Edles Ethos

Zoran Gojic: Und Nscho Tschi hat die Hosen an; Medien 28. Dezember

Wie das bei Neuverfilmungen so ist, ist manches besser und manches schlechter gelungen als in den 1960er Jahren. Insgesamt kommt der neue Dreiteiler ruhiger, indianischer, daher als die Filme mit Pierre Brice und religiöser. Spielte Religion in den alten Filmen keine Rolle, werden die neuen in Person der Nscho Tschi von einem indianischen Schamanismus getragen. Und gerade an diesem Punkt hätte sich Karl May ganz sicher geärgert: Dass ausgerechnet er sich auf der Leinwand vor laufender Kamera als einer outet, der zwar getauft aber nicht gläubig sei. Er, der sich in seinen Büchern doch seitenweise über seinen christlichen Glauben auslässt und diesem sein hohes, edles Ethos zurechnet. Das ist bedauerlich aber natürlich auch eine Erscheinung unserer Zeit. Durch den schamanischen Zug erscheint die Kultur der Indianer tatsächlich ernst genommen. Eine Begegnung auf Augenhöhe findet aber nicht statt. Schade. Weshalb kann, darf, die Religion des Gottes der Liebe und Gerechtigkeit mit dem Schamanismus keinen Disput führen? Warum darf sie das Handeln der skrupellosen Weißen, die sich ja offiziell Christen nennen, nicht infrage stellen, um das edle, kulturübergreifende Tun seines Hauptdarstellers zu begründen, wie es Karl May selbst vollführte? Das würde ich mir mal wünschen. Das wäre dann die eigentliche Suche nach dem Schatz im Silbersee. Sollten es die Einschaltquoten ermöglichen, dass RTL einen zweiten Dreiteiler produziert, so möchte ich dem Sender Old Shurehand I und II mit Unter Geiern als Vorspann ans Herz legen, aber nicht den alten Filmdrehbüchern folgend, sondern eng an den Büchern von Karl May selbst. Ein wirklich spannender Wild-West-Krimi und eine Suche nach den eigenen Wurzeln, das im Spannungsfeld des Disputes zwischen dem Christen Old Shatterhand und dem Atheisten Old Wabble auch noch philosophische und menschliche Tiefe erhält. 

Karodin Tarien München

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