Benrather Linie

Josef Ametsbichler: Bairisch ist (nicht) Hochdeutsch; Bayern 24. Februar

Sachlich unrichtig ist die Behauptung, wonach die Grenze zwischen Nieder- und Hochdeutsch „ungefähr zwischen Kassel und Frankfurt“ verläuft. Richtig dagegen ist: Die „Nord-Süd-Grenze“, wie Sie es nennen, verläuft zwischen Düsseldorf-Benrath und Frankfurt, und zwar Frankfurt an der Oder! Sie heißt demnach in der Sprachwissenschaft „Benrather Linie“. Unklar bleibt im Artikel die Unterscheidung zwischen Hochdeutsch und Oberdeutsch. Hier die Klarstellung: Das Hochdeutsche weist in unterschiedlicher Intensität die hochgermanische (alias hochdeutsche) Lautverschiebung auf. Es geht hier um die Verschiebung der germanischen Laute p, t, k zu pf, ts oder ss, ch, wie in pund zu Pfund, tide zu Zeit und water zu Wasser, maken zu machen. Demgemäß besteht Hochdeutsch aus drei sprachgeographischen Bereichen: Mitteldeutsch, wo das p oft erhalten bleib („Pälzer“), Oberdeutsch, wo alle drei Laute fast durchgehend verschoben sind und das wir hier in unserer Region vorfinden, sowie Alpendeutsch, wo die Lautverschiebung zu 100% erfolgte und so immer noch vorliegt. Hansi Hinterseer aus Tirol spricht noch annähernd das ch beim k im Anlaut: „Iatz kchimmt dees naxde Stückchl!“ Außerdem wird nicht erklärt, warum die Menschen nördlich der Benrather Linie, also in Hamburg, Hannover, Bremen usw., meinen, sie sprächen das beste Hochdeutsch. Dieser – fehlerhafte – Eindruck entstand wie folgt: Erst mehrere Jahrhunderte nach der Entstehung des Hochdeutschen, die etwa 750 abgeschlossen war, lernten die Menschen in Norddeutschland, die nach wie vor niederdeutsch/plattdeutsch sprachen und schrieben, das Hochdeutsche quasi als Fremdsprache. Gründe: Luthers hochdeutsche, genau gesagt: „mitteldeutsche“. Bibelübersetzung und die Verwendung des Hochdeutschen in Handel und Verkehr. Dabei passierte allerdings der folgende, wenn man so will, Fehler: Unsere norddeutschen Nachbarn lernten die hochdeutsche Sprache vor allem aus schriftlichen Quellen, nicht von Hochdeutschsprechern. Und dies hat Folgen bis zum heutigen Tag. Das Hochdeutsche wurde sehr stark vom Niederdeutschen infiltriert. Als Beispiel mag die (Un-)Sitte genügen, den Laut g nicht als g, sondern oft als ch auszusprechen: billich, Könich! Uns König Ludwig als „Könich Lutvich“ sprechen zu lassen, wie es der Duden als hochsprachlich verlangt, ist ein grober Verstoß gegen die sonstige hochdeutsche Sprechweise und nichts anderes als ein Überbleibsel aus plattdeutschem Sprachgebrauch. Diese Merkwürdigkeit sollte keine hochdeutsche Sprachregel mehr sein und gehört schleunigst abgeschafft! Zuletzt verwundert es in Ihrem Artikel, wenn nur von „einem“ Hoch- oder Standarddeutsch gesprochen wird. Heutzutage unterscheiden wir zwischen österreichischem, schweizerischem und deutschländischem Hochdeutsch. Sehr wünschenswert wäre es zudem gewesen, wenn Sie auf die Problematik hingewiesen hätten, die für Sprecher aus den südlichen Bundesländern besteht. Horst Seehofer, Florian Pronold, Cem Özdemir, Ilse Aigner sprechen ein ausgezeichnetes Hochdeutsch, das dem österreichischen Hochdeutsch hörbar näher steht als dem nördlichen Hochdeutsch einer Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Andrea Nahles. Vom Niedersachen Gerhard Schröder („ich sachma“) gar nicht zu sprechen! Wenn die Sprache unserer südhochdeutsch sprechenden Politiker von manchen Nordlichtern als Dialekt oder Regionalsprache bezeichnet wird, dann geben wir dieses „Kompliment“ gerne zurück! Es ist im übrigen ein Unding, in unseren bayerischen Schulbüchern nur noch die norddeutschen Vokabeln „Jungen“, „Jungs“, „Mädels“, „kucken“, „komm hoch“, „Guten Tag“, Tschüss“, „Schornsteinfeger“, „Brötchen“ vorfinden zu müssen. Fazit: Mindestens so gefährdet wie unsere bairische Muttersprache ist unsere (süd-)hochdeutsche Verkehrssprache. Wieso merkt das eigentlich niemand in den zuständigen Ministerien?“ 

Armin Höfer M. A. München

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