Mehr Weitblick am neuen G9

Dirk Walter: Mehr Geschichte am neuen G9; Bayern 21. Juli

Jeder weiß, der gesellschaftliche Auftrag an die Schule und an die darin arbeitenden Lehrkräfte ist vielschichtiger und nachdrücklicher geworden. Das bildungspolitische Instrument „Stundentafel“ befindet sich gerade in Umbruchzeiten auf dem Prüfstand. Aktuell handelt es sich um eine neue Gleichgewichtseinstellung zwischen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften, beispielsweise vertreten durch Chemie/Physik und Geschichte/Sozialkunde. Die aktuelle Angst vor dem Anwachsen der sogenannten Ingenieurslücke wird momentan dominiert von der akuten Angst vor einem Auseinandertriften gesellschaftlicher Extremlagen. Hier soll die Schule die erforderlichen Kenntnisse aber auch die grundsätzlichen demokratischen Haltungen konvergierend vermitteln und erleben lassen. Mit den so entstehenden Bewertungskompetenzen können diese Ängste versachlicht werden. Diesem Ansinnen wird keineswegs widersprochen. Zweifelhaft ist es jedoch, zugleich den Naturwissenschaften das Wasser abzugraben. Was erwartet man von SchülerInnen, die gezwungen werden, sich zwischen Chemie und Kunst/Musik wahlpflichtig zu entscheiden? Macht es irgendeinen Sinn, die drei Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik so unterschiedlich mit Stunden auszustatten, dass in einem naturwissenschaftlich-technologischen Gymnasium für die Fächerwahl im Abitur keine vergleichbaren Entscheidungsgrundlagen mehr vorliegen? Sollte es nicht so sein, dass ein ausgeglichener geistes- und naturwissenschaftlicher Bildungskanon, zusammen mit Religion/Ethik, Sport und Künsten zur Verwirklichung der seit 2004 geltenden Bildungsstandards weitaus besser beiträgt als ein hektisches Überbetonen und letztlich auch Überfordern eines einzelnen Fachs. Wir alle wissen, dass die Einflussnahme auf Stundentafel und Lehrplan durch unterschiedliche Interessen unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Dennoch sollten die allgemeinbildenden Ziele von Unterricht nicht zu sehr dem Zeitgeist geopfert werden. Unsere technisch geprägte Zeit braucht historisch fundierten Sachverstand sowie Demokratie sichernde Überzeugungen. Genauso dringend ist jedoch auch das N in MINT, sind solide chemische, biologische und physikalische Grundkenntnisse, mit denen sich Fortschritt verstehen und sinnvoll nutzen lässt, mit denen verhindert wird, dass die Schere zwischen Experten und Laien noch weiter aufgeht, die Kontrolle ermöglichen sowie den Nachwuchs und die wirtschaftliche Weiterentwicklung unseres Landes sicherstellen. Erfolgreicher Fachunterricht in Theorie und Praxis, insbesondere in Chemie, Physik und Biologie braucht mindestens zwei Wochenstunden, eine kontinuierliche parallele Präsenz über Jahrgangsstufen hinweg und letztlich die Arbeit gut ausgebildeter Lehrkräfte. Stundentafeln, Lehrpläne und Prüfungsmodalitäten sind hierfür qualitätsbestimmende Rahmenbedingungen. Sie werden von der Politik festgelegt und müssen von ihr verantwortet werden! 

Prof. Dr. Michael A. Anton i.R. 

Bis 2016 Leiter der Chemie- didaktik an der LMU München und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Chemiedidaktiker, Sauerlach

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