Weniger mit Druck

Dirk Walter: Expertenstreit über rechenschwache Kinder; Bayern 4. Mai

Da im ersten Absatz des Artikels steht, dass der Landtag in der Dyskalkuliefrage etwas ratlos ist, möchte ich als betroffene Mutter eines inzwischen erwachsenen Kindes meine Erfahrung schildern. Die Aussage in dem Artikel, dass Kinder mit Dyskalkulie das Fachabitur machen sollen, macht mich wütend. Das Mathepensum für das das Fachabitur ist keine Spielwiese für jemanden mit Dyskalkulie. Ich würde gern die Politiker bitten, es übungshalber zu lösen! Sogar der „Mathequali“ ist für Menschen mit echter Dyskalkulie wirklich schwer zu bewältigen. Betroffene Kinder kommen häufig nicht mal in weiterführende Schulen, weil Sie schon in der Grundschule ausgesiebt werden. Sie stehen also gar nicht vor der Wahl, Richter oder Lehrer zu werden. Vielleicht wären sie aber gute Lehrer für Religion, Deutsch, Geschichte mit viel Empathie und Verständnis. Welche Verschwendung von Talenten für unsere Wirtschaft!!! Welche Katastrophe für das Selbstwertgefühl der jungen Menschen! Wir übergeben unserem Schulsystem perfekte Kinder mit Begabungen und Schwächen. Leider werden von Anfang an die Schwächen gesucht und verbalisiert, anstatt die Stärken zu fördern. Wenn ein Mensch blind ist und man ihn immer wieder zum Sehen zwingt, bringt das Frustration und es wäre sinnvoller, den Tastsinn und den Hörsinn zu fördern, damit er gut durchs Leben kommt. Wenn ein Kind Dyskalkulie hat, muss es seine ganze Energie in Mathe stecken, erhält nur Kritik und hat gar keine Zeit und Lust mehr für Deutsch, Kunst und Musik oder ähnliches. Ich habe damals im Kultusministerium angerufen und der zuständige Mitarbeiter hat allen Ernstes gesagt: „Ja, mei, Dyskalkulie hab i a, weil i oiwa koa Geld mehr im Geldbeutel habe.“ Inzwischen diskutiert man vielleicht wenigstens sachlich mit den Eltern. Wir versuchten es mit einer aufwändigen Dyskalkulie Therapie bei der nur im unteren Zahlenbereich trainiert wurde, dies führte völlig am Schulstoff vorbei und hat vor allem der Therapeutin genutzt. Wenn es für Legasthenie Ausgleiche gibt, muss es diese auch für Dyskalkulie geben! Mein Tipp an betroffene Eltern: „Je weniger Druck und je mehr Erfolgserlebnisse das Kind hat, desto besser. Am besten wäre es, nicht selber mit dem Kind Mathe zu lernen! 

Christine Zimmermann Holzkirchen

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