Doppelmoral

Dirk Walter: Almbauern fordern „wolfsfreie Zonen“; Bayern 4. Oktober

Die Diskussion um den Wolf offenbart die staatliche Doppelmoral im Umgang mit unseren Wildtieren. Denn was den Wölfen erlaubt sein soll, ist der letzten großen, wild lebenden Säugtierart hierzulande, dem Rotwild, bei Todesstrafe verboten. Seit den 50er Jahren gilt: Reviere außerhalb ausgewiesener Rotwildbezirke sind rotwildfrei zu machen und zu halten. In Bayern wird das Rotwild deshalb auf nicht zusammenhängende, mickrige 14 Prozent der Landesfläche eingesperrt, die zu verlassen den sofortigen Abschuss bedeutet. Wo bleibt hier das Lebensraumnetzwerk, Frau Umweltministerin? Zu verdanken haben wir das der Forstwirtschaft: Bei ihrem Streben nach Gewinnmaximierung stört der Rothirsch - und das Reh, dessen Abschusspläne immer weiter in die Höhe getrieben werden. Gut für den Wolf, dass er sich nicht von den Trieben junger Bäume ernährt. In einer Gesellschaft, in der das Verständnis für den Wert von Almwirtschaft und Tierhaltung abhandengekommen ist, in der eine fragwürdige Ökomoral aus veganer Lebensweise und „rettet das Klima“- Aktionismus konstruiert wird, geht so eine Doppelmoral auch noch als naturnah durch. 

Kurt Eicher Bad Tölz

Die Organisationen der Almbauern in Bayern, Österreich und Südtirol demonstrierten gegen die Rückkehr von großen Beutegreifern wie Wolf und Bär und forderten den Abschuss bzw. die Einrichtung wolfsfreier Zonen. Riesige Wolfsgebiete lassen sich allerdings nicht einzäunen, wie soll das gehen? Wölfe und Bären wandern, manchmal bis zu 60 Kilometer in einer Nacht. Wir werden uns wieder an die Existenz dieser Tiere in unserer Landschaft gewöhnen müssen. Almwirtschaft gibt es in den Alpen seit Jahrhunderten, auch zu Zeiten, als Bär und Wolf noch weit verbreitet in unseren Wäldern lebten. Auch in Rumänien wurde und wird seit Jahrhunderten erfolgreicher Herdenschutz betrieben, obwohl die Menschen dort vielmehr finanziell von jedem einzelnen Schaf abhängig sind bzw. keine Ausgleichszahlungen bei einem Riss erhalten. Ähnlich ist es in den Abruzzen, in Nordspanien, Südfrankreich, Slowenien ... Die (Alm-)Bauern, Touristen, die Bevölkerung insgesamt weiß dort, mit Wolf und Bär umzugehen, sie haben es neu gelernt bzw. nie verlernt, wie wir. Ich war in den Gegenden vor Ort und habe mir einen Eindruck verschaffen können. Die Märchen vom bösen Wolf scheinen bei uns Deutschen noch tief zu sitzen und die Erkenntnis fehlt: Es sind Märchen. Weideviehhaltung und Wolfsreviere sind nebeneinander möglich, man muss nur umdenken, umstrukturieren, handeln. Wichtig ist, dass die Almbauern nicht allein gelassen werden. Die Prävention für den Herdenschutz muss flächendeckend schnell eingeführt werden und nicht nur punktuell. Viele Regionen in Europa lassen sich Artenschutz etwas kosten, wir sollten es auch, angesichts des brachialen Artenschwunds bedingt durch die intensive Landwirtschaft und des Flächenfraß. 

Joachim Kampe Neuried

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