut hüpft auf den Kopf, ein Hinken entsteht, ein Akzent schleicht sich ein. Alles ist wie ein Uhrwerk präzise aufeinander abgestimmt, keine Fehler trotz großer Textmengen.

Die Schauspieler überzeugen – jeder in jeder Rolle. Konstantin Moreth als dummdreister Nazi Schiendick, Ben Daniel Jöhnk bleibt in der Kapitänsrolle bedacht, schnörkellos. Judith Riehl begeistert als kubanischer Präsident und Edith Konrad balanciert als Lawrence Berenson gekonnt auf der Kante eines amerikanischen Klischees.

Das ist großes Bühnenkino, begeisternd und mitreißend. Das Landsberger Publikum applaudierte die Schauspieler mehrmals auf die Bühne, untermalt von enthusiastischen Bravorufen.

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