Umarmungsillusionen

Dirk Walters: „Sudetendeutsche auf Distanz zum ’rechten Rand’“; Bayern 23. Mai

Die Satzung der Sudetendeutschen Landmannschaft ist in einem anderen Kontext zu sehen. Die Ursachen der Vertreibung beginnen 1867 durch Habsburg und dessen Zerfall 1918. Als 1902 aus Deutsch-Böhmen „Sudetendeutsche“ wurden. Dann das Münchner Abkommen und das Kriegsende 1945. Es folgten die ethnische Vertreibung mit Auswüchsen eines Genozids. In meinem Geburtsort Wekelsdorf/Teplice wurden am 30. Juni 1945 23 Menschen ermordet, vom Kind bis zum Greis, weitere folgten. Die Absolution durch die Benesch-Dekrete werden die Tschechen aufarbeiten müssen. Hoffentlich dauert es nicht so lang wie bei den Türken. Dem Entsetzen, was uns die tschechischen Landsleute angetan haben, erfolgte der Zusammenschluss mit Satzung. Es war eine Hilfe, dass uns Bayern in der Heimat unserer Vorfahren als Volkstamm anerkannte. Doch jetzt will ich, dass die Nachkommen Bayern und Münchner sind. Meinen Kindern habe ich nie gezeigt, dass das Hotel und das Geschäftshaus den Urgroßeltern gehören. Ich wollte, dass sie ohne Ressentiments gegenüber den Tschechen sind. Die Nachgeborenen habe kein Recht eine historisch bedingte Satzung zu ändern. Sie sollten sich eine eigene Satzung geben. Herrn Posselt ist wirklich kein Repräsentant für die Landsmannschaft.

Willi Hicke München

Lieber Landsmann Posselt! Hier meine Sicht der Dinge: Nachdem mein Vater, 1911 im Böhmerwald geboren, zunächst seinen Vater im Ersten Weltkrieg verlor, dann 1918 tschechoslowakischer Staatsbürger werden durfte, durch den Einmarsch Hitlers 1938 Reichsdeutscher wurde, 1945 als Deutscher das Sudetenland verlassen durfte, dürfte er heute Ihrer Ansicht nach wohl nicht mehr sagen, dass ihm Unrecht geschehen sei, weil die Tschechen beleidigt sein könnten. Wenn Sie, Landsmann Posselt, Leute, die ihre Heimat nicht aufgeben wollen, als „rechte Krawallmache“ bezeichnen, ist dies eine Unverschämtheit gegenüber allen, die ihre Heimat, ihr Hab und Gut oder gar ihr Leben verloren haben.

Otto Kellermann Moosinning

Wenn man auch die Ausführungen von Herrn Posselt nachvollziehen kann, so führt es doch zu weit, diejenigen, die mit der Satzungsänderung nicht einverstanden sind, in die rechte Ecke zu stellen. Es sind viele, die dazugehören, obwohl sie nicht mehr damit rechnen können, in die Heimat zurückkehren zu können oder entschädigt zu werden. Doch es geht ja hier nicht um irgendwelche nicht mehr realistische Ziele, sondern um Beibehaltung eines Rechtsanspruches. Es ist anerkennungswert, dass heute auf vielen Gebieten eine deutsch-tschechische Annäherung und Verständigung erfolgt. Doch die tschechische Regierung denkt bisher nicht an eine Entschuldigung für das begangene Unrecht. Die völkerrechtswidrigen Benes-Dekrete gelten bis heute. Die tschechischstämmig, seinerzeitige US-Außenministerin Albright hatte soviel Druck auf die damalige Bundesregierung Kohl augeübt, dass diese der Aufnahme der Tschechischen Republik, trotz Weiterbestehen der Benes-Dekrete, in die EU zustimmen musste. Nun stehen wir in der EU vor der Situation, dass zwar Tschechen Besitz in der Bundesrepublik erwerben können, Sudetendeutsche aber das Enteignungsrisiko eingehen, wenn sie in Tschechien wieder ihr altes Eigentum erwerben. Und dies in der Europäischen Union, die stets die Menschenrechte hoch hält.

Hans Rachel Gauting

Der Autor Dirk Walter hat richtig diagnostiziert, „es gärt“ bei den Sudetendeutschen, besonders in Oberbayern und Schwaben, den Bezirken mit der höchsten Konzentration des „vierten Stamms“ im Freistaat. Ich lese täglich die tschechischen Medien: Dem Brünner Stadtrat Petr Kalousek, nicht etwa Bernd Posselt, gebührt das Verdienst an der wunderbaren Brünner Vergebungsbitte. Kalousek konnte den Brünner Primator Petr Vokrál schon im März für die Ausrufung eines „Jahrs der Versöhnung“ gewinnen. Und warum kritisieren wir Bernd Posselt? Der von ihm umformulierte Vereinszweck der Sudetendeutschen Landsmannschaft verzichtet auf „Wiedergewinnung der Heimat“. 65 Jahre lang hielt das kein Mensch für einen tatsächlichen Gebietsanspruch. Der Wertbegriff Heimat bedeutet nicht nur einen geographischen Ort, sondern eine emotionale Suche. Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien waren unsere gemeinsame Heimat, aus der 2,9 Millionen als „Rucksackdeutsche“ vertrieben wurden. Das Trauma der Vertreibung tut uns Alten auch heute noch weh. Das kann die Funktionärsspitze offenbar nicht begreifen. Sie wiegt sich in Verkennung der tschechischen Staatsdoktrin in Umarmungsillusionen. Wie ist dort die unveränderte Meinung? In der neuesten Umfrage halten 70 Prozent die Vertreibung der Deutschen nach wie vor für unvermeidlich, zwei Drittel lehnen eine Entschuldigung ab.

Fritz Werner Weilheim

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