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Während sich Jäger mit dem Luchs (s. unten) noch recht gut arrangieren können, lehnen die meisten Waidmänner eine Rückkehr der Wölfe klar ab. Auch wenn bei einem Symposium des Jagdverbands für ein Miteinander geworben wurde.

Symposium des Jagdverbands über Beutegreifer

Lernen, mit dem Wolf zu leben

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Freyung  - Sie sind längst da. Ungefähr 500 Wölfe gibt es bereits wieder in Deutschland, und sie werden sich weiter ausbreiten, auch in Bayern. Heuer werden sich höchstwahrscheinlich erste Rudel im Freistaat bilden.

Die Protagonisten, um die es beim Symposium „Große Beutegreifer“ ging, standen rechts und links des Eingangs zum Kursaal in Freyung. Allerdings nur ausgestopft: ein Luchs und ein Wolf. Der Bayerische Jagdverband (BJV) hatte für zwei Tage Wissenschaftler, Behörden- und Verbandsvertreter aus dem In- und Ausland in den Bayerischen Wald eingeladen, um über die Wiederbesiedlung Deutschlands durch diese Tiere zu diskutieren. 

Es ging vor allem um die Akzeptanz in der Bevölkerung. Leicht verständlich ist die Skepsis etwa der Schafhalter – nutzt doch der Wolf jede Gelegenheit, wenn er leichte Beute machen kann – und das sind ungeschützte Schafe allemal. Auch die Jägerschaft steht diesen Raubtieren teils ablehnend bis feindlich gegenüber, stellen doch Luchs und Wolf den Hirschen und Rehen oft erfolgreicher nach als die Waidmänner. BJV-Präsident Jürgen Vocke nannte den Wolf einen ungebetenen Gast und schlug vor, seinen Schutzstatus zu reduzieren. Dabei sind Wolf und Luchs sowohl durch deutsches Recht wie auch durch internationale Übereinkommen bei uns streng geschützt. Dennoch kommt es im Bayerischen Wald immer wieder zu illegalen Tötungen von Luchsen. Der Lamer Winkel ist als „Bermuda-Dreieck“ verschrien. 

Illegale Luchstötungen sind schwerwiegende Straftaten

Luchs

Beate Jessel vom Bundesamt für Naturschutz sagte, es sei schon eigenartig, dass es trotz Nachwuchses keine Ausbreitung außerhalb des Nationalparks gebe. Polizeidirektor Manfred Jahn aus Regensburg betonte: „Die illegalen Luchstötungen im Bayerischen Wald sind schwerwiegende Straftaten.“ Die Polizei fordert die Bevölkerung auf, bei der Aufklärung zu helfen und bei Verdacht nicht zu zögern, die 110 zu wählen. Der Jagdverband distanziert sich entschieden von der kriminellen Verfolgung des Luchses. Und Jungjäger Max Hetzer aus Neustadt an der Aisch fragte, warum nicht auch die Jäger Wolf und Luchs positiv sehen könnten. Diese Tiere seien doch eine Bereicherung für unsere Wälder. 

In Deutschland gibt es bisher nur im Harz, im Bayerischen Wald und bald zu erwarten im Pfälzer Wald kleine Luchspopulationen. Anders als der Wolf ist der Luchs in der Bevölkerung durchaus ein Sympathieträger, meinte Jessel. Die scheue und meist in der Dämmerung jagende Raubkatze kommt hauptsächlich nur Jägern in die Quere. Von denen klagen einige, dass die Rehwildbestände sinken würden und forderten, dass der Abschussplan für Rehwild deshalb gesenkt werden müsste. Sebastian Hofmann vom Forstbetrieb Bodenmais, wo seit 22 Jahren Luchse vorkommen, sagte: „Sein Einfluss auf die Höhe der Rehwildpopulation in naturnah bewirtschafteten Waldrevieren bleibt marginal.“ Der Reh-Abschuss dort nehme sogar zu, obwohl der Luchs immer da ist. 

„Wir werden den Wolf flächendeckend haben“

Schäden an Nutztieren durch den Luchs waren nie ein großes Thema, berichtete Eric Imm, Naturschutzreferent des BJV. Dessen Wildlandstiftung zahlt seit dem Jahr 2000 für jeden gemeldeten Luchsriss eines Rehs 50 Euro, für den eines Hirschen 100 Euro an den Jäger. Diese Entschädigung ist geeignet, die Akzeptanz des vierbeinigen Jägers Luchs bei den Waidmännern zu erhöhen. Schwerer fällt es den Jägern, sich mit dem Wolf abzufinden. Die Forderung reicht von der Bejagung bis zu wolfsfreien Gebieten. In Bayern werden immer häufiger Wölfe bestätigt. Sicher ist, dass es auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr in der Oberpfalz und im Bayerischen Wald jeweils ein Paar gibt (wir berichteten), sodass eine Rudelbildung nach über 150 Jahren in Bayern sehr wahrscheinlich ist. 

„Wir werden den Wolf flächendeckend haben“, sagte Jessel. „Wolfsfreie Gebiete – das ist eine Illusion.“ Je nachdem, welche Reviergröße man für ein Rudel ansetze, gebe es in Deutschland Platz für 200 bis 500 Rudel. Ein Wolfsrudel besteht in der Regel aus dem Elternpaar und seinen Nachkommen, den Welpen und Jährlingen. Mit ein bis zwei Jahren verlassen Jungwölfe das Rudel. Die Ablehnung des Wolfes komme daher, „weil wir den Umgang mit dem Wolf nicht mehr kennen“, sagte Claus Kumutat, Präsident des Bayerischen Landesamts für Umwelt. Der Schutzstatus müsse auch nicht gelockert werden. „Es gibt die Möglichkeit, einen Abschuss zu erlauben“, erklärte Kumutat. Er muss nur begründet sein. Das kann der Fall sein, wenn die Schäden durch ständige Risse von Haustieren überhand nehmen oder er verhaltensauffällig sei, wenn er zum Beispiel die Nähe zu Menschen suche. 

Der Wolf ist bereits in Deutschland und wird sich weiter ausbreiten

Die Risiken für den Menschen werden aber überschätzt. Bisher ist in Deutschland niemand durch einen Wolf verletzt worden. Aber um die Scheu vor dem Menschen aufrecht zu erhalten, empfahlen einige der Experten die gezielte Erlegung vor allem einzelner Jungwölfe. So auch Reinhold Schnidrig vom Schweizerischen Bundesamt für Umwelt. Die Schweiz befürworte eine flächendeckende Ausbreitung ihrer Wolf- und Luchsbestände. „Die Akzeptanz bei der betroffenen Bevölkerung ist entscheidend“, betonte Schnidrig. Deshalb sei es auch enorm wichtig, die Nutztierhalter zu unterstützen, ihre Tiere auf den Weiden zu schützen. „Herdenschutz in der Schweiz ist möglich, es geht.“ 

Vor allem kleine Halter mit wenigen Schafen oder Ziegen sind betroffen. Bei den Heidschnucken in der Lüneburger Heide, wo sich Wölfe angesiedelt haben, gab es laut Peter Pabel, Förster aus Niedersachsen, keine großen Verluste, denn die werden seit jeher von Schäfern mit Hunden bewacht. Der Wolf ist bereits in Deutschland und wird sich weiter ausbreiten. Deshalb – so die fast einhellige Meinung – müssten alle Beteiligten sachlich, mit Pragmatismus zusammenarbeiten, um zu lernen, mit dem Wolf zu leben.

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