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„Nichts Neues“: Die Absurdität des Alltäglichen

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Von: Andrea Schmelzle

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Die „Mission Lifeline“ wurde in Malta für eineinhalb Jahre festgesetzt. Diese zeit dokumentiert Lennart Hüper in seinem Film „Nichts Neues“.
Die „Mission Lifeline“ wurde in Malta für eineinhalb Jahre festgesetzt. Diese Zeit dokumentiert Lennart Hüper in seinem Film „Nichts Neues“. © Hüper

Landsberg – Wie ist es, auf einem Rettungsschiff festzusitzen, während wenige Seemeilen entfernt Menschen auf ihrem Weg nach Europa ertrinken? Zwei Landsberger – ein Film: Claus-Peter Reisch, Kapitän des Seenotrettungsschiffes „Lifeline“, und Regisseur Lennart Hüper stellen am kommenden Sonntag um 11 Uhr im Olympia-Filmtheater den Dokumentarfilm „Nichts Neues“ vor, der im Januar 2021 beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis Premiere feierte – ein Film über einen absurden Prozess. Eine Geschichte über Machtlosigkeit. 

Dass die beiden Landsberger aufeinandertrafen, war Zufall: Das Interesse des damaligen Filmstudenten Hüper galt schon bei seinem Kurzfilm 2015 der Migrationsthematik. Auf das Thema Seenotrettung stieß er über persönliche Bezüge. Auf Reisch über einen Zeitungsartikel. Die gemeinsame Herkunft war dann der „Eisbrecher“ für den ersten Kontakt, sagt Hüper, der heute in Wien lebt. Von da an sei alles ganz schnell gegangen. Er begleitete Reisch nach Malta. Das war im Oktober 2018 – seit Juni lief bereits ein Prozess gegen den Kapitän des Seenotrettungsschiffes „Lifeline“. Zu dem Zeitpunkt sei noch nicht klar gewesen, dass ein abendfüllender Film daraus entstehen soll – Hüpers Abschlussfilm seines Studienganges. „Wir hatten ja keine Ahnung, dass sich alles noch zehn weitere Monate hinzieht“, meint der Landsberger Regisseur.

Eineinhalb Jahre muss die Crew der „Lifeline“ im Hafen von Malta ausharren. Ihrem Kapitän wird vor Ort der Prozess gemacht – nach der Rettung 450 Geflüchteter vor dem Ertrinken muss sich Reisch vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: die angeblich fehlerhafte Registrierung des Schiffes – eine Formalie. Der Film begleitet die Besatzung während dieser Zeit des Festsitzens, des Nichts-Tun-Könnens, des Wartens auf ein erlösendes und „ankerlösendes“ Urteil, viele Monate, in denen das Leben draußen weitergeht. Draußen, an Land und im Meer, entlang der tödlichsten Fluchtroute von Libyen nach Italien. Dort, wo Menschen um ihr Leben kämpfen. Gleichzeitig steht „ein schweres Rettungsgerät mit 850 Schwimmwesten und zehn Rettungsinseln bereit, das nur aufgetankt werden muss, um sofort aufzubrechen“, so Reisch. Eine „irrsinnige Situation“.

Nüchterne Aufnahmen des Schiffsalltags wechseln sich ab mit Berichten über das Sterben Geflüchteter im Meer, die Notrufe des Schiffsfunks erzählen von Booten in Seenot, von der vereinzelten Rettung Überlebender, von vermissten Bootsinsassen und verlorenen Funkverbindungen zu den Menschen in Not. Himmel und Meer, zwischen Schwarzblau und Morgenrot zeigen den Lauf der Zeit. Währenddessen wird an Bord ein Putzplan erstellt, Wäsche gewaschen, Gitarre gespielt, miteinander gelacht – eine „Absurdität des Alltäglichen in der Ausnahmesituation“, die Hüper einfangen wollte: „Das Klammern an immer gleiche Abläufe, die Routinen, die gesetzt wurden, um nicht durchzudrehen – das fand ich spannend.“

Gerichtsodyssee

Sein Film begleitet Reisch auch bei dessen Gerichtsodyssee. Insgesamt zwölf Mal habe er sich in vier- bis fünfwöchigen Abständen zu Prozessen in Malta einfinden müssen, sagt Reisch. Manchmal nur, um nach dreieinhalb Minuten zu erfahren, dass die Verhandlung in fünf Wochen fortgesetzt wird. Für ihn beweise die Irrationalität der Prozessführungen, dass „die Sache politisch gesteuert“ sei – und das Gericht Helfer der Politik. Nicht nur die Registrierung des Schiffes, auch Sicherheitsaspekte sowie das fehlende Patent des Kapitäns wurden angezweifelt – „völlig unhaltbare Anschuldigungen“ als „reine Verzögerungstaktik, um das Schiff am Auslaufen zu hindern“, ist sich der Landsberger Reisch sicher. Die „Lifeline“ ist kein Einzelfall gewesen: Es stecke eine Systematik dahinter, die Fluchtroute von Libyen nach Italien zu schließen. Um die Menschen an ihrer Flucht über das Meer zu hindern, nehme man als abschreckendes Beispiel den Tod Tausender in Kauf. Die Flucht sei aber nur das letzte Ventil für die Menschen, meint Reisch, der sich mittlerweile auch dafür einsetzt, Flucht-Ursachen zu bekämpfen.

Zehn Monate lang ist Hüper jeden Monat für eine Woche an Bord der „Lifeline“, um die Stimmung der Crew einzufangen. In seinen dokumentarischen Arbeiten gehe er sehr beobachtend vor, das erfordere Vertrauen. Der Film dokumentiert das Auf und Ab der Gefühle: Er spiegelt die Hoffnung wider, mit der das Team sehnsüchtig auf den Moment des Segelsetzens wartet – auf den Zeitpunkt, wieder helfen zu können. Er zeigt aber auch die Enttäuschung, Ernüchterung und Zermürbung der sich machtlos fühlenden Crew. Damit liefert Hüper Einblick in die „absurden Auswüchse“ der europäischen Migrationspolitik – begleitet er doch Menschen, die etwas verändern, Menschenleben retten wollen, das jedoch aufgrund politischer und bürokratischer Hürden nicht dürfen. Schmerzhaft bleibt Reisch daheim in Deutschland die Notwendigkeit, für sein Anliegen eine Öffentlichkeit suchen zu müssen – für eine Menschlichkeit, die eigentlich selbstverständlich sein sollte. Auch dabei begleitet ihn der Film: bei Reden und Vorträgen vor Schulklassen und Preisverleihungsgästen, bei Gesprächen mit Politikern.

Das Urteil kommt im Mai 2019 – in Form einer Strafe von 10.000 Euro, auszuzahlen an den Erzbischof von Malta, zu verwenden „ironischerweise für die Flüchtlingsarbeit der dortigen Diözese“, berichtet Reisch. Noch im Gerichtssaal weigert er sich, das Urteil zu unterschrieben und geht in Berufung. Es folgt nochmal ein Jahr des Wartens – im Januar 2020 dann der Freispruch. Die „Lifeline“ blieb währenddessen beschlagnahmt – „wie ein „blutiges Tatwerkzeug“ als Beweismittel. Diese „nächste Absurdität“ habe ihn jedoch nicht davon abgehalten, weiterhin Menschen zu retten, sagt Kapitän Reisch: mit seinem nächsten Schiff „Eleonore“. Wieder landete er vor Gericht. Aber das wäre die Geschichte für einen weiteren Film.

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