1. Startseite
  2. Lokales
  3. Leserbriefe
  4. Fernsehen und Medien

Farblos und todlangweilig

Erstellt:

Kommentare

Martin Weber; „Das generische Maskulinum hat ausgedient“, Interview mit Petra Gerster; Medien 16. November

Das Interview zeigt in erfreulicher Deutlichkeit, was in unserem Land derzeit geschieht: Eine kleine arrogante Minderheit versucht, der Mehrheit vorzuschreiben, wie man zu sprechen und zu schreiben habe. Es gibt Widerstand dagegen, und es gibt peinliches Einknicken – so das Augsburger Hotel „Drei Mohren“, das dem Druck einer kleinen Gruppe nachgab und sich umbenannte. Dabei ist das Wort „Mohr“ in keiner Weise diskriminierend. Der schwarze Gastronom Andrew Onuegbu hat sein Lokal in Kiel „Zum Mohrenkopf“ benannt, er ist stolz auf das Wort „Mohr“. Was das von Frau Gerster beanstandete Wort „Krüppel“ betrifft: Niemand muss es verwenden, Tatsache ist allerdings, dass zahlreiche Behinderten-Gruppen sich bewusst als „Krüppel-Gruppen“ bezeichnen, wohl weil ihnen der Ausdruck „Behinderte“ zu betulich und eher verschleiernd ist – das harte „Krüppel“ soll Selbstbewusstsein demonstrieren. Vielleicht macht „Krüppel“ noch eine ähnliche Karriere wie das ursprünglich auch abwertend verwendete „schwul“.

Und was „Zigeuner“ betrifft: In diesen Ausdruck fließen all die Erfahrungen ein, die man mit Zigeunern machen kann – gelegentlich negative, aber auch sehr positiv das Gefühl der Freiheit und Unbeschwertheit, wie es im Lied „Lustig ist das Zigeunerleben“ zum Ausdruck kommt. Und wie sollen wir den „Zigeunerbaron“ umbenennen? Übrigens ist es keineswegs so, dass alle Sinti und Roma das Wort „Zigeuner“ ablehnen. Dazu ein Hinweis der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller: „Ich bin mit dem Wort ,Roma‘ nach Rumänien gefahren, habe es in den Gesprächen anfangs benutzt und bin damit überall auf Unverständnis gestoßen. ,Das Wort ist scheinheilig‘, hat man mir gesagt, ‘wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.’“

Der derzeit von kleinen radikalen Gruppen inszenierte Angriff auf die Sprache ist gleichzeitig ein Angriff auf die Kultur – verlangt wird eine fundamentale Änderung mit weitreichenden Konsequenzen. Wenn Frau Gerster das Wort „Klapsmühle“ beanstandet (u. a. seit Döblins Romanen bekannter geworden), dann kann man daraus schließen, welche Verarmung der Sprache zugemutet wird: Ironie, Sarkasmus, Zweideutigkeiten, ja: auch Zynismus werden – natürlich in bester Absicht – eliminiert. Das Ende könnte ein Deutsch in leichter Sprache sein: unmissverständlich, farblos, todlangweilig.

Dr. Wolfgang Baur

Wolfratshausen

Auch interessant

Kommentare