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Wider das Graubrot des Alltags

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Von: Susanne Greiner

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Figaros Hochzeit Neue Globe in Landsberg
Susanne (Magdalena Thalmann) und Figaro (Laurenz Wiegand) sehnen sich nach der Trauung. Doch die wird von diversen Intrigen torpediert. © ks

Landsberg – Denken wir an Louis de Funès. Denken wir an seine ‚Nasengeige‘ im Film „Oscar“: abstruse, überdrehte Komik, die den einen zu wahnhaft anmutenden Lachanfällen zwingt, den anderen fragend die Augenbraue hochziehen lässt. Komik ist Geschmackssache. Die Komik, die das Potsdamer Neue Globe Theater für die Komödie „Figaros Hochzeit oder der tollste Tag“ im Stadtttheater auf die Bühne zaubert, gehört in die Funès-Ecke: übertrieben, laut, drastisch. Aber auch mit feinster Wortakrobatik, die den derben Klamauk zum feinen Schmankerl dreht. Ein Großteil des Publikums war begeistert und jubelte den acht Mimen enthusiastisch zu. Manche zogen die Augenbraue hoch. Wie gesagt, Komik ist Geschmackssache.

Dabei hat die französische Beaumarchais-Komödie, die Peter Turrini umgearbeitet hat – und aus dem „tollen“ den „tollsten“ Tag macht –, einen ernsten Kern: Arm gegen Reich, Diener gegen Adel, Geld gegen Tugend. Das alte Dilemma, aus dem Revolutionen entspringen.

Ursprung der Tragik ist die Gier des Grafen Almaviva (Kai Frederic Schrickel) nach seiner Gattin Zofe Susanne (Magdalena Thalmann), die wiederum kurz vor der Hochzeit mit des Grafen Diener Figaro steht. Der muss nur noch sein Ja geben – denn das Schicksal der Bediensteten liegt bekanntlich in den Händen der Herrschaft. Das will er auch tun, allerdings nur mit dem Recht der ius primae noctis, der ‚ersten Nacht‘ bei Susanne. Und das, obwohl er es bei Heirat mit seiner Gattin abgeschafft hatte. Susanne will nicht, Figaro noch weniger und auch die Gräfin, die ihren Gatten nur zu gut kennt, steht auf der Seite der Jungverliebten. Was folgt sind Intrigen auf beiden Seiten, Verkleidungen, das Treffen der richtigen Leute zum falschen Zeitpunkt. Und letztendlich ein Schuss aus Susannes Waffe, die den Lüstling Almaviva darniederstreckt.

Das Neue Globe wählt die extreme Übertreibung, ein Possenspiel: Gefühle werden exzessiv mit Mimik und Geräuschen dargestellt: Das Klingeln der Glocke geht allen sichtlich durch Mark und Bein, der Arzt übergibt sich nicht, er kotzt vor Abscheu. Es wird im feinsten Wienerisch dekadent gespatztlt und wenn Susanne mal emotional „stark sein muss“, lässt sie die Muskeln spielen. Das ist teilweise zum Brüllen komisch: Wenn der Intrigant des Grafen – eine durchaus interessante Stellenbeschreibung – Bazillus (Martin Radecke) pantomimisch zu ‚Pink Panther‘ einbricht, sich linkisch unter Lampenschirm oder Hochzeitstorte versteckt, ist das himmlisch. Grandios, wie Andreas Erfurth mit Bart und Wampe im rosa Tütü als Marcelline über die Bühne trampelt – gern als „geräucherter Lachs“ tituliert. Aber wenn Arzt Bartholos perfekt dargestellte Gebrechen nicht enden wollen, geht dem Stück die Luft aus. Und auch Figaros Überdrehtheit kratzt ab und zu an der Kante zwischen großartig und ein bisschen zu großartig. Denn im ersten Teil sticht ein ruhiger Moment heraus: wenn Susanne über ihre Liebe spricht.Und das ist als Kontrast so stark, dass eine Prise mehr davon nicht schaden würde.

Das Phänomen des ‚zu viel‘ ist nach der Pause weggeblasen. Denn jetzt geht es um die Moral, die unweigerlich jede Komödie hat: Bei der Gerichtsverhandlung gegen Figaro (er soll Marcelline die Ehe versprochen haben) kämpfen Arm gegen Reich, Korruption gegen Gerechtigkeit. Das Ausgeliefertsein der Diener gegenüber der Willkür ihrer Herren wird schon durch das abstruse „Recht der ersten Nacht“ thematisiert. Oder wenn die Gräfin ihren Diener fragt, was wohl die ‚einfachen Leute‘ über sie denken. Und er antwortet: „Sie gehorchen euch.“ Und natürlich steht auch vor Gericht die Macht des Geldes im Fokus: Während der Graf beim Richter das Urteil samt Extras kauft, antwortet Figaro auf die Frage, welches Urteil ihm vorschwebe: „ein gerechtes, ein wahrhaftiges.“ Er vertraut auf „die gute alte Gerechtigkeit, die ist gratis.“ Dass Recht aber nicht gleich gerecht ist, zeigt der Ausgang des Stückes: Susanne übt Selbstjustiz und erschießt den gierigen Grafen. Das Ensemble schließt mit dem „Lied des Volkes“ aus „Les Misérables“ – und schwingt, wie könnte es anders sein, eine Herzchenfahne. Wirkungsvoll, stimmig – und das herzchen bewahrt vor zuviel Bedeutungskitsch.

Was das Stück auszeichnet, sind die hervorragenden Schauspieler, textsicher, überzeugend, ohne Scheu davor, sich auf der Bühne zum Affen zu machen – nichts ist peinlicher als Überdrehtheit mit Bremse. Es ist die Fähigkeit des Neuen Globe, den Zuschauer in eine andere Welt mitzunehmen: angefangen beim Programmverkauf der Mimen vor Stückbeginn, dem Einbeziehen der Zuschauer, dem Jahrmarktfeeling, wenn Globe-Mitgründer Erfurth mit dem Bauchladen durch die Reihen schlendert. Und dann ist da noch die kluge Sprache, die süffisanten, rasanten Dialoge. Die bewusst verdrehten Sprichwörter, der linguistische Streit um die Bedeutung von ‚sowie‘ – temporal oder konjunktorisch. Kurzum, hier wird die Sinnlichkeit der Sprache gefeiert. Oder haben Sie schonmal eine schönere Liebesbekundung gehört als „Du bist die Landbutter auf meinem Graubrot des Alltags“? Und ja, zeitweise war diese Aufführung genau das: Landbutter wider den grauen Alltag.

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