Thoma hat Zusammenbruch seiner Welt nie verwunden

Dirk Walter: Geburtstag eines Widerspenstigen; Bayern 7./8. Januar

Der „Münchner Merkur“ hat verdienstvollerweise auf einer Doppelseite Ludwig Thoma anlässlich seines 150. Geburtstags kritisch gewürdigt. Seit vor etwa 20 Jahren seine wüsten Schmähartikel gegen Juden, Demokraten und die ganze Weimarer Republik aus seinem letzten Lebensjahr einem breiten Publikum bekannt wurden, wurde er in der veröffentlichten Meinung als unverbesserlicher Antisemit gebrandmarkt. Seine Stücke wurden nirgends mehr gespielt, seine Prosa dem Vergessen anheimgegeben. Nun ist bekannt, dass Thoma den Zusammenbruch der geordneten, sicheren, bürgerlichen Welt vor 1914, in der sich gut leben und frech sein ließ, nie verwunden hat. Nach dem Krieg verrannte er sich in Ressentiments gegen alles, was die Nachkriegswelt verkörperte. Nun ist es eine sehr schwere Frage, wie man mit nachträglich entdeckter Schuld Verstorbener umgehen soll. Die Römer kannten den Grundsatz: „De mortuis nil nisi bene.“ – „Über die Toten sage nichts, es sei denn Gutes.“ Die Toten können sich nicht wehren, Ankläger und Richter sind dieselben Personen. Verteidigung gibt es nicht, weil sich kaum jemand getraut, der öffentlichen Empörung entgegenzutreten. Nun kann die öffentliche Meinung, wie auch die Geschichtswissenschaft, nicht uneingeschränkt dem römischen Grundsatz folgen. Es ist aber ihre Pflicht, auch das zu würdigen, was für den Beschuldigten spricht. Es ist dem „Münchner Merkur“ sehr zu danken, dass er einen Beitrag zur Erkenntnis all dessen leistet, was zu Ludwig Thomas Lebenswerk gehört. Er war nicht nur ein begnadeter Satiriker, dessen Schriften man auch heute unter völlig anderen Umständen mit Vergnügen liest. Seine „Magdalena“ gehört zu den besten Dramen des deutschen Naturalismus und sein „Wittiber“ ragt unter den deutschen volkstümlichen Romanen dank seiner dramatischen Handlungsführung und der psychologischen Feinzeichnung deutlich hervor. Auch ist zu bemerken, dass unsere hochmoralische öffentliche Meinung zum Thema Antisemitismus in der Vergangenheit mit zweierlei Maß misst. So waren etwa drei bedeutende Gestalten der deutschen Geschichte lebenslang fanatische Antisemiten: 1. Richard Wagner: Noch niemand hat verlangt, dass Bayreuth schließen sollte. 2. der Jude Karl Marx: Er ist zwar nicht mehr so populär wie vor fünfzig Jahren, aber er wurde auch nicht als Antisemit geächtet. 3. der heuer so gefeierte Martin Luther: Wegen seines wütenden Antisemitismus forderte noch niemand, alle Lutherbibeln zu verbrennen. Es ist genauso wenig einzusehen, warum ein dichterisches Lebenswerk für Tabu erklärt werden soll, weil sich sein Verfasser im letzten Lebensjahr, todkrank, in Ressentiments und Hasspamphlete verstrickte. Hoffen wir, dass im Fall Ludwig Thoma die im Münchner Merkur angestoßene Versachlichung der Debatte weiterwirkt. Denn mit der Ächtung des Werkes wird nicht der Verstorbene bestraft, sondern wir, besonders wir Bayern. 

Fritz Egger München

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