1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landsberg

„DIESSENER*INNEN“ zieren jetzt den Taubenturm

Erstellt:

Von: Dieter Roettig

Kommentare

Gender-Sternchen Dießen Taubenturm
Freuen sich über ihr optisches Bekenntnis zum Sternchen: Schriftenmalerin Steff Sanktjohanser und Heimat-Verein-Vize Jörg Kranzfelder auf der Leiter im Tordurchgang vom Taubenturm. © Roettig

Dießen - Keiner der Beteiligten hatte wohl damit gerechnet, dass ein kleines Sternchen derart hohe Wellen schlagen kann: Heike Gerl, Leiterin der Volkshochschulen Ammersee-West und der Dießener Gemeinderat Michael Hofmann (BP) in seiner Eigenschaft als Verbandsrat des VHS-Zweckverbandes. Das von Gerl arglos angewandte Gender-Sternchen im Frühjahr/Sommer-Programmheft war Hofmann wegen „falschem Deutsch“ ein Dorn im Auge. Er stellte bei der Gremiumsversammlung des Verbandes den Antrag, dies bei künftigen Publikationen zu unterlassen.

Das 7:4-Ergebnis zu seinen Gunsten sorgte für einen wahren Aufschrei bei Befürworterinnen und Befürwortern, Feministinnen und Grünen bis hin zum politischen Zirkel „Mittwochsdisko“. Der forderte gar, dass Hofmann vom Dießener Gemeinderat gerügt und aus dem Verbandsgremium abberufen wird. Er habe sich als politisch Verantwortlicher für Erwachsenenbildung disqualifiziert.

Gleichsam als sichtbarer Protest gegen Hofmann wurde bei Nacht und Nebel an der Passage zum Dießener Rathaus der Schriftzug „DIESSENER*INNEN“ angebracht (wir berichteten). Der Verdacht fiel auf die Tätowiererin Steff Sanktjohanser, Vorsitzende der „Freien Kunstanstalt e.V.“. Sie dementierte, stieg trotzdem Tage später auf die Leiter und pinselte den gleichen, aber „nachgeahmten“ Schriftzug auf den Tordurchgang zum historischen und denkmalgeschützten Taubenturm beim Marienmünster.

Jörg Kranzfelder, Vize-Vorsitzender sowohl bei der Freien Kunstanstalt als auch beim Taubenturm-Eigner „Heimatverein Dießen e.V.“, hatte Steff Sanktjohanser den Auftrag erteilt. Kranzfelder: „Die Diskussion über eine gendergerechte Sprache ist uns als Heimatverein wichtig. Sie ist ein Ausdruck von Gleichberechtigung“. Als Gesellschaft seien wir dazu verpflichtet, das Ungleichgewicht zwischen Männern, Frauen und Diversen wahrzunehmen, anzuerkennen und auszugleichen. „Deshalb ist für uns der Schriftzug DIESSENER*INNEN ein Zeichen für einen gleichberechtigen Umgang in allen Lebensbereichen“, so Kranzfelder.

Alles andere als glücklich über den Schriftzug zeigte sich Prof. Dr. Thomas Raff, der 35 Jahre lang die Geschicke des Heimatvereins geleitet hat und nach seinem gesundheitlich bedingten Rücktritt vor kurzem zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Er möchte die Schrift am liebsten „schnell überpinseln“, zumal er persönlich nichts vom Gendern hält. Bildhauer Matthias Rodach, sein Nachfolger im Amt des ersten Vorsitzenden, will zeitnah das Gespräch mit Prof. Raff suchen und ihm erklären, warum die „next generation“ im Verein das Gendern für unabdingbar hält.

Auch in den sozialen Medien wurde und wird bundesweit über den Dießener „Genderstreit“ diskutiert. Während die bekennenden Lager Michael Hofmann zum „lebenden Feindbild“ erklären, sind auch viele Stimmen dabei, die Hofmann „Respekt für seinen Mut“ zollen. Eine Dame aus Starnberg nennt die Gender-Fans eine „Minderheitenblase mit Sprachterror“, die der Mehrheit ihr Weltbild aufzwingen wolle. Ein Professor aus Regensburg gibt Michael Hofmann Recht, „denn mindestens 95 Prozent der einhundert Millionen Deutschsprecher verwenden den Genderstern nicht. Eine Volkshochschule sollte in der Sprache des Volkes kommunizieren, also in Standarddeutsch.“

Ein weiterer Professor, nämlich Kilian Moritz von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt, meldete sich zu Wort: „Die Gender-Sonderzeichen stoßen auf die Abstand größte Ablehnung. Die Paarnennung dagegen hat relativ hohe Zustimmungswerte.“ Und er betont, dass das Gendersternchen für eine Million Menschen allein in Deutschland das Lesen und Verstehen unnötig verkompliziere. Er meint damit Legastheniker, Menschen mit Lese- und Sehschwäche sowie kognitiven Einschränkungen. Auch Deutsch-Nicht-Muttersprachlern und Migranten legen die Sternchen „unnötige Steinbrocken“ in den Weg.

Auch interessant

Kommentare