Meinungen zum bayerischen Ministerpräsidenten Eisner

Dirk Walter: Eine Ehrenrettung für das Rote Bayern; 100 Jahre Freistaat 2./3. Juni

100 Jahre Freistaat Bayern – in Ordnung, das kann man und soll man auch feiern. Was man aber nicht soll und auch nicht kann, ist, diese Zufallsperson Kurt Eisner so in den bayerischen Himmel zu heben! Wenn Herr Well das anders sieht und diese anarchistische Person, die eine Räterepublik nach bolschewistischer Art in Bayern einführen wollte, als einen Helden sieht, so möge das seine Meinung sein. Diese muss aber der Gerechtigkeit wegen keine ganze Seite im Merkur zur Verfügung gestellt werden! Das ist einfach zu viel und kann nicht so hingenommen werden. Gott sei Dank konnte Eisner sein angestrebtes Ziel, die sozialistische Räterepublik nach bolschewistischem Vorbild, nicht verwirklichen. 

Manfred Rieger Gernlinden

Mit großer Verwunderung habe ich in ihrer Wochenendausgabe von der sogenannten Ehrenrettung Bayerns durch Kurt Eisner gelesen. Nein, Herr Well, Kurt Eisner war für Bayern keine gute Persönlichkeit, weder privat (lesen sie mal seine Lebensgeschichte) noch politisch, die katholische Kirche nannte seine 100 Tage, eine Regierung von Jehovas Zorn. Der Anblick dieses Berliner Literaten spricht für sich. Nein, Herr Well, Bayern wurde groß und wirtschaftlich zum Führungsland in Deutschland nicht durch Herrn Eisner und seine wenigen Gesellen, sondern durch die christlich-soziale Bevölkerung. Aber besonders schlimm war: Eisner hatte kein Nationalgefühl! Er veröffentlichte deutsche Geheimakten, die angeblich die deutsche Alleinschuld am Ersten Weltkrieg darlegen sollten. Er war von der alleinigen deutschen Kriegsschuld überzeugt, eine Freude für die Alliierten und den Versailler Vertrag! Also von Ehre keine Spur! Die damaligen Bayern haben Eisner bald durchschaut und seiner Partei, der USPD, gerade mal 2,5 Prozent gegeben. Die sogenannte Eisnersche Revolution brach kläglich zusammen. Herr Well, fragen sie Ihre Frau nach ihrem schönen Heimatland. Dort kann man aus erster Hand erfahren und erlernen, was Nationalgefühl und Nationalstolz bedeuten und wie die dortigen Menschen beides praktizieren. Es ist schon richtig, dass es für Kurt Eisner bei uns nur einen quasi Stolperstein gegen hat. 

Klaus-Dieter Deutrich Gröbenzell

In dem Artikel beklagt Frau Well, dass derzeit ein schiefes Geschichtsbild von der Revolution 1918 gepredigt werde. Zumindest, was Kurt Eisner betrifft, liegen Hans Well und seine Gattin aber vielfach selbst weit neben der historischen Wahrheit. Wenn ich beispielsweise in dem Artikel von durchwegs sympathischen Einschätzungen durch Eisners Zeitgenossen lese, denke ich sofort an einen Artikel im SPD-Zentralorgan „Vorwärts“. Dort schreiben Eisners frühere Redaktionskollegen vier Wochen nach dem Umsturz am 2. Dezember 1918: „Als die Kunde kam, dass Eisner Ministerpräsident geworden war, erfüllte Heiterkeit die Redaktionsstuben. Diese Ministerpräsidentschaft hat mit dem großen Ernst unserer Zeit nichts zu tun. Sie steht zu ihm in erschütterndem Gegensatz. Sie ist eine Kasperlekomödie des Lebens von Kurt Eisner. München-Schwabinger Naturtheater. In fünf Minuten geht der Vorhang herunter, und dann ist Schluss.“ Und diese Zeitgenossen haben Eisner im Unterschied zu heutigen Eisner-Freunden ja wirklich authentisch und gut gekannt! Wenn ich ferner lese von Eisners besonderer Glaubwürdigkeit wegen des von ihm vertretenen Pazifismus, dann denke ich an das Jahr 1912, als der „Pazifist“ Eisner einen radikalen Schwenk zum Befürworter der deutschen Aufrüstung machte. Grund war eine von ihm befürchtete Bedrohung durch das zaristische Russland. Er wird jetzt zum Verfechter eines offensiven Verteidigungskrieges und verlangt von der SPD Zustimmung zur Aufrüstung. Als dann am 1. August 1914 der Krieg tatsächlich kommt, bewirbt sich Eisner umgehend als Kriegsberichterstatter bei den bayerischen Fronttruppen, wird aber nicht akzeptiert. Erst ab dem späten Jahr 1915 erfolgt dann wieder die Wendung zum Pazifisten. Kann man glaubwürdig „Pazifist auf Zeit“ sein? Frau Well beklagt Ludwig Thomas Spottwort vom „Revolutionskarneval“. Was sie dabei verschweigt oder gar nicht weiß, ist eine von Eisners ersten Amtshandlungen, wo er ein Aufführungsverbot für Ludwig Thoma in allen Staatstheatern verfügte. Thoma war seit 1911 im Residenztheater der meistgespielte Autor. Eine derart rigide Kunstzensur wie unter Eisner hat es in Bayern weder vorher noch nachher je gegeben. Vielleicht kommt man dem tatsächlichen und als Persönlichkeit sehr schwierigen Eisner eher nahe, wenn man seine Selbsteinschätzung berücksichtigt, wie sie der 21-jährige Student in einem Gedicht festgehalten hat. Es heißt da: „An meinen Biographen d. h. Grabsteindichter: Kurt Eisner lieget hie, / Der Plänereiche: / Einst zweifelhaftes Genie, / Jetzt sicher Leiche.“ Es gäbe noch vieles zu sagen, beispielsweise zum Politiker Eisner, der alles Mögliche war, bloß kein Verfechter einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Schade, aber nicht überraschend, dass die Wells mit ihrem Wunschbild vom Roten Bayern die Legenden um Eisner wieder einmal anreichern. Vielleicht sollten Kabarettisten auch in einem Jubiläumsjahr der Versuchung zur Geschichtsschreibung besser widerstehen. 

Helmut Schmidbauer Historiker, Schongau

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