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Das Festival unterm Plattenhimmel

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Von: Susanne Greiner

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Plattenhimmel im Stadttheater Landsberg machen 1 2022
Ein Plattenhimmel der „Hausmusik“-Cover schwebt beim ersten Teil des „machen“-Festivals im Stadttheater Landsberg über den Köpfen des Publikums. © Greiner

Landsberg – Abgehalfterter Spruch, dieses „Wer wagt gewinnt“. Aber nicht selten zutreffend. Zum Beispiel beim genreübergreifenden Festival „machen“, das die Hausmusik-Macher Wolfgang Petters und Marion Epp zusammen mit ‚Musik-Programmator‘ des Stadttheaters Edmund Epple gewagt haben. Der erste Teil „machen 1 – zurück an die Zukunft“ ist am Wochenende auf und über die Bühnen des Stadttheaters gegangen. Musik, Kunst, Film, Literatur, mit Raum für Gespräche und Tanzen haben gezeigt, dass ein Festival nicht „schneller, höher, stärker“ braucht. Klein und fein birgt Qualität. Und schafft Atmosphäre: Das Stadttheatergebäude ist nicht mehr nur Hülle für Veranstaltungen. Es hat eine der Hauptrollen übernommen.

Das Foyer ziert ein Plattenhimmel: Die Cover stammen vom Label „Hausmusik“, in Landsberg von Wolfgang Petters gegründet (der KREISBOTE berichtete) und an diesem Abend wieder mit zwei neuen Alben sichtbar. Dazu an Wänden und auf Sichtbeton Arbeiten von Marion Epp alias Jimmy Draht, Comics und Plakate, von getrockneten Blumen über Fotografie, Zeichnung, Collage – alles da. Dazwischen Reminiszenzen an die Vergangenheit: das „Hausmusik“-Logo im Linoldruck; „Hausmusik“ als Leuchtsignal; der Backstage-Bereich samt rotem Samtteppich, der dem „Fred Stocker Quartett“ seinen Namen gab. Und davor ein Diorama des ersten Proberaums, von Epp zum 15-Jährigen des Labels gebaut, mit Gitarrenkoffer, Schlagzeug, Aufnahmegerät und – natürlich – dem roten Fred-Stocker-Samtteppich en miniature.

Le Millipede

Das weitere Programm: am ersten Tag Albumvorstellungskonzert mit „Le Millipede“, danach der „Hausmusik“-Film von Ricardo Molina (der KREISBOTE berichtete); am zweiten Tag eine Lesung, danach „A Million Mercies“ und weiter mit DJ und tanzen – dank einiger Unermüdlicher bis ein Uhr nachts. Das Konzept geht auf: Das Theater ist nicht über-, aber gut gefüllt. Die Stimmen summen, die Stimmung: entspannt, erwartungsvoll, gut.

‚Tausendfüßer‘-Kopf Mathias Götz ist gerade frisch aus Japan zurück, inklusive Musik-Boots­tour durchs leuchtreklamengrelle Osaka. Im heimeligen Stadttheater präsentiert er mit seinen Bandkollegen einige Stücke – oder besser gesagt „Beine“ – aus „Legs and Birds“, kooperativ bei Dhyana Records, Gutfeeling und Hausmusik erschienen: zehn Titel, vom 1st leg bis zum 10th leg, auf der zweiten Platte Vogelstimmen. Demgemäß steigt Götz mit einem Posaunensolo zum Baumpiepersound ein, dessen Konterfei ist im Hintergrund eingeblendet. Auch im weiteren Konzert begleiten Projektionen die Musik. Die ist inklusive älterer Titel samt dem Götz-Hit „Mutabor“ facettenreich, ruhig, kühl und herzergreifend, Grundnote Melancholie mit optimistischen Leuchtsignalen. Zwischen minimalistische Klänge schiebt sich ein Titel, dessen konträre Rhythmen in der Geigenstimme unerwartet Sinn machen, improvisiert die Trompete im satten Klang, meditativ geerdet. Musik, die im besten Sinn ‚unfertig‘ ist: beweglich, im Augenblick, eine Art Geschichtenerzählen. Irgendwann ein ‚plopp‘ – und man badet in ihr.

A Million Mercies

Wolfgang Petters ursprüngliches Soloprojekt wächst bei „machen 1“ zur Elf-Personen-Band inklusive Katja Huber als Lesende der Petters-Texte, Huber vertritt den kurzfristig verhinderten Franz Dobler. Das Album „Electrictric“ ist ein Gesamtkunstwerk, ein Traum-Konzept-Konzert, teils skurrile Texte leiten die Titel ein, angereichert mit Projektionen, die wie Visionen scheinen: „Weil ich träume, bin ich nicht verrückt.“ Der Musikstil würde jede Schublade überfluten: 70er Jahre Sound, Liedermacher-Ähnliches, Gesangstrios, massive lateinamerikanische Rhythmen neben Walzern, Popangehauchtes und Country – so beim Einstieg, den ein Johnny-Cash-Traum-Text ankündigt. Ein optisch-akustisches Erlebnis bis zum „End of the Night“; eine Nacht, in der Stäbchen und Zapfen dem Hirn Bilder visualisiert haben – eben ein Elektrik-Trick.

Nach dem Konzert, Edmund Epple ist noch ganz im Million-Mercies-Konzert versunken, zieht der Mitorganisator eine erste Bilanz: „Klasse.“ Gute Voraussetzung für die Fortsetzung der laut Epple „kleinen und feinen“ Festivalreihe im April 2023 mit „machen 2 – analog und digital“: im Foyer geplant, „Club­atmosphäre“, verspricht Epple. Und natürlich Gäste, die alle irgendwie mit Landsberg verbunden sind.

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