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Letzte Ausfahrt Zwangsbelegung

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Von: Susanne Greiner

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Rettungsdienstleiter des BRK Landsberg Christian Haberkorn
Rettungsdienstleiter des BRK Landsberg Christian Haberkorn macht sich auf den Weg zum nächsten Einsatz. © BRK LL

Landsberg – Die Bilder sind erschreckend: Rettungsfahrzeuge, die vor Kliniken warten müssen, weil die Intensivstationen voll sind. Patienten müssen in andere, weiter entfernte Kliniken gebracht werden. „Noch gibt es am Klinikum Landsberg keine Schlangen“, sagt der Rettungsdienstleiter des BRK Landsberg Christian Haberkorn. Aber dennoch: Die Einsatzdauer für die Rettungsdienstler steigt enorm. Und auch die Anspannung, sowohl bei Patienten als auch bei den Helfern in der Not.

„Es ist manchmal schwer, die Patienten unterzukriegen“, sagt Haberkorn. Normalerweise werde man von der Rettungsleitstelle Fürstenfeldbruck, die die Verteilung der Patienten in der Region Landsberg, Fürstenfeldbruck, Dachau und Starnberg koordiniert, schon auch mal ins Allgäu geschickt. „Aber inzwischen müssen wir auch nach Murnau oder Garmisch fahren.“ Denn vor allem die Unterbringung von Kindern sei schwierig geworden. Und das bedeutet manchmal rund eine Stunde mehr Fahrtzeit – und eben auch insgesamt ein längerer Einsatz.

Belastung und Frust

„Manchmal müssen wir eine Stunde warten, bis wir von der Leitstelle einen Platz zugewiesen bekommen“, sagt Haberkorn. Das belaste Patienten und deren Angehörige zusätzlich. Und frustriere natürlich auch die Helfer. Zwar könne man einen Patienten im Rettungswagen für eine gewisse Dauer voll versorgen. „Aber es gibt einfach diagnostische Verfahren, die wir da nicht haben.“ Und mangels vollständiger Diagnose könne dann auch nicht adäquat reagiert werden. Bisher habe es beim BRK Landsberg noch keine solchen Probleme gegeben. „Zum Glück“, sagt Haberkorn.

Sollte es soweit kommen, dass ein Klinikum die Notaufnahme schließt, ein Patient im Rettungswagen aber sofort Hilfe benötigt, können die Rettungsdienstler eine Zwangsbelegung vornehmen: „Wir fahren dann das Klinikum an, ob sie wollen oder nicht“, sagt Haberkorn – aber natürlich immer in Absprache mit dem verantwortlichen Oberarzt. Dort werde dann der Patient notversorgt, sodass er stabil ist und sobald wie möglich sicher in ein anderes Krankenhaus mit verfügbarem Platz gebracht werde. „Aber das ist nur die Ultima Ratio!“

Natürlich habe man auch schon vor der Coronapandemie Infekttransporte gehabt. „Aber momentan haben wir einen Covid-Patienten pro Schicht.“ Und neben der zusätzlichen Schutzausrüstung komme auch noch die anschließende Desinfektion des Rettungswagens dazu. „Dass ein Einsatz zwei Stunden dauert, ist keine Seltenheit mehr. Das ist eine enorme körperliche Belastung.“

Übermenschlich

Zudem falle der Wagen samt Personal in dieser Zeit für andere Einsätze aus. „Aber noch können wir in Landsberg alle Schichten besetzen“, beruhigt Rettungsdienstleister Haberkorn. Das liege vor allem an den Einsatzkräften: den Hauptamtlichen, die momentan „Übermenschliches leisten und aushelfen, wo sie können.“ Und natürlich an den vielen Ehrenamtlichen, die auch Rettungseinsätze mitfahren und „uns wahnsinnig unterstützen. Das ist nicht selbstverständlich und das verdient großen Respekt.“

Natürlich sei auch psychisch die Belastung höher als sonst. „Da hilft uns vor allem, dass wir ein gutes Team sind, das absolut zusammenhält.“ Die Gespräche mit Kollegen seien enorm wichtig. Zudem habe man Peers, die 24 Stunden am Tag erreichbar seien. Wenn das nicht ausreiche, gebe es zum Glück einen „guten Draht“ zur psychosomatischen Klinik in Windach.

Belastend sei aber auch die Sorge, sich selbst anzustecken. Obwohl das Haberkorn wenig ängstigt, er hofft aufgrund der Impfung auf einen milden Verlauf. „Aber ich habe zwei kleine Kinder zuhause.“ Und natürlich auch deren Großeltern. „Am meisten Sorge macht mir, dass ich die Krankheit in meinem Umfeld weitergebe.“ Weshalb er Kontakte reduziert, Veranstaltungen meidet.

Bedenken hat Haberkorn vor den kommenden Wochen. „Wir sind noch lange nicht an der Spitze. Vieles zeigt sich ja immer erst zeitverzögert. Und momentan wird es schlimmer.“ Er hoffe, dass die aktuell seitens der Bundesregierung beschlossenen Verschärfungen noch helfen. Dass massiv geimpft werden könne. Dass die Zahlen wieder sinken. „Denn irgendwann ist der Punkt da, an dem wir nicht mehr wissen, wo wir die Patienten hinbringen sollen. Irgendwann gibt es keine Plätze mehr. Und irgendwann auch nicht mehr genug Rettungswägen.“

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