Eine hausgemachte Katastrophe

Dirk Walter: Die unheimliche Stille; Kommentar, Tobias Lill: Die Insekten sterben aus; Bayern 17. Juli

Die saubere Windschutzscheibe fällt mir seit Jahren auf, besonders auch nach Nachtfahrten, wo früher immer ganze Klecks von Nachtfaltern pappten. Aber noch schlimmer seit heuer: Ich schlafe – Sommer wie Winter – bei weit offenem Fenster, oft lese ich dann nachts eine Stunde lang, bis mir das Buch aus der Hand fällt. Früher wimmelte es dann von Faltern, Florfliegen, Motten um Lampe, Buch und Kopf – man musste erst das Fenster schließen. Jetzt kann ich bei offenem Fenster lesen, ab und zu kommt noch ein einsames Flügeltierchen herein. Kein Wunder, dass Fledermäuse, Singvögel, Eulen verhungern. Da hilft auch nicht, dass wir eine Blumenwiese pflegen, wenn viele andere Gartenfans lieber voll Stolz ihren sterilen Golfrasen betrachten und viele Bauern ihr steriles Silogras fünfmal im Jahr abkreiseln. 

Hubert Rößner Böbing

Das Insektensterben im Oberland, auch in unserem einstmals schönen Tegernseer Tal ist eine rein hausgemachte Katastrophe. Die Bauernwiesen sind größtenteils vergüllt, wodurch keine Blumen mehr aufkommen, da die meisten insektenrelevanten Arten keine Überdüngung mögen, zudem erfolgt die erste Mahd viel zu früh (Mai). Als ich Kind war, gab es reichlich Blumenwiesen auch bei den Bauern, denn der Dünger wurde sparsam und Mist und Odel zur rechten Zeit getrennt ausgebracht, zudem wurde gleich bei der ersten Mahd gutes Heu gemacht, und zwar nachdem die Blumen geblüht und bereits Samenstände entwickelt hatten, sodass die sogenannten Heublumen wieder die Aussaat fürs nächste Jahr bildeten (damals hatte Heumilch noch Geschmack im Gegensatz zu jetzt). Zum anderen ist die massive Flächenversiegelung, durch Bauwut ein entscheidender Faktor, da nahezu alle Zweitwohnungsbesitzer, sie bilden bei uns bereits zwei Drittel der Bevölkerung, ihre Grundstücke aus Pool, Rollrasen und Kirschlorbeer/Thuja gestalten, ohne Obstbäume, Blumen oder Kräuter, der Rasenroboter sorgt für den Rest der Insektenvernichtung, und das Ausbringen von Glyphosat durch den Hausmeisterservice. Ein dritter Punkt ist das Fällen vieler alter Bäume, die als Unterschlupf für zum Beispiel Wildbienen dienen, als Nahrungsquelle und Brutstätte für viele Vögel, und blühend als Futterquelle für Insekten. Wenn dieser Raubbau so weitergeht und auch die restlichen paar Naturwiesen nicht unter strengsten Schutz gestellt werden, wird es bald kein Obst mehr geben, da niemand zum Bestäuben da ist. Geht die Biene (Hummel), geht der Mensch – man bedenke dies bitte! 

Yvonne Kettemann Rottach-Egern

Ich war früher öfter geschäftlich in Südkorea. Was ich bei abendlichen Spaziergängen durch das Industriestädtchen Gumi recht verstörend fand, ist, dass es dort überhaupt keine Tiere gab, keine Insekten, keine Vögel, keine Katzen – nichts. Sogar wenn man konkret danach suchte, fand man nichts. Im Gegenzug fand ich es recht verwunderlich, dass Südkoreaner, die uns in München besucht haben, sogar über Nacktschnecken, die den Weg kreuzen, höchst erfreut waren und diese dutzendweise ins Gras gesetzt haben, damit sie auf dem Weg nicht zu Tode kommen. Nichts gegen Ehrfurcht vor allen Geschöpfen, aber ich hoffe doch, dass ich mich auch in Zukunft über Singvögel und Eichhörnchen freuen darf.

 Michael Sögtrop Poing

Ich muss mich selbst ertappen, dass ich des Öfteren Witze über Umweltschützer machte, die sich für solch exotische Tierarten wie etwa die Mopsfledermaus oder die Gelbbauchunke einsetzten. Inzwischen kann einem aber das Lachen vergehen. Es ist nicht nur das Insektensterben, das in dem Artikel recht drastisch geschildert wird, da es nur eine Facette des dramatischen Artensterbens auf unserem Planeten ausmacht. In einer neuesten Studie „Biological annihilation via the ongoing sixth mass extinction signaled by vertebrate population losses and declines“ der National Academy of Sciences of the United States of America wird die Menschheit vor der sechsten biologischen Auslöschung von Arten gewarnt und dies mit dem Aussterben der Dinosaurier und früheren Massenauslöschungen von Arten verglichen. Ob Säugetierarten, Reptilien, Insekten – das Artensterben hat inzwischen solch dramatische Formen angenommen, dass es geradezu fatal ist, wie wenig dies in den Medien und von der Politik thematisiert wird. Alle reden vom Klimawandel, kaum jemand von dem massenhaften Artensterben und Thema von G7- und G20-Gipfeln ist dies auch nicht, da man ja höchstens wirtschaftlichem Wachstum nachjagt ohne Rücksicht auf die Natur, die Tier- und Pflanzenwelt, was sich natürlich wieder auf die Menschheit auswirken wird. Das kann auch das bisschen Panda-Diplomatie am G20-Gipfel nicht übertünchen. 

Ralf Ostner Murnau

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kompetente Förderung
Schlusslicht bei der Integration behinderter Schüler; Bayern 19. Juli
Kompetente Förderung
Polemische Aussage
Dirk Walter: Graue Eminenz wird 80; Bayern 15./16. Juli
Polemische Aussage

Kommentare