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Eine Reise in den Süden

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Von: Alois M. Kramer

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Ricardo Volkert (rechts) und Cellist Jost-H. Hecker holten den Süden Spaniens ins Rochlhaus: eine imaginäre Reise durch die Gassen und Tavernen. Dazu gab es auch historische Hintergründe zur Geschichte des Landes.
Ricardo Volkert (rechts) und Cellist Jost-H. Hecker holten den Süden Spaniens ins Rochlhaus: eine imaginäre Reise durch die Gassen und Tavernen. Dazu gab es auch historische Hintergründe zur Geschichte des Landes. © Kramer

Thaining – Das Meer, die Liebe, die Sehnsucht, die Melancholie, die Eifersucht, die Meerjungfrau, die heiße Sonne: Einen ganzen Kosmos von El Andalus, wie die iberische Halbinsel während der muslimischen Herrschaft hieß, brachte Ricardo Volkert am Freitag ins Rochlhaus. Der Abend trug den Namen „In den Gassen und Tavernen des Südens“ – und bot damit eine imaginäre Reise in den „Sur“, in den Süden, die der Gitarrist zusammen mit seinem Ensemble-Partner, dem Cellisten Jost-H. Hecker, unternahm.

Ein kongeniales Paar. Hecker ist ein ausgezeichneter musikalischer Begleiter. Das ehemalige Mitglied des „Modern String Quartet“ spürt den Stimmungen des Spanienliebhabers Volkerts nach und unterstreicht dessen Rezitationen mit zärtlichem oder auch expressionistischem Spiel. Dabei wird das Streichinstrument schon mal zum Perkussionsinstrument. Beide Interpreten sind leidenschaftlich, sinnlich, impulsiv und von hoher Virtuosität.

Die Reise ging in die Gefühlswelt, aber auch in spanische Städte. Beispielsweise nach Carboneras, der „Kohlestadt“ mit einem der beliebtesten Stränden Südspaniens. Das 8.000 Seelen zählende Carboneras wird ab dem 21. Juni, dem Tag des Heiligen Johannes, mit Menschen geflutet. Das ist der letzte Tag, bis zu dem die Schulkinder bis in den September hinein Ferien haben. Nachts sitzt Volkert auf dem Balkon seiner Wohnung, trinkt ein Glas Rotwein und raucht eine Zigarette. Eine Ruhe, die er in dem Lied „Esta noche“ („Diese Nacht“) beschreibt.

Wer ein Konzert des Gitarristen, Komponisten, Übersetzers und Dichters besucht, bekommt mehr als nur zwei Stunden Volkslieder und Gedichtvertonungen. Volkert versetzt seine Zuhörer mit einer ungewöhnlichen Intensität und einer ebensolchen Einfühlsamkeit in einen mediterranen Lebens- und Mentalitätsraum. Er interpretiert Rumba und Zorongo, den klassischen andalusischen Gesang des Volkes. Bezeichnungen für eine Musik, die direkt ins Blut geht.

Kulturgeschichtliche und historische Hintergründe bringt der Künstler in wenigen Sätzen auf den Punkt. Wie war das gleich nochmal mit General Franco und Miguel de Unamuno, dem Rektor der Universität von Salamanca, damals in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts? Hat ihn nicht gerade die Frau des Putschisten vor der Erschießung bewahrt? War das Land in dieser Zeit nicht genauso gespalten zwischen politisch Links und Rechts wie heute? Hatte nicht Pablo Neruda eine „invocacion“ des spanischen Volkes verkündet?

Mal ist der Musiker melancholisch wie bei „Esta Noche“, mal aber auch heiter wie in „Allegria“ („Fröhlichkeit“). Neben Neruda spielen für Multitalent Volkert vor allem die Dichter Federico Garcia Lorca und Rafael Alberti eine Hauptrolle. Alberti hat er eine CD gewidmet, sie heißt „Marinero en tierra“, „Seemann auf dem Festland“, nach einem Gedicht von Alberti. In diesem wird beschrieben, wie es den jungen Dichter auf’s Land verschlagen hat, wo er nicht hingehört und ihm nur bleibt, von Stränden zu träumen. Die Vertonung Volkerts ergänzt Albertis Worte perfekt. Wunderbar auch die spanische Version des Hits von 2019 „I can’t take my Eyes off You“ mit „No puedo quitar mis ojos de ti“.

Nach zwei Zugaben und minutenlangem Applaus von den rund 60 Besuchern ging ein herrlicher Sommerabend in Thaining zu Ende.

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