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Mit Brecht am Uttinger Strand

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Von: Susanne Greiner

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Vernissage raumB1 Brechts Landhaus Juni 2022
Einen poetischen Sommerabend bescherten Friedrich Schloffer (am Mikro), Silvia Kellner (am Briefkasten) und die Musiker Engels & Jankovic (vorne links) dem Publikum bei der Vernissage zu „Die Geschichte von Brechts Landhaus in Utting“ vor dem raumB1. © Greiner

Utting – Es ist kompliziert. Wer die Geschichte der Rettung von Berthold Brechts Landhaus vor den Nationalsozialisten verstehen will, muss durch ein Labyrinth an Namen und Finten: zu finden im „Utting-Konvolut“, eine Sammlung von Briefen rund um Brecht und seine Landhaus-Story. Seit letzter Woche sind Auszüge des Konvoluts samt Fotos in Harry Sternbergs raumB1 zu sehen. Um das Komplizierte leicht zu machen, gab es zur Vernissage am lauen Donnerstagabend den anschaulich stimmungsvollen Durchblick: BR-Sprecher Friedrich Schloffer las und kommentierte die Geschichte, Silvia Kellner entwirrte am Flipchart bildlich das Namenknäuel und Engels & Jankovic untermalten musikalisch.   

„Ich habe es mehr Wochen betrachtet, als ich es bewohnte“, schreibt Brecht über das Haus 100, heute Im Gries 3. Die alten Bäume, der Teich mit „moosigen Karpfen“, Rhododendrenfluten, die Enden des Gartens kaum zu erahnen. Sein Aufenthalt in dem Haus 1932 währt nur kurz: „Sieben Wochen meines Lebens war ich reich.“ Danach, 1933, flieht Brecht vor den Nationalsozialisten nach Dänemark ins Exil. Erst 1949 wird er zurückkommen.

Seine Liebe zum See beginnt schon früh. 1928 hat er die letzten Takte der Dreigrosch­enoper mit Kurt Weill in der Pension Thalmeier, Seestraße 10, geschrieben. Ein Jahr darauf weilt er mit Helene Weigel in Schondorf – Brecht hat da bereits zwei Kinder von zwei Frauen. Am Ende werden es vier Kinder von drei Frauen sein: Der Dichter ist ein Frauenheld. Für die Landhausgeschichte reichen indessen zwei: Weigel und die Opernsängerin Marianne Zoff, mit der Brecht bis 1925 ein Verhältnis hat. 1923 wird Hanne geboren. 1929 heiratet Brecht Helene, hat weiterhin Affären, zum Beispiel mit Margarete Steffin im Uttinger Landhaus. Polyamourös, sozusagen.

Sein Ammersee- Wunschhaus erwirbt Brecht 1932 vom bayerischen Ex-Polizeichef Josef Ritter von Reiß. Laut eigener Aussage „aus dem Ertrag eines Stückes“, wohl die Dreigroschenoper. Ein schriftliches „Schuldbekenntnis“ Brechts aus dem Kaufjahr bezeugt hingegen, dass sein Vater die nötigen 11.400 Reichsmark (schon damals war Utting ein teures Pflaster) als Hypothek auf das Haus aufnahm und dem Sohn lieh. Brecht stellt dem Vater gar eine Vollmacht aus. Wer nun gezahlt hat? Man weiß es nicht. Brechts Bruder Walter schwört am Ende der Geschichte, dass Brecht keine müde Reichsmark beigesteuert hat.

1933, Brecht im Exil. Das Haus ist dennoch vor einer Beschlagnahmung durch die Nazis, die Brecht mit deutlicher Kritik verärgert hat, sicher – bis Brecht 1935 ausgebürgert wird und damit sämtliche Rechte in Deutschland verliert, auch das, ein Haus zu besitzen. Aber noch hat sein Vater die Vollmacht. Und Brecht hat ihn freigesprochen von möglichen Sympathien für den unartigen Sohn: mit einem Fake-Briefschreiber, der als Mittelsmann zwischen Vater und Sohn schein-korrespondiert und auf die politische Distanz der beiden hinweist. Auch Brechts Tochter Hanne habe mit den Umtrieben des Vaters nichts am Hut, lässt der fantasierte Schreiberling in den Brief einfließen. Hat Brecht da schon vor, Hanne als Hausbesitzerin zu küren? Denn das wirkliche Problem steht vor der Tür, als Brechts Vater 1939 stirbt – und mit seinem Tod die Vollmacht ins Nichts verpufft. Jetzt ist das Haus Freiwild.

Auftritt Walter

Hier kommt Brechts Bruder Walter ins Spiel. Er ist der Erbe – Brecht ja sozusagen nicht existent –, erbt somit auch die Hypothek auf das Uttinger Haus. Wer immer das Haus kaufen wird – und das muss schnell gehen, weiß Walter, die Nazis scharren schon an der Türschwelle –, schuldet Walter den Kaufpreis. Walter schafft es, seinen Anwalt, den Augsburger Justizrat Adolf Deiler, als Hausverwalter einzusetzen. Wie? Wer weiß. Allerdings war Walter ab 1940 NSDAP-Mitglied, angeblich auf Weisung seines Bruders aus dem Exil, um die Familie zu schützen – sagt Walter. Wie auch immer, Walter will das Haus nicht kaufen. Weil die Nazis die Absprache riechen, das Haus sofort beschlagnahmen würden, sagt er.

Seine Idee: Hanne soll das Haus kaufen. Die ist aber noch nicht volljährig, kann also kein Haus erwerben. Ihre Mutter Marianne, Brechts Ex, ist inzwischen mit Theo Lingen verheiratet (es ist wirklich kompliziert): Lingen, der auch bei Göbbels äußerst beliebte Schauspieler. Theo will Hanne gar adoptieren – sie aber besteht auf dem Namen Brecht.

Dann soll eben Lingen dem Justiziar Deiler ein Angebot machen, das Haus zu kaufen, schlägt Walter vor: für Hanne, von derem Pflichtteil aus dem erklecklichen Erbe. Aber ach, Theo hat kein Geld, steckt alles im gerade erst gekauften Haus am Wolfgangsee – das schreibt er zumindest in einem Brief an Walter. Auch wenn der Theater- und Filmstar aus „M – Die Stadt sucht einen Mörder“ und „Dr. Mabuse“ gerade täglich im Berliner Staatstheater die Massen erfreut. Nun denn. Eine andere Lösung muss her.

Deiler gelingt es, Marianne als Vormund Hannes einsetzen zu lassen. jetzt kann der Hauskauf ohne Zwischenfunken seitens der Behörden über die Bühne gehen. Die Rechnung lautet wie folgt: Hannes Pflichtteil beträgt rund 23.600 Reichsmark. Davon tritt sie an Walter ab: 12.000 Reichsmark für das Haus plus 136,60 Reichsmark für Deilers Arbeit plus 681 Reichsmark Erbschaftssteuer. Den Rest erhält ihr Vormund Marianne. Jetzt gehört Hanne das Haus am See. Als Hanne Hiob wird sie es 1953 verkaufen. Brecht kehrt zwar 1949 nach Deutschland zurück – aber nie mehr nach Utting. Er kauft sich mit Helene 1952 das Landhaus in Buckow, das heutige Brecht-Weigel-Haus. 1956 stirbt er. Heute ist das Haus am Gries 3 an Berliner vermietet.

Die Ausstellung im raumB1 mischt Briefe, Tagebucheinträge und Zusammenfassungen der Abläufe. Dazu Fotos aus dem Berliner Brecht-Archiv. Dennoch, das ist viel Text. Wer die mit stilistischen Kapriolen wunderbar ausgestatteten Texte lesen möchte, sollte Zeit haben.

Die Vernissage

... am vergangenen Donnerstagabend packte die Texte mit Lesung, Bild und Musik zum lauen Sommerabendwunder zusammen. Schlöffer („Dank an Harry Sternberg, der das alles ermöglicht“) zieht das Resümee: ein Hauskauf, „ohne dass irgendwann Geld geflossen wäre“. Seine Stimme macht die Lettern lebendig, gibt den Namen emotionales Volumen. Das Einordnen übernimmt Silvia Kellner: Aus ihrem Pinsel entwächst am Flipchart der Brecht‘sche Stammbaum samt Handlungs-Szenario rund ums Haus. Sybille Engels und Jank Jankovic bereichern mit Bass und Gitarre. Melancholisch schön schwimmt das Publikum am warmen Uttinger Sommerseestrandabend durch deren Eigenkompositionen und kommt schließlich zum poetischen Ende: „Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben/Nur in dem Laub der großen Bäume sausen/Muss man in Flüssen liegen oder Teichen/Wie die Gewächse, worin Hechte hausen.“ Schloffer liest Brechts „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“. Und als Engels zur Posaune und Stimme greift, um Brechts „Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ zu intonieren, scheint es, als sei Brecht doch nochmal gekommen. Zu seinem Landhaus in Utting.

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