Vorschläge für die weitere Entwicklung suchen

Claudia Möllers: Verschieden – aber versöhnt, Interview mit Heinrich Bedford- Strohm; Im Blickpunkt 30./31. Oktober/1. November

Es ist gut, dass Katholiken und Protestanten nicht mehr misstrauisch Krieg führen, sondern dass Vertrauen und menschliche Beziehungen gewachsen sind, vor allem zwischen dem EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm und Kardinal Marx sowie zu Papst Franziskus. Das war’s allerdings von offizieller Seite. Nachgegeben hat die katholische Kirche keinen Zentimeter und von evangelischer Seite ist Konkretes auch nicht zu erkennen. Dabei hätte eines der wichtigsten Ziele des Jubiläums sein müssen: Wo brennt es heute, was muss heute reformiert werden? Der berühmte Theologe Hubertus Halbfas (Jahrgang 1932) hat vor wenigen Jahren geschrieben: „Warum sich das Christentum neu erfinden muss.“ Vor 500 Jahren der Thesenanschlag, das ist natürlich ein Grund zum Feiern. Die Ursachen genauer anzusehen und Vorschläge für die weitere Entwicklung zu suchen, halte ich für wichtiger. Die historische Situation vor der Reformation: katastrophale Zustände vor allem in Rom, aber auch an vielen Bischofssitzen. Diese waren meist religionspolitische Machtzentren auf Kosten der Untertanen: Wir haben den Schlüssel zum Himmelreich, wenn ihr uns genug bezahlt. Die Opposition gegen die Missstände in der Kirche war vor allem im deutschsprachigen Raum sehr groß. Gegner wurden vernichtet, der Reformator Hus wurde verbrannt. Luther gelang dank politischer Unterstützung der Affront gegen Rom. Die politischen Folgen waren allerdings brutal, man denke an die Bauernkriege und den 30-jährigen Krieg, in Mitteleuropa so schlimm wie der 2. Weltkrieg. Noch im vergangenen Jahrhundert, also nach 1950, gab es gewaltige Auseinandersetzungen mit der Konfessionsschule, mit den Beerdigungen, der Kindertaufe in Mischehen usw. Viel Unfug ist verschwunden, doch manche Pfarrer wollen auch heute noch päpstlicher sein als der Papst. Den meisten Menschen aber ist das kleinkarierte Gezänke egal geworden. Viele kennen kaum noch einen inhaltlichen Unterschied zwischen den Konfessionen. Das konkrete Zusammenleben ist wichtiger. Keiner frägt mehr: Bist du katholisch oder evangelisch? Nebenbei: Bei Muslimen ist das (noch) anders: Sie legen massiv wert darauf, dass jeder sofort merkt, dass sie Muslime sind. Kaum ein Protestant bzw. Katholik weiß, dass in der protestantischen Kirche der Karfreitag, der Tag der Erlösung der wichtigste Feiertag ist. Luther hat das Leben ein Jammertal genannt, ertragbar durch die Gnade Gottes. In der katholischen Kirche steht Ostern mit Auferstehung und der Vorstellung eines barocken Himmels im Zentrum. Aber egal was die beiden Kirchen lehren, die Gläubigen laufen beiden davon und Aktive kommen nur wenige nach. Warum? Den meisten Menschen geht es gut. Sie interessieren sich nicht mehr für die alten Mythen von Erbsünde, Jungfrauengeburt, Erlösung durch einen Mord, die siegreiche Auferstehung und die glorreiche Himmelfahrt. Die meisten haben ihr Lebensziel vom Jenseits des Glaubens auf das Hier und Heute verlagert. Die kleine aktuelle Umfrage in ihrer Zeitung „Was machen Sie mit dem zusätzlichen Feiertag“ spiegelt die reelle Situation wieder. Nicht einmal der genannte katholische Pfarrer ist an der Reformationsfrage interessiert. Ein kurzer Blick in die Evangelien sagt uns, was Jesus praktiziert hat: Fernab aller Theorie hat er jedem geholfen, der Hilfe brauchte: Hier, jetzt und heute. Er hat sie nicht auf das Jenseits vertröstet. 

Lorenz Huber Altomünster-Asbach

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