1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landsberg

„Masel Tov Cocktail“ und die Frage nach der Identität

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Alois M. Kramer

Kommentare

Drehbuchautorin und Regisseur diskutieren mit Grünen-Politikerinnen über den Film „Masel Tov Cocktail“ im Olympia-Kino Landsberg
Merle Kirchhoff (Drehbuchautorin), Arkadij Khaet (Regisseur), Gabriele Triebel und Sanne Kurz (von links) in Diskussion nach Landsberger Vorführung von „Masel Tov Cocktail“ © Kramer

Landsberg – Es hat mehrere Anläufe gebraucht, bis die Landkreis-Grünen ihren Beitrag zu 1.700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland realisieren konnten. Das bemerkte die Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel am Dienstagabend vergangener Woche im Olympia-Filmtheater zu den rund 60 Zuschauern bei der Begrüßung zu „Masel Tov Cocktail“. Wegen der Corona-Pandemie mussten sie den für das Jubiläumsjahr 2021 geplanten Film mehrmals verschieben. Der Kurzfilm von Arkadij Khaet aus dem Jahr 2020 ist ein bemerkenswertes Zeugnis für jüdische Kultur, dafür, wie sich junge Juden in Deutschland selbst sehen und was ein junger, hochkreativer jüdischer Filmemacher dramaturgisch und mit ungewöhnlicher Filmsprache aus einer einfachen Geschichte herausholt.

Der 30 Minuten lange Streifen beginnt mit einem Akt der Gewalt. Der jüdische, russischstämmige Gymnasiast Dima, großartig dargestellt von Alexander Wertmann, rastet auf der Schultoilette aus: Denn Tobi, ein Mitschüler, macht sich über das Sterben in Gaskammern lustig. Das Fass läuft über, Dima schlägt Tobi nieder und bricht ihm die Nase. Die Botschaft ist klar: Ein Jude schlägt zurück, weil er sich nicht alles gefallen lässt. Es folgt eine Erzählung, die den Kosmos des Abiturienten schildert, der sich auf die Abifahrt freut und eigentlich nichts weiter als in Ruhe gelassen werden möchte: sein Zuhause in einer westdeutschen Trabantenstadt, die Mutter, eigentlich Klavierlehrerin, die fast nur apathisch vor dem Fernseher sitzt, sein Vater, eigentlich Ingenieur, der auf Ebay Elektrogeräte vertickt.

„Die Geschichte ist kein Entwicklungsroman an dessen Ende eine veränderte Hauptfigur steht“, erklärt Regisseur Arkadij Khaet in der Diskussion nach der Vorführung. Der Film zeigt auch nicht die Suche nach Identität eines jungen Juden, wie so oft zu hören ist. Im Gegenteil. Khaets These ist, dass die Frage nach jüdischer Identität ständig an Juden von Außen herangetragen wird: vom jüdischen Großvater, der sich so sehr eine Jüdin für seinen Enkel wünscht, von Frau Jachthuber, die als Lehrerin vor allem professionelle Betroffenheit vermittelt, vom Direktor des Gymnasium, der Dima vergeblich bittet, Tobi doch die Hand zur Versöhnung zu reichen, vom Vertreter eines AfD-Standes, der Dimas Großvater genau erläutern möchte, was seine Partei für die Juden tun kann. Der 31-jährige aus Moldawien stammende Regisseur hat bewusst – auch das ein Ergebnis des Filmgesprächs – diese Arche­typen eingebaut.

Den Titel „Masel Tov Cocktail“, erfahren die Zuschauer, haben Regisseur Kheat und seine Freundin, Merle Kirchhoff, mit der er das Drehbuch geschrieben hat, aus drei Gründen gewählt. Erstens um zu zeigen, dass deutsche Worte wie „Masel“ – was Glück bedeutet – aus dem Jiddischen stammen. Wir also ein jüdisches Erbe haben, dessen wir uns nicht unbedingt bewusst sind. Zweitens, dass das auf vielen Festivals preisgekrönte Werk ein ‚Cocktail‘ aus diversen Elementen ist. So wechselt der Film auf Schwarz-Weiß, wenn der Begriff „Jude“ fällt. Auch spricht der Darsteller Dima durch die Kamera direkt mit dem Betrachter. Er verlässt damit die Erzählebene. Und drittens, dass „to throw a Masel Tov Cocktail“ im Amerikanischen soviel heißt, wie sich als Jude zu outen.

Der Film ist im dritten Studienjahr des Regisseurs an der Filmakademie Baden-Württemberg entstanden und mit 20.000 Euro eine Low-Budget-Produktion. Aber hier gilt das Wort, das häufig unangebracht verwendet wird: Wer „Masel Tov Cocktail“ nicht gesehen hat, hat etwas versäumt. Das Publikum bedankte sich mit begeistertem Applaus bei Triebel und ihrer Parteikollegin Sanne Kurz für diese ungewöhnliche Einführung in das Judentum in Deutschland.

Auch interessant

Kommentare