Den Kindern Mathematik richtig erklären

Dirk Walter: Expertenstreit über rechenschwache Kinder; Bayern 4. Mai

Ihrer grundsätzlichen Beschreibung der Ausbildungssituation kann ich so nicht zustimmen. Die armen Lehrer sind diejenigen, die zu beklagen sind, weil sie die Schüler und Eltern nicht wunschgemäß erreichen. Nein! Ich bin als Ingenieur zwar kein Experte in mathematischer Ausbildung der heutigen Schüler, möchte aber an dem Streit teilnehmen, da ich bereits die sechste Schülerin in Nachhilfe habe und in dieser ehrenamtlichen Funktion so einiges erlebt habe, was nicht offen und ehrlich diskutiert wird. Trotzdem ist nur eine meiner Schülerinnen nicht wie gewünscht weitergekommen. Ich habe fast ausschließlich junge Mädchen zwischen 14 und 16 Jahre alt und mit Immigrations-Hintergrund gehabt, die in die nächste Stufe wechseln wollten. Hat diesen Kindern mal jemand erklärt, welche mathematischen Unterschiede rein gedanklich bei einem Zuwanderer aufkommen können, wenn er (oder sie) die Zahl 49 unserer Sprache hört aber 40 + 9 (engl. fourty-nine) schreiben, umsetzen und bearbeiten muss, wie in Ihrem Artikel beschrieben? Grundsätzlich waren meine Schüler – aus welchen Gründen auch immer – mit solchem Grundwissen sehr schlecht bestückt und nur fixiert auf die gerade durchgenommene mathematische Problematik, ohne weitere Zusammenhänge zu erkennen. Das ist in meinen Augen ein glattes Versäumnis der Schule. Es darf nicht sein, dass ich einem 16-jährigen Mädchen, zum ersten Kennenlernen die simpelsten Fragen zur Eigenart der Zahlen (Besonderheiten der 1, der 0, der 2, der Quadratzahlen etc.) erläutere und ein völlig überraschtes Kind mit großen Augen, wie ein Rad eines Leiterwagens mir zuhört und mir sagt, dass es diese Art der Erläuterung bisher nicht gehört habe. Zugegeben: Man darf nicht alles glauben, was einem erzählt wird, aber jedes mal nach der ersten Stunde höre ich den berühmten Groschen krachend hinunterfallen. Und, man glaube es oder nicht, danach ist der wirkliche Wunsch, mehr selbst zu erkennen und zu verstehen, eindeutig zu spüren. Oder wie will man es erklären, dass eine Schülerin ab der 2. oder 3. Klasse stetig abbaute und erst nach der Nachhilfe plötzlich mit Einsern oder Zweiern nach Hause kommt? Ich denke, es wäre sinnvoll, der Mathematik zum Recht zu verhelfen, den Umgang mit Zahlen klarer zu erläutern und erst danach den Philosophen zu bemühen, aus dem Ungelernten eine Krankheit zu definieren.

 Richard Werner Olching

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