Diskussion um  Ludwig Thoma

Dirk Walter und Stefan Sessler: Auf den Spuren von Ludwig Thoma in „Ogau“; Bayern 21. Januar, Nie mehr; Schnulze; Leserbriefe 24. Januar

Ludwig Thoma ist eine der bekanntesten bayerischen Literatur-Legenden. Sein Bekanntheitsgrad – sprich Popularität – ist Lichtjahre von jenen entfernt, die ihn heutzutage wegen seiner nationa- len (nationalistischen?) Meinungsäußerungen – warum wohl? – nun in Grund und Boden verdammen! Und ihn sogar in die geistige Nähe einer NSDAP rücken wollen. National denken war bis 1930 jahrhundertelang die Identifikation, stolz auf seine Heimat zu sein. Keiner von den heutigen – ach so demokratisch beseelten – kritischen Besserwissern hatte zu Lebzeiten Ludwig Thomas die damalige Welt persönlich erlebt, und können sie daher auch nicht vorurteilsfrei beurteilen. Keiner von denen hatte jemals mit Thoma selbst über seinen heute festgestellten Sinneswandel diskutiert. Grundsätzlich kann fast jeder Satz, der einmal geschrieben wurde, nach eigenem Gutdünken mehrfach anders interpretiert werden. Wir werden es vermutlich – enthüllenderweise – auch noch erleben, dass der weithin geschätzte Romantiker Joseph von Eichendorff ein ganz übler Zeitgenosse gewesen sein könnte. Und Goethe sowie Schiller schlottern schon jetzt diesbezüglich auf ihren paradiesischen Wolken, wenn auch sie der Bannstrahl der momentan lebenden, scheinbar unfehlbaren Moralisten trifft. 

Uwe Schmidbauer Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Zu den Leserbriefen bezüglich Ludwig Thoma möchte ich bemerken: Folgende Personen haben sich in rassistische und antisemitische Äußerungen verstiegen: Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Voltaire, Ludwig Thoma, Günter Grass, Martin Walser im Bereich Literatur. Johann Sebastian Bach und Richard Wagner im Bereich Musik und beim Thema Religion und Antisemitismus ist Martin Luther allen anderen voran. Die Liste ist keineswegs vollständig. Sind die Werke unserer größten Dichter deshalb keine Weltliteratur mehr? Darf Bach deshalb weder in Kirchen noch in Konzerten aufgeführt werden? Werden die Opern Wagners deshalb vom Spielplan gestrichen und die Bayreuther Festspiele abgesagt? Werfen deshalb alle evangelischen Gläubigen ihre Bibel in das Fegefeuer? Nein, denn man muss die Äußerungen der oben genannten im zeitlichen und gesellschaftlichen Konsens betrachten. Gleichwohl sind diese Äußerungen als rassistisch und antisemitisch zu brandmarken und zu verurteilen. Aber deshalb das Gesamtwerk zu verurteilen ist weder sinnvoll, noch vom wissenschaftlichen Standpunkt zulässig. Ein banales Beispiel hilft vielleicht weiter: Wenn der derzeit beste Fußballer, Lionel Messi, bei einem Spiel fünf Elfmeter verschießen würde, wäre kein Kritiker in der Lage, das fußballerische Gesamtwerk eines Lionel Messi infrage zu stellen. Das einzelne Werk, auch bei Ludwig Thoma, ist gesondert zu betrachten und sogar die sehr grobe Einteilung in guter Text und böser Text ist statthaft. Deshalb kann ich dem Leserbriefschreiber Herrn Fred Hohenester ruhigen Gewissens raten, die „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma weithin im Verein vorzutragen, denn sie ist die schönste und innigste Weihnachtsgeschichte, die die deutsche Literatur hervorgebracht hat, frei von Rassismus und Antisemitismus. Wenn der Leserbriefschreiber Rudi Kraus diese Weihnachtsgeschichte als „Schnulze“ bezeichnet, so lässt sich erahnen, dass er den tieferen Sinn dieser Geschichte nicht erkannt hat. Der Text ist eine gesellschaftspolitische Kritik über den Geiz, den Egoismus und die Unbarmherzigkeit der Reichen und gibt den Armen im zutiefst christlichen Sinn wieder Hoffnung. Und dies ist eine gute Botschaft zur Weihnachtszeit. 

Manfred Trautmann Eitting

Mit Interesse, aber auch Befremden verfolge ich seit einiger Zeit die Diskussion im Münchner Merkur zum Dichter und Schriftsteller Ludwig Thoma. Manches kann ich nicht unwidersprochen so stehen lassen. Da ist in Artikeln und Leserbriefen von „Hetz-Tsunamis“ die Rede. Thoma wird angekreidet, dass dieser „...das nationale Denkmuster gut fand ...“ , und man kann lesen: „Wer rettet die Gesellschaft von Hetz-Tsunamis?“ In einem anderen Artikel wird gerügt, dass sich Thoma „ … für das Zeichnen von Kriegsanleihen im Miesbacher Anzeiger eingesetzt habe ...“ und wirft ihm vor, den Krieg bejaht zu haben „ ...Unser Vaterland muss den Krieg durchführen.“ Da war er doch nur einer von zig Millionen! Die einrückenden Soldaten haben auf ihre Eisenbahnwaggons geschrieben: „An Weihnachten sind wir wieder daheim!“ Doch nun zum Hauptpunkt, dem Antisemitismus. Auch den hat Thoma mit Abermillionen in Deutschland, Bayern und Österreich-Ungarn geteilt. Selbst die Kirche stimmte ein mit der pauschalen Bezeichnung der Juden als „Gottesmörder“. Und damals hat man noch an das geglaubt, was die Kirche sagte. Man muss aber alles aus der Zeit und ihrem Umfeld heraus verstehen. Jüdische Verleiher haben selbst auch zu ihrem Ruf beigetragen und zum Beispiel so manchem, der Geld brauchte, zu viele Zinsen abgenommen. Freilich muss zur Verteidigung der Juden gesagt werden, dass sie seit Jahrhunderten nur freie Berufe ergreifen konnten. Die reichen Vertreter dieses Volkes konnten immerhin Schriftsteller, Künstler, Ärzte und Anwälte werden. Für die ärmere Schicht blieb fast nur die Tätigkeit als Händler und Geldverleiher. Und auch unter diesen waren in der Mehrzahl bestimmt gute Menschen. Doch nun zum Schriftsteller Ludwig Thoma: Er hat in unnachahmlicher Weise dem bäuerlichen und kleinbürgerlichen Volk „aufs Maul geschaut“. Ob in köstlichen Einaktern wie „Erster Klasse“, „Lokalbahn“, „Die kleinen Verwandten“ oder den großen Romanen wie „Der Ruep“, „Andreas Voest“, „Der Wittiber“ hat er Bauern beschrieben und in „Magdalena“ die etwas verlogene und moralisierende Einstellung zum Schicksal eines enttäuschten und in die „Schande“ abgeglittenen Mädchens Magdalena. Das war berechtigte Geißelung des selbstgefälligen Zeitgeists. Am allerwenigsten kann ich verstehen, und da muss ich scharf protestieren, wenn Rudi Kraus aus Bissingen den „ … großartigen Leserbrief von Fritz Tischer hervorhebt, und „… den antisemitischen Spötter Ludwig Thoma, auf den jedes Jahr Leute hereinfallen“. Er spricht von „ ...dieser Heilige-Nacht-Schnulze.“ Geht‘s noch? Fred Hohenester aus Furth schreibt, dass ihm Dirk Walter die Augen geöffnet habe und er nach langen Jahren Vorlesens der Heiligen Nacht jetzt verspreche, „ … dass ich das nun nie mehr tun werde“. Na, dann macht es eben ein anderer, wie ich hoffe. Meine Meinung: Man muss halt versuchen, jedem Menschen zunächst unvoreingenommen und mit Augenmaß zu begegnen und ihm auch menschliche Schwächen und Fehler zugestehen, vor allem aber den zeitlichen Hintergrund und den Zeitgeist des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu im Auge behalten. Fazit: Trotz seiner Fehler bleibt Ludwig Thoma eine ausgezeichneter Dichter und Schriftsteller, der uns Bayern auch noch im 21. Jahrhundert guttut. Seine „Heilige Nacht“ höre ich mir jedes Jahr beim Christbaumschmücken von der Schallplatte mit Willi Rösner an, und ich gehe so weit, dass er sich allein mit diesem innigen Werk (von wegen „Schnulze“ und „Persiflage“) den Himmel verdient hat. Anzumerken bleiben noch die positiv-kritischen Leserbriefbeiträge von Johanna Bruckmayer und Josef August Neuberger. 

Manfred Virnekäs Zorneding

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