Krankenhaus-Defizite

Jede zweite Klinik in roten Zahlen; Bayern 14. FebruarÄrzte-Kreisverband: Privatisierung der Klinik rückgängig machen; Tölzer Kurier 14. Februar

Fast jedes zweite Krankenhaus im Freistaat hat im vergangenen Jahr rote Zahlen geschrieben. In der Debatte um die von Schließung bedrohte Geburtshilfeabteilung der Tölzer Asklepios-Stadtklinik vertritt der Ärztliche Kreisverband einstimmig - und zu Recht - die Meinung, dass „eine fachlich hochwertige Geburtshilfe zur Daseinsvorsorge und damit zur Grund- und Regelversorgung gehört“. Die ersten Krankenhäuser in Europa wurden von den Johannitern und Maltesern aus humanitären Gründen gegründet, um auch den Armen eine Krankenversorgung zu ermöglichen. Im Zuge der Sozialgesetzgebung im 19. Jahrhundert übernahm auch der Staat, die Städte und Gemeinden die Pflicht, den weniger betuchten Bürgern im Rahmen der Daseinsvorsorge eine Krankenversorgung zu bieten und unterhielten auf ihre Kosten Krankenhäuser der Nahversorgung, im Zuge der Sozialgesetzgebung unter Bismarck konnten gesetzlich Versicherte über ihre Krankenversicherung einen Beitrag zu den Kosten ihrer Krankenversorgung leisten, aber natürlich nicht in jedem Falle eine volle Kostendeckung. Erst nachdem große Teile der Arbeitnehmerschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung wären, kam der Staat und die Kommunen auf die Idee, nunmehr die gesamten Krankenhauskosten auf die gesamten Versicherten zu überwälzen - also auf die arbeitende, Steuern und Sozialabgaben zahlende Mittelschicht. Während bis dahin jeder Kranke solange im Krankenhaus behalten wurde, bis er genesen war, trafen nun der Staat und die gesetzlichen Kassen eine Regelung, wonach für bestimmte Krankheiten bestimmte pauschale Verweildauern im Krankenhaus gelten sollten. Dies machte es Investoren möglich, die Krankenhauskosten und die Erträge zu kalkulieren und ermöglichte es dem Staat und den Kommunen, sich durch Verkauf der Krankenhäuser von den Kosten der Daseinsvorsorge zu befreien. Seit dieser Zeit spricht man auch nicht mehr von den Kosten der Daseinsvorsorge sondern von Krankenhaus-Defiziten. In Wirklichkeit sind das aber keine Defizite, sondern Kosten der Daseinsvorsorge, die sich der Staat erspart hat. Es wäre wünschenswert, dass der Staat und seine Körperschaften sich wieder auf seine Verantwortung für seine kranken Bürger besinnt und wichtige Bestandteile der Grund- und Regelversorgung wieder als Teil der Daseinsvorsorge begreift und finanziert. Die Pauschalierung der Verweildauern hat teilweise zu grotesken Ergebnissen geführt, wenn frisch Operierte (z. B. Leistenbruch, Blinddarm etc.) ohne Bedenken sofort nach der Operation nach Hause geschickt werden (mit U-Bahn, S-Bahn, Fußweg usw.). Detlef Wilkens Wolfratshausen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Traurige Geschichte
Antonia Wille: Streit um Wallach Hidalgo; Bayern 14. September
Traurige Geschichte

Kommentare