Lasst die Flüchtlinge arbeiten!

Katrin Woitsch: Unfaire Abrechnung; Kommentar, Popularklage gegen „Mietwucher“; Bayern 17. April

Das bittere Ausharren der Senegalesen in Bayern: 2015 Willkommen in Deutschland, Willkommen in Bayern, Willkommen in München! Das war ein großer Aufruf zur Hilfe. Viele engagierte Menschen, eine unglaubliche Hilfsbereitschaft, „Wir schaffen das.“, was auch immer Frau Merkel damit gemeint hat. Nun drei Jahre später ein kleines Resümee: Die engagierten Menschen sind verschwunden, verschwunden nach viel Hilfsbereitschaft, Versuche der Integration all dieser Menschen, die zu uns gekommen sind, um Schutz zu suchen oder aber auch um eine Perspektive zu finden. Genau dass haben die vielen hier lebenden Senegalesen gesucht, eine Perspektive. Der Senegal ist ein sicheres Herkunftsland, daran lässt sich auch nichts rütteln, aber steht nicht trotzdem jedem Menschen eine Perspektive zu? Dort zu leben, wo es ihm besser geht? Würde es nicht jeder von uns so machen? Flucht ist keine Lösung, das habe ich mittlerweile verstanden, aber die Senegalesen sagten einst bei einer Veranstaltung im Landtag „Wir sind jetzt nun mal hier, gebt uns eine Chance!“ – und so sehe ich das auch. Seit drei Jahren fahre ich in unsere Containerunterkunft, ich finde starke, wissbegierige, gesunde junge Männer vor, die alles versucht haben sich zu integrieren. Am Anfang durften sie noch arbeiten, das hat sich schnell geändert, eben auch nur in Bayern, denn die bayerische Staatsregierung hat sich aus dem Gesetz ein eigenes gestrickt. Arbeitsgenehmigungen wurden wieder entzogen, Ausbildungen mussten abgebrochen werden. Es ist unglaublich frustrierend, nicht nur für diese Menschen, ebenso für uns Unterstützer. Wir haben versucht, ihnen die deutsche Sprache beizubringen, denn auch die Schule durften sie nicht mehr besuchen, das ging nur über ehrenamtliche Unterstützer. Wir haben ihnen die Wege zum Arzt, Krankenhaus, Behörden gezeigt. Sie lernten schnell und versuchten alles, um noch eine Chance zu bekommen, denn hieß es nicht, wer sich integriert, hat eine Chance? Doch diese bleibt aus. Sie schlafen tagsüber viel, nachts sind sie wach. „Es könne die Polizei kommen.“ Die Männer fragen mich „Astrid warum darf ich nicht arbeiten, warum darf ich dieses Land nicht unterstützen, warum darf ich nichts lernen, was ich später in meinem Land anwenden kann, um etwas Neues aufzubauen, Erfahrungen mitnehmen etc.“ Ich habe keine plausiblen Antworten, nur die, die uns fast tgl. auf den Behörden um die Ohren geschmettert werden. „Es ist nun mal so, wir haben Anweisungen von oben etc.“ „Besorgen Sie einen Pass, sonst kürzen wir die Leistungen!“ Die Senegalesen mussten nach Berlin, zu ihrer Botschaft, wieder ein Druckmittel, denn diese kann ihnen keine Papiere ausstellen, lediglich bescheinigen, dass sie Senegalesen sind. Das reicht der Regierung nicht, das reicht der Ausländerbehörde nicht. Somit geht der Druck weiter. Sie bekommen Strafanzeigen (die rechtlich gesehen nicht vertretbar sind, es wurde geklagt und gewonnen). Die Polizei kommt manchmal vorbei, klopft an der Tür und bittet die Männer, einfach zu gehen, sie haben ja keinen Pass, halten sich somit illegal in Deutschland auf. Aber wohin? Wohin sollen sie gehen? Wir treiben sie mit diesem Gesetz in die Illegalität oder noch schlimmer in die Kriminalität. Ist das Kalkül? Ich frage mich jeden Tag, wie wäre es für mich, in diesem Container nun mehr seit drei Jahren zu leben. Mit vielen verschiedenen Nationen. Konflikte sind programmiert. Ärger mit den verschiedenen Securitymitarbeitern ebenso. Denn auch diese verstehen oft kein Deutsch, Englisch, Französisch. Wie soll man sich in einem beginnenden Konflikt verständigen? All das habe ich erlebt, auch wie sie zum Teil behandelt wurden. Wir sind bis zum Landrat vorgedrungen und die Firma wurde getauscht. Nachts wurde der Strom abgeschaltet, sie wurden traktiert. Bis ich es nach einer Woche nicht mehr ausgehalten haben. Viele sind über Libyen gekommen, man kann sich vorstellen, was dort passiert, dass viele im Gefängnis oder sonst wo in dunklen Räumen gefangen waren. Wie muss man sich fühlen, wenn auf einmal alles wieder dunkel ist?

Nun wurden sie wieder eingeladen – das 4. Mal. Eine Delegation aus dem Senegal sollte kommen, Identitäten klären. Wieder ein Druckmittel, denn gekommen ist niemand. Dieser Termin wurde 2 Tage vorher schriftlich wieder abgesagt. In der Zwischenzeit sind wieder einige nach Italien, da die Angst doch zu groß ist, im nächsten Flieger zu sitzen und der Familie zu erklären, woran man gescheitert ist. Denn so sehen es die Familien. Es steckt ein großer Druck dahinter und wie sie mir immer sagen: „Astrid, wir können nicht zurück.“ Die Menschen verlieren ihr Gesicht. Europa, Deutschland, dass Land wo der Euro am Baum wächst. Fluchtursachen sollen bekämpft werden, Migrationsberatungszentren werden gebaut (doch diese sind eher für die Mittelschicht gedacht). Die Rückkehr soll so schmackhaft wie möglich gemacht werden, aber das Geld, die Unterstützung die sie bekommen, reicht nicht. Es muss ein Businessplan her, doch auch dieser scheitert oft. Es funktioniert nur mit einer 1:1 Betreuung, ein Patensystem. Wir haben einen Arbeitskreis gegründet, einige Unterstützer und ich. Wir treffen uns regelmäßig und sprechen und diskutieren über die freiwillige Ausreise, oder aber auch Wiedereinreise mit einem Ausbildungsvertrag. Das gelingt in einigen Fällen und dennoch sind immer noch so viele hier. Was machen wir jetzt? Warten wir, bis sie alle in die Ausreisezentren kommen? Wo das Leben noch schlimmer ist, als es die letzten drei Jahre eh schon war? Dann verschwinden sie lieber nach Italien, Frankreich oder Schweden, um weiter illegal in Europa zu leben. Der Druck wird immer größer, wer hilft uns? Keiner. Wir sind nicht mehr viele Unterstützer, somit versuchen wir uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Jeder einzelne der freiwillig zurückkehrt ist ein Gewinn. Für wen, dass frage ich mich allerdings. Von unseren ganzen Bewohnern ist ein Senegalese zurückgekehrt. Seine Familie hat die Rückkehr akzeptiert. 8 Jahre war er in Europa. Hat angefangen ein Buch zu schreiben, lebt jetzt wieder in Touba. Wir sind in engem Kontakt. Auch das ist sehr wichtig. Die Menschen brauchen nach wie vor den Kontakt zu ihren Unterstützern oder Freunden hier. Ich bin an einem Punkt, wo ich die Welt nicht mehr verstehe. Ich habe vieles erlebt, gesehen, bin viel gereist, 2018 habe ich mir vorgenommen einfach weiterzumachen, dort weiterzumachen, wo ich 2017 aufgehört habe. Den Kampf für die Menschenrechte. Für mich heißt es seit mehr als 30 Jahren: Kein Mensch ist zu keiner Zeit an keinem Ort jemals illegal. Ich wünsche mir, dass die Politik endlich einen Weg findet, dass ganze zu stoppen, doch wenn ich täglich die Nachrichten lese, bezweifle ich das. Freihandelsabkommen, Deals mit schweren Menschenrechtsverletzern etc. da fällt es schwer zu glauben, dass es Perspektiven in den Ländern gibt. Es muss aufhören, dass Europa die eigenen Produkte in diesen Ländern verkauft, dass es in der heutigen Zeit noch Sklaverei gibt etc., die Liste ist lang. Ich unterstütze nun eine Schule im Senegal. Mit Spendengeldern und Schulmaterialien, die Kinder sind wahnsinnig glücklich darüber. Der Lehrer mit dem ich das Projekt gestartet habe, ist eine Bereicherung. Wir klären die Kinder gemeinsam auf. „Flucht ist keine Lösung“ das ist die Überschrift. Wir zeigen Dokus über den gefährlichen Weg nach Europa, ebenso werden Elternabende gemacht. Man kann damit nicht früh genug anfangen, dass ist mein nächstes Ziel. Eine Reise in den wunderschönen Senegal, dass Land was ich unbedingt kennenlernen möchte. Diese Menschen haben mich beeindruckt und ich möchte nun mehr erfahren. Die Schule ist mein Ziel. Ich werde weiter kämpfen. 

Astrid Schreiber (Flüchtlingshelferin Aschheim)

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