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Töten per Knopfdruck

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Von: Susanne Greiner

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Grounded im Stadttheater Landsberg
Eine Stunde allein auf der Bühne, ohne Bühnenbild: Katrin Wunderlich vom „Theater Viel Lärm um Nichts“ zog die Zuschauer mit „Am Boden [grounded]“ in ihren Bann. Musiker Ardhi Engel unterstütze auf seinen atmosphärischen Instrumenten Marke Eigenbau. © ks

Landsberg – Krieg bedeutet Kampf bedeutet Töten. Bedeutet, der Gefahr gegenüberzustehen. Was aber, wenn zwischen dem zu Bekämpfenden und einem selbst ganze Zeitzonen liegen? Und wenn der Akt zur Tötung einem distanzierten Knopfdruck im Videospiel-Modus entspricht? Mit diesem Thema setzt sich George Brants Stück „Am Boden [grounded]“ auseinander. Das „Theater Viel Lärm um Nichts“ aus München war damit im Stadttheater Landsberg zu Gast. Und beeindruckte mit einer schnickschnackfreien Darstellung „on the rocks“.

Sie ist F-16-Kampfpilotin. „Es ist die Geschwindigkeit“, schwärmt sie, „ich lasse Raketen auf Minarette regnen“, alles für den Adrenalinschub. Und für das Blau, in dem sie ihre ‚Tiger‘ manövriert. Katrin Wunderlich startet direkt ins Stück, ohne Vorspann. Ohne alles steht sie auf der dunklen Bühne, im Hintergrund liegt nur ein Kampfanzug, denn sie später über- und wieder abstreifen wird. Im Schatten Musiker Ardhi Engel, der mit elektronisch verstärkten Saiteninstrumenten Marke Eigenbau den Monolog Wunderlichs zurückhaltend atmosphärisch begleitet.

Wunderlich moduliert mit ihrer Stimme die Erzählung der Kampfpilotin ohne Extreme, kein Flüstern, kein Schreien – und dennoch scheint jede Gefühlsnuance greifbar. Im Schnelldurchlauf erzählt sie vom Kennenlernen Erics, ihrer Schwangerschaft, der Tochter. Der Zeit nach der Geburt, als sie drei Jahre zuhause bleibt, bis sie es nicht mehr aushält. Ihr fehlt das Adrenalin. Doch statt dem Blau des Himmels sitzt sie abgekapselt im Grau: das Grau eines klimatisierten Anhängers in der Wüste irgendwo in den Vereinigten Staaten. Von dort aus tötet sie via Drohne: nicht mehr die ‚Tiger‘, jetzt die ‚Reaper‘, übersetzt ‚Sensenmann‘, vom Knopfdruck bis zum Auslösen eineinhalb Sekunden. Statt Kampfpilotin sitzt sie in der „Chairforce“, bei den „Sesselfurzern“.

Eigentlich ein Geschenk, versucht sie sich einzureden, der Tod ist aus dem Alltag verschwunden. „Ich küsse jeden Tag mein Kind zum Abschied und ziehe in den Krieg.“ Sie zieht zur Arbeit ihren Fliegeranzug an, denn der sagt ihr, wer sie ist. „Den hab ich mir verdient, mit meinem Schweiß, meinem Grips und Mut.“ Aber vor ihr ist jetzt nur noch ein Joystick, rechts daneben der 19-Jährige mit Kaugummi im Mund. „Meine Tage als einsamer Wolf sind gezählt. Ich gebe nicht mehr den Ton an.“ Es gibt Tage, an denen nichts geschieht. Es gibt Tage, an denen sie „ein paar Männer im wehrfähigen Alter“ tötet. Der Krieg wird ihr zur Routine, der Dienst zur Schichtarbeit. Ihre Ziele sind Pixel im Blickwinkel der Drohne. Sie löscht sie mit einem Knopfdruck aus, „splash“. Das einzig Reale sind Kreuze im Wüstensand, an denen sie täglich auf dem Weg zur Arbeit vorbeifährt. Jemand hat sie aufgestellt, um die Toten „aus dem Grau“ zu holen.

Diese Entkörperlichung des Feindes nimmt ihr jegliche vorhandene – und generell fragliche – Rechtfertigung für das Töten eines anderen: Die Möglichkeit, selbst im Kampf zu sterben, ist ausgelöscht. Wer schuldig ist, befiehlt die Stimme der ‚Götter‘ aus dem Kopfhörer. Die Grenzen zwischen Realität und Drohnenbild verschwimmen immer stärker. Das da, das könnte ihr Auto sein, diese Person sie selbst, das ihre Tochter – der Moment, indem sie den Befehl verweigert und die Drohne zum Absturz bringt. Am Ende steht sie vor dem Militärgericht, gefangen im Grau, „meinem Zuhause, am Boden, grounded“.

Dass Wunderlich in Eos Schopohls Inszenierung auf einer dunklen, leeren Bühne agiert, unterstützt den Kampf der Pilotin in ihrem Inneren. Die Beleuchtung wechselt zwischen dem direkten Spot auf sie und einem weicheren, weiteren Licht – die Momente, in denen die Pilotin von der ‚anderen Welt‘ ihrer Familie erzählt. Ein Licht, das immer weniger wird, bis es letztendlich ganz verschwindet. Das Prinzip ‚Reduzierung‘ ist hier perfekt umgesetzt. Und legt damit die volle Beachtung auf den eindringlichen Text, in dem jedes Wort an der richtigen Stelle steht.

George Brants Monolog bringt nicht nur die Fragwürdigkeit der modernen Kriegsführung auf den Punkt – er hinterfragt den Krieg, das Töten einem selbst fremder Personen aufgrund des Befehls einer unpersönlichen, abstrakten Macht. Im ‚normalen‘ Krieg scheint die Rechtfertigung zum Töten noch in der Abwehr des eigenen Todes legitimiert. Doch entfällt diese Gefahr, entfällt auch die Rechtfertigung zur Gegenwehr. Erst dann wird die Handlung, das Töten an sich sichtbar. Und erst dann scheint sich das Mitgefühl des Menschen zu äußern. Denn dieses entmenschlichte Ziel ist so abstrakt, dass man es auch selbst sein könnte.

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