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Wenn Vier sich finden

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Von: Susanne Greiner

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Geigerin Monika Drasch, Johanna Soller am Hammerflügel und Bariton Sebastian Myrus und Ulrike Zöller in Greifenberg
Geigerin Monika Drasch, Johanna Soller am Hammerflügel und Bariton Sebastian Myrus (v. links) übernahmen beim Werkstattkonzert im Greifenberger Institut für Musikinstrumente den musikalischen Part. Für den musikalisch-historischen Hintergrund sorgte Ulrike Zöller (rechts). © ks

Greifenberg – Manche Schätze schimmern im Verborgenen. So wie das Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde, eine Oase trotz benachbarter Autobahn. Dort schwingen ein- bis zweimal im Monat Noten durch die Werkstatt. Musik durchdringt gelagerte Hölzer für Hammerflügel oder Spinett und bringt die Werkstatt-Katze zum Schnurren. Auch zahlreiche Zuhörer ließen sich am Donnerstagabend beim ersten Konzert der Reihe „Spectaculum alpinum“ von einem musikalisch-theoretischen Quartett die Ohren streicheln: Die Geigerin Monika Drasch, Bariton-Sänger Sebastian Myrus und Johanna Soller an den Pianotasten liebäugelten musikalisch mit Volks- und Kunstliedern, begleitet von amüsant-theoretischen Abhandlungen der Volkskundlerin Ulrike Zöller.Das Thema: „Wer schreibt von wem ab“. Oder auch: „Haltet den Dieb!“

Eine Information, die Zöller an diesem Abend weitergibt, dient als perfekter Einstieg zum ‚diebischen‘ Konzert: Denn einer ganz besonderen Gaunerei ist Johann Gottfried Herder aufgesessen. Der ‚Erfinder‘ des Begriffs „Volkslied“ und zugleich eifriger Sammler der musikalischen Kleinstjuwelen sah in den gälischen und schottischen Liedern des „Ossian“ (einem angeblich altgälischen Epos aus der keltischen Mythologie) das Ideal des Volkslieds – ein Begriff, den er selbst 1771 mit Bedeutung füllte. Diese Tradition fehle dem ‚deutschen Volk‘, war der Dichter und Denker Ende des 18. Jahrhunderts überzeugt. Und sammelte fleißig die Lieder unterschiedlichster Länder, um wieder Tradition unters Volk zu bringen. Aber: Der „Ossian“ ist eine Fälschung! Zwar sollte der Hauslehrer James MacPherson alte gälische Gesänge seiner Heimat sammeln. Aber wo hernehmen, fragte sich MacPherson – und dichtete kurzerhand selbst die Werke des aus der Mythologie bekannten Ossian. Schon kurz nach der Entstehung der Sammlung um 1760 wurde in Fachkreisen gemunkelt, das Ganze habe weder Hand noch Fuß. Doch mangels Internet bekam die Allgemeinheit davon nichts mit. Und sog den mythischen Schwindel im frühromantischen Eifer durstig auf.

Der Abend selbst ist ein Erlebnis. Schon auf der Fahrt nach Greifenberg strahlt der Vollmond vom Himmel. Angekommen führt ein kleiner Weg zur versteckten Werkstatt, in der Holzstühle und -bänke auf Zuhörer warten. Und tatsächlich, auch die Katze hat es sich bereits zwischen Pressen, Bohrern und Sägespänen gemütlich gemacht. Während Zöller, Myrus und Soller auf der Bühne warten, quäkt von außen der Dudelsack und kündigt Monika Draschs Auftritt an. „Ich bin das wahre Volkslied“, sagt sie und bringt auch gleich den musikalischen Beweis, begleitet von Johanna Soller am Hammerflügel – der übrigens ein echter Greifenberger Nachbau eines Originals aus dem 18. Jahrhunderts ist. Gekontert wird Draschs Jauchzen von Sebastian Myrus – „Ich bin die wahre Kunst“ – mit Schuberts Kunstlied „An die Musik“. Denn wahre Musik, die ernste, entrückt den Menschen „in eine bessre Welt“. Einen Streit, nennt Ulrike Zöller das, zwischen Kunst- und Volkslied, „wer wohl am besten sänge, zur holden Maienzeit?“

So virtuos im Miteinander der Vier der Anfang ist, so virtuos geht es weiter – mindestens. Drasch und Myrus liefern sich einen Sängerkrieg mit theatralischen Zügen. Das Volkslied „A Schisserl und a Reindl“, das nicht nur Mozart und der „Mozart der Gitarre“, Mauro Giuliani, sondern auch Beethoven weiterverwertet haben, wird zum stimmlich perfekt ausbalancierten Gesangstrio. Woraufhin Myros mit Mozarts Arie aus dem Figaro „Se vuol ballare“wohl dem rivalisierenden Volkslied den Kampf ansagt.

Ulrike Zöller garniert mit galant formuliertem musiktheoretischen Wissen. Denn die Grundfrage lautet: „Wer stibitzt von wem?“ Nicht umsonst erinnere Papagenos Glockenspiel stark an das Lied „Der Kuckuck und der Esel“, gibt Zöller zu bedenken. Aber Mozart hat noch mehr Kapital aus der Melodie geschlagen – und sie leicht aufgemotzt als Kinderlied präsentiert. Zöllers Conclusio: „Keiner kann so gut klauen wie Wolferl.“ Der Nachteil beim Wandel der Volks- zu Kunstliedern: Sie wurden folkloristisch. Alles Politische wurde verbannt, „und das gab es sehr wohl“, sagt Zöller. Aber natürlich sollten solch niedrige Sorgen nicht den spätnachmittäglichen Musiksalon des Adels stören.

Drasch spielt nicht nur Dudelsack, Zither, Flöte und ihre „grüne Geige“, sie beherrscht auch die Barockgeige, mit Darmsaiten, die ein Eigenleben haben, erklärt Zöller. Soller begleitet an Spinett und Hammerflügel, präsentiert aber auch den abgründigen dritten Satz aus Beethovens Hammerklaviersonate. Oder sie lässt sich auf ein Nachtigall-Jodelduett mit Drasch ein. Auch Myrus singt theatralische Duette mit Drasch. Er besticht aber auch mit klarer Stimme und Schumanns Heine-Text-Vertonung „Anfangs wollt‘ ich fast verzagen“. Es ist nicht zu übersehen: Hier haben sich Vier gefunden, die zusammenpassen.

Was ein Volkslied kann, zeigt sich bei der letzten Zugabe, nochmals „A Schisserl und a Reindl“, aber jetzt mit dem Publikum: Gemeinsam Musik zu machen, macht glücklich. Und bei was lässt es sich leichter mitsingen als bei einem Volkslied?

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