Mistcapala
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Kein aktuelles Bild, aber ein passendes. Das ‚Herrenquartett‘ Mistcapala – Tobias Klug, Vitus Fichtl, Armin Federl und Tom Hake (von links) – hat sich aufgelöst.

Eine Landsberger Ära geht zu Ende

»Mistcapala« ist Geschichte

Landsberg – Schlechte Nachrichten gehören auf den Tisch. Nicht in Watte packen, nicht schnöde drumherum reden. Deshalb ganz direkt: Mistcapala ist vorbei. Das Landsberger Herrenquartett hat sich Ende Juli aufgelöst. Der Grund: Ein Viertel der Formation, Multiinstrumentalist und Profimusiker Tom Hake, hat das Land verlassen – Ziel unbekannt.

„Es war eigentlich absehbar, dass Tom nicht mehr lange mitmachen wird“, sagen Armin Federl und Vitus Fichtl, der noch in Landsberg lebende ‚Rote Faden‘ des Quartetts. Hake habe Probleme mit den Corona-Regeln bei kulturellen Veranstaltungen gehabt. Zum Beispiel, vor einem Publikum zu spielen, dessen Reaktionen wegen der Mund-Nasenmaske nicht mehr zu sehen waren. „Ende Juli hat er dann angerufen, dass er das nicht mehr mitmacht“, erzählt Fichtl. Man habe unterschiedliche Positionen gehabt, meint Federl, der durch seine Arbeit im Klinikum Landsberg die Auswirkungen des Coronavirus direkt vor Augen hat. „Irgendwann ging es dann nicht mehr. Aber wir sind nicht im Streit auseinander gegangen.“

Der Zeitpunkt der Trennung ist doppelt schade.Nicht nur sind die Coronaregeln gelockert worden, das Herrenquartett hatte auch ein brandaktuelles Programm: „Herrenbesuch“ war nur fünfmal auf der Bühne zu sehen. „Einmal haben wir es als Vorpremiere in Stadl gespielt“, sagt Fichtl. Coronabedingt nur vor 40 Zuschauern, aber es war ein voller Erfolg. Jetzt sind die beiden erst einmal damit beschäftigt, alles abzuwickeln, rund 40 Konzerttermine müssen abgesagt werden. „Bisher haben die Leute zum Glück vollstes Verständnis“, erzählt Federl. Schön sei das natürlich dennoch nicht. „Wir spüren auch die große Wertschätzung, die uns entgegengebracht wird“, erzählt der 59-Jährige. Die Kombination aus vier ‚Herren‘ sowie Musik und Kabarett in bester Qualität sei doch ein Alleinstellungsmerkmal.

Sollte man das dann nicht fortführen? Mistcapala als Trio? Immerhin könnten sie ja mit Kontrabassist Tobias Klug im neuen Format weitermachen. Für ein Trio müsste aber auch ein komplett neues Programm erarbeitet und einstudiert werden. „Sehr aufwendig, für Tobias eigentlich kaum machbar“, gibt Federl zu bedenken. Denn Klug wohnt bereits seit vier Jahren im knapp 500 Kilometer entfernten Dresden.

Die Trauer über die Auflösung ist spürbar. Die Vier haben bis zu 80 Konzerte im Jahr gespielt, und das seit knapp 40 Jahren. „Wir sind in dieser Zeit natürlich auch Freunde geworden“, sagt Fichtl. Nur deshalb habe diese Formation ja überhaupt so lange bestehen können. Natürlich werde man sich weiterhin hören und wenn möglich sehen. Erst vor Kurzem haben sie Kluge in Dresden besucht. Und dessen Tochter lebt in Schwifting, sodass auch mal die Reise in umgekehrte Richtung gemacht wird.

Nahezu frivole Anfänge – mit mehr Haar und weniger Kleidung.

Angefangen hat das Quartett als Duo: Fichtl und Federl kennen sich, seitdem sie gemeinsam im Landsberger DZG die Schulbank drückten – und schon damals Musik machten. Ab 1983 stelzten sie im Lechwehrtheater von Wolfgang Tietze: „Ich habe sogar Akkordeon auf Stelzen gespielt“, erinnert sich Federl. 1985 wurde schließlich Mistcapala aus der Taufe gehoben. „Mistcapala und das Lechwehrtheater, das war damals unser Leben“, blickt Fichtl wehmütig zurück.

Der Name des Quartetts stammt von zwei Germanistikstudentinnen, erzählt der 59-jährige Jurist. Die hätten sich damals, als er studierte, in der Uni-Caféteria am Nebentisch Vokabeln abgefragt, mittelhochdeutsch. Und das mittelhochdeutsche Wort für ‚Mistgabel‘ ist ‚Mistcapala‘. „Wir fanden das phonetisch einfach schön. Und damals hat das ja auch irgendwie zu unserem Musikstil gepasst“, sagt Federl: Herman van Veen, Zupfgeigenhansel, Liederjan, garniert mit Irish Folk.

Am Anfang spielten Federl und Fichtl mit Geigerin Ursula Leitner, dann kam Michaela Haibl mit dem Hackbrett dazu. „Das erinnerte alles ein bisschen an die Fraunhofer Saitenmusik“, meint Fichtl. 1988 kam dann Tom Hake dazu, nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein kabarettistisches Schwergewicht. „Die Texte wurden wichtiger“, erinnert sich Federl. „Tom war da der Initialzünder.“ Bis 2000 spielten Hake, Federl und Fichtl mit dem Bläser Dino Walter. Als der aber aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste, stolperten sie sozusagen in Tobias Klug. Federl rief den Solokabarettisten an, um ihn nach einem Ersatzbläser zu fragen. Klug: „Ich wüsste da jemanden: mich.“ Gesagt, getan, Klug war das vierte Rad am Wagen. Denn schnell sei klar geworden, dass der Kontrabass die ideale Ergänzung war. „Und mit Tobias haben wir einen kabarettistischen Knaller dazubekommen“, sagt Federl.

Der Erfolg wurde größer, die vier Landsberger zum bundesweiten Botschafter des Glücksgefühls, in der schönen Lechstadt leben zu dürfen. Auch Österreich und die Schweiz haben sie mit grandiosem Humor und nicht alltäglichen Instrumenten wie dem Theremin, der Bockpfeife oder auch einer Popcornmaschine beschallt. Ende der 90er konnten die Vier in Altenbeken auftreten, was der WDR live übertrug, moderiert von Hans Dieter Hüsch. „Da wurden wir gefeiert“, strahlen die beiden Mistcapalas, „wir, die Buben aus der Kleinstadt“. Es folgten SWF und BR. Auch mit Liederjan, „unseren früheren Idolen“, standen sie einmal gemeinsam auf der Bühne. „Das war sehr bewegend“, gibt Fichtl zu. Einer der schönsten Auftritte war das Bardentreffen in Nürnberg, vor 3.000 Zuschauern, nur wegen Mistcapala gekommen. „Nach der Aufführung stand eine Traube von Menschen um uns herum und fragte nach CDs“, erinnert sich Federl und lacht: „Damals hatten wir noch gar keine CD. Die erste kam 2007 raus.“

Bei der Wahl des schlimmsten Auftritts sind sich Federl und Fichtl einig: „In Homburg auf dem Stadtfest. Wir mussten auf einer Straßenkreuzung spielen.“ Die Veranstalterin habe das Programm gekannt, gewusst, dass man konzentriert zuhören muss. Was nicht ganz einfach war: „Zuerst kam der Reinigungswagen vorbei“, erinnert sich Federl. „Dann ein Spielmannszug.“ Heute können sie darüber lachen, damals war ihnen eher nach Weinen zumute. Sie hätten dann nur noch ein Instrumentalstück – möglichst laut – 30 Minuten lang durchgespielt. „Und dann nichts wie weg.“

Die Zukunft

Ob, und wenn ja wie es weitergehen könnte, wissen Federl und Fichtl nicht. „Wir müssen uns jetzt erst einmal wieder einpegeln“, sagt Federl. „Immerhin sehe ich meine Frau jetzt wieder öfter.“ Und er hat auch Zeit für sich. Zum Beispiel zum Akkordeonspielen: „Ich habe gerade Pixner für mich entdeckt“. Fichtl hat die Bühne noch nicht ganz verlassen. Er gibt zusammen mit Gerhard Abe-Graf Lesungen. „Wir lassen das jetzt auf uns zukommen“, schließt Federl. Wenn sie wieder anfangen, dann wohl regional begrenzt. „Wir waren unglaublich viele Stunden auf der Autobahn unterwegs.“

Es heißt also abwarten. Aber die Hoffnung auf ‚Mistcapala 2.0‘ bleibt. Denn bei Federl und Fichtl zwackt sie noch, die Sehnsucht nach dem Kabarett.

Quelle: Kreisbote

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